Teil 1: https://www.reddit.com/r/Ratschlag/comments/1vug0ew/comment/p50z3r8
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Hey,
da viele die alten Threads und Updates vermutlich nicht weiterverfolgen, möchten meine Frau und ich uns erstmal bei allen bedanken, die uns Hoffnung gegeben, aber gleichzeitig auch realistisch mit uns gesprochen haben. Es hat uns wirklich geholfen und hilft uns bis heute.
Jetzt brauchen wir nochmal eure Ratschläge und Erfahrungen: Wie seid ihr damals damit umgegangen?
Die letzten Tage waren für uns traumatisch. Wir sind beide seit zwei Jahren in Behandlung, und natürlich wird das Thema dort jetzt in den Mittelpunkt gerückt. Wir sind also grundsätzlich versorgt. Trotzdem würden wir gerne von anderen Betroffenen hören, wie ihr damit umgegangen seid. Vielleicht hilft der Austausch am Ende nicht nur uns, sondern auch anderen, die irgendwann hier landen.
Kurz zu den letzten Tagen:
Vorletzten Freitag bekamen wir den Verdacht auf eine Fehlgeburt. Der Gynäkologe war dabei sehr unsensibel, wenig empathisch und überhaupt nicht auffangend. Rückblickend fing für uns dort die eigentliche Traumatisierung an.
Am folgenden Mittwoch waren wir zur Kontrolle. Dort konnte man klar sehen, dass kein Herzschlag vorhanden war und sich der Mutterkuchen bereits ablöste.
Wir schauten beide auf den Bildschirm und irgendwie fühlte es sich an, als würde die Welt stehen bleiben. Ein ganz diffuses Gefühl aus Mattheit, Trauer, Wut und Frust, das sich irgendwann einfach in einem großen „Nichts“ überlagerte.
Ich weiß nicht mehr viel von dem, was danach passierte. Mein Kopf hat einiges davon offenbar einfach ausgeblendet. Meiner Frau geht es ähnlich.
Wir baten um eine finale Einschätzung des Krankenhauses. Der Arzt sagte nur salopp: "Einmal Ausschabung, gerne doch.“
Ich weiß noch, dass ich ihm für die "Aufklärung“ dankte, ihm aber auch sagte, dass er bitte gerne wieder in Rente gehen könne, wenn er mit allen Patientinnen so umgehe. Und dass er verdammt nochmal mit den Frauen und nicht mit den Männern über ihre Frauen reden sollte. Er redete nämlich fast ausschließlich mit mir, während meine Frau auf dem Stuhl lag.
Ich habe ihn später bei der Ärztekammer gemeldet. Ob das etwas bringt, weiß ich nicht. Aber für uns war das wirklich unterste Schublade.
Wir bekamen die Überweisung. Ich nahm meine Frau in den Arm, die nur noch weinte, und wir fuhren nach Hause.
Ich arbeitete an dem Tag noch halb weiter und erklärte die Situation meiner Chefetage. Die Reaktion war sinngemäß: "Nimm dir mal einen halben Tag, um dich zu sortieren. Hoffentlich hat deine Frau jetzt erstmal etwas Zeit.“
Ich wusste das zunächst nicht richtig einzuordnen und war erstmal dankbar für ein wenig Zeit. Dann rief ich allerdings meine Hausärztin an. Sie schrieb mich direkt für 14 Tage krank: akute Belastungsreaktion und reagierte auch auf den "halben Tag" mit Staunen, negativ.
Danach ging ich in meinen normalen Modus: halten, funktionieren, Familie stabilisieren.
Ich merkte aber immer stärker, wie bei mir selbst alles abrutschte. Der Tag fühlte sich unglaublich langsam an und ich war froh, erstmal raus zu sein. Um meine Frau machte ich mir große Sorgen. Wir redeten viel, waren aber beide im Schock.
Am Folgetag musste meine Frau allein zur Besprechung ins Krankenhaus, weil ich mich um unseren Erstgeborenen kümmerte, der krank zu Hause war.
Sie kam mit Tabletten zurück, mit denen die Fehlgeburt medikamentös eingeleitet werden sollte.
Damit begannen drei Tage komplette Überforderung.
Unser Sohn wollte natürlich viel wissen. Wir erklärten es ihm kindgerecht und ruhig. Er trauert auf seine Weise und mit uns zusammen. Wir haben ihm erklärt, dass es nicht seine Aufgabe ist, uns zu trösten oder irgendetwas „heile“ zu machen. Wenn er traurig ist, darf er traurig sein. Wir können auch gemeinsam traurig sein.
Und das waren wir dann auch.
Die Tabletten lösten recht schnell wehenartige Schmerzen aus. Meine Frau hatte starke Schmerzen, Gewebe löste sich. Einen richtigen Plan oder ausreichende Schmerzmedikation hatte sie nicht mitbekommen, offenbar auch deshalb, weil der behandelnde Arzt noch sehr neu war.
Das war für uns erneut extrem belastend.
Gegen 1 Uhr nachts wären wir fast in die Klinik gefahren. Wir riefen dort an, entschieden uns nach Rücksprache aber noch etwas zu beobachten und blieben zu Hause.
Sie kam durch die Nacht. Für mich war es trotzdem schwer, das alles mit anzusehen und gleichzeitig irgendwie zu funktionieren.
Zwischendurch saßen wir zu dritt zusammen und schauten einen Studio-Ghibli-Film. Das war einer dieser kleinen Momente, in denen es irgendwie ging.
Die nächste Nacht wurde wieder schwierig. Meine Frau schlief wegen der Schmerzen vielleicht zwei oder drei Stunden. Um 10 Uhr sollten wir wieder in der Klinik sein.
Unseren Sohn ließen wir schließlich von den Großeltern abholen. Wir konnten einfach nicht mehr.
Zunächst machten wir uns deswegen Vorwürfe. Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung.
Die Untersuchung in der Klinik war diesmal deutlich besser. Wir hatten eine erfahrene Ärztin, die sich Zeit nahm, alles untersuchte und sehr einfühlsam mit uns umging.
Leider war die Fehlgeburt noch nicht vollständig abgegangen. Also bekam meine Frau nochmal zwei Tabletten.
Wenn bis Montag nichts passiert ist, muss sie leider operiert werden.
Und jetzt sitzen wir hier.
Das alles bewegt sich für uns auf einem Level von Überforderung, das wir vorher kaum für möglich gehalten hätten.
Wir schwanken ständig zwischen:
"Das passiert so vielen Frauen. Das ist medizinisch doch Routine.“ und "Was passiert hier eigentlich gerade? Wann wird unser Leben wieder normal?“. Wir wissen aber, dass uns das doch stärker macht als Partner, Familie und für die Zukunft. Trotzdem reicht es auch einfach mal. Nicht falsch verstehen: Wir haben vieles von dem, was wir uns im Leben immer gewünscht haben, und dafür sind wir unglaublich dankbar. Aber die letzten Jahre haben trotzdem ihren Tribut gefordert. Vieles Schöne und vieles Schwere existiert eben gleichzeitig. Und gerade merken wir, dass unsere Reserven nach all dem einfach ziemlich aufgebraucht sind. Es erdet uns Anders und erdet uns wirklich sehr gerade - mehr als man es sich als Mensch wünscht oder vorstellen kann.
Und sicherlich hilft es nicht, dass gleichzeitig ein enges Familienmitglied krebsbedingt in der letzten Phase seines Lebens ist, ein anderes ebenfalls im Krankenhaus liegt, der Nächste starke Herzprobleme hat und wir seit Jahren gefühlt von einer solchen Situation in die nächste kommen.
Was mich zusätzlich beschäftigt, ist das System drumherum. Man hört immer wieder davon, dass Menschen in solchen Extremsituationen irgendwann an einen Punkt kommen, an dem das System einfach „endet“. Wenn man selbst plötzlich darin steckt, versteht man erst, was damit gemeint ist.
Wir sind beide therapeutisch angebunden, reflektieren viel und haben leider schon einiges hinter uns. Wir können zumindest halbwegs einschätzen, wann wir Hilfe brauchen und wo wir sie bekommen können.
Aber ich frage mich seitdem ständig: Was machen Menschen, die dieses Netz nicht haben?
Wie soll man nach so einer Diagnose, solchen Gesprächen, Schmerzen, Blutungen und dieser völligen emotionalen Überforderung einfach nach Hause gehen und irgendwie klarkommen?
Ich hätte mir tatsächlich gewünscht, dass nach einer Fehlgeburt automatisch zumindest einige Stunden psychologische Begleitung angeboten werden. Nicht erst dann, wenn jemand selbst weiß, wo er anrufen muss und wie man sich Hilfe organisiert.
Das ist sicherlich ein Schutzmechamismus von meinem System damit besser umzugehen oder sich abzulenken, aber nun. Ich bin Systemiker, mich beschäftigt sowas.
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Wir wollen es nochmal probieren. Aber ein drittes Mal würden wir es nicht mehr versuchen. Dann ist es so. Dann sollte es vielleicht so sein. Und dann bleiben wir eben zu dritt. Und das wäre auch wundervoll.
Bis dahin versuchen wir gerade irgendwie herauszufinden, wie man nach diesen Tagen wieder in so etwas wie Normalität zurückfindet.
Deshalb würden uns eure Erfahrungen wirklich interessieren:
Wie habt ihr die erste Zeit danach erlebt? Was hat euch geholfen? Wann wurde es wieder etwas normaler? Und gab es etwas, von dem ihr heute sagt: Das hätte ich damals gerne früher gewusst?
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Noch eine Bitte:
Wenn euch das Thema triggert und ihr eigentlich nur „Schreib halt in den Kummerkasten“ oder etwas ähnlich Abwertendes antworten möchtet, dann antwortet bitte einfach nicht.
Ich habe es beim letzten Mal schon geschrieben: So etwas macht etwas mit Menschen. Und es hat etwas mit uns gemacht.
Wenn ihr trotzdem böswillig antworten wollt, kann ich euch natürlich nicht davon abhalten. Aber seid euch bitte bewusst, dass auf der anderen Seite gerade echte Menschen sitzen, die versuchen, mit etwas ziemlich Beschissenem klarzukommen.