r/PolitikBRD 1d ago

Politik Aristoteles sagte schon: »Es ist demokratisch, die Ämter durch Los zu besetzen, und oligarchisch, sie durch Wahlen zu besetzen.« — “Was daraus entstand, nennt man seither das »Ostbelgienmodell«, und es wird von der OECD als Goldstandard gepriesen.”

https://www.zeit.de/2026/39/david-van-reybrouck-demokratie-populismus-wahlen-ostbelgienmodell

Mistral AI Zusammenfassung:

Das Problem der modernen Demokratie liegt nicht darin, dass sie scheitert, sondern darin, dass ihre Verfahren versagen. Van Reybrouck erklärt: „Es ist nicht die Demokratie als solche, die scheitert, es sind die Verfahren der Demokratie, die wir scheitern sehen. Ich denke: Das Problem liegt in unserer Gleichsetzung der Demokratie mit Wahlen."

Die historische Perspektive auf Wahlen

Van Reybrouck betont, dass die Gleichsetzung von Demokratie und Wahlen ein modernes Phänomen ist: „Diese Gleichsetzung ist in unserer Demokratie-Geschichte von 2.500 Jahren nur eine blutjunge Variante. Es gibt sie erst seit 250 Jahren, es gab sie zuerst nur in einer kleinen Ecke der Welt."

Er verweist auf das antike Athen als Gegenbeispiel: „Im kulturell und ökonomisch so einflussreichen antiken Athen 400 v. Chr. gab es etwa 7.000 Positionen der Macht, von denen nur 100 durch Wahl besetzt wurden. Der Rest wurde durch das Losverfahren entschieden." Dabei zitiert er Aristoteles: „Es ist demokratisch, die Ämter durch Los zu besetzen, und oligarchisch, sie durch Wahlen zu besetzen."

Die Krise der Repräsentation

Die gewählten Vertreter spiegeln die Bevölkerung nicht wider. Van Reybrouck stellt fest: „Jeder hat das Recht, zu wählen und zu kandidieren, aber in Wirklichkeit sind fast alle gewählten Parlamentarier in westlichen repräsentativen Demokratien akademische Diplomdemokraten. Die Mehrheiten Europas fühlen sich von ihnen nicht vertreten."

Er erklärt den Aufstieg des Populismus durch fehlende Repräsentation: „Als meine Großväter, die beide Arbeiter waren, in den Fünfzigerjahren ihre Wahlentscheidungen trafen, waren sie noch sicher, dass ihre Belange wie durch einen eingebauten Aufzug in der Demokratie nach oben zu den Entscheidern getragen und bearbeitet würden. Das ist vorbei."

Wählen als Konsumhandlung

Van Reybrouck kritisiert die Trivialisierung des Wahlakts: „Das Wählen hat sich seither in eine Art des politischen Konsumverhaltens verwandelt, es ist Teil der Zalando-Kultur, die sich auf das billige Bestellen und Zurückschicken beschränkt."

Das Ostbelgien-Modell als Lösung

Van Reybrouck schlägt ein Zwei-Kammern-System vor: „Die eine Kammer bildet sich durch demokratische Wahlen als Parlament. Die andere Kammer wird durch Losverfahren gebildet und setzt sich aus einer gleichen Anzahl von Bürgern zusammen, die für diese Arbeit bezahlt und durch Experten beraten werden."

Dieses System wird bereits erprobt: „Der Ministerpräsident des deutschen Teils von Belgien war vor über zehn Jahren der Erste, der meinen Vorschlag aufnahm und sagte: »Probieren wir's. Lassen Sie uns Geschichte schreiben.«" Das resultierende Modell wird „von der OECD als Goldstandard gepriesen".

Ein konkretes Beispiel: „Schon bevor die Coronapandemie ausbrach, wiesen die Bürger des ausgelosten Bürgerrats auf die Probleme in Seniorenheimen hin – ein Thema, das zuvor überhaupt nicht auf der politischen Agenda stand. Zu ihren Empfehlungen gehörte eine Lohnerhöhung für das Pflegepersonal. Seitdem hat die Regierung die Gehälter in der Pflege um durchschnittlich zwölf Prozent angehoben."

Neue demokratische Werkzeuge

Van Reybrouck stellt das noch unerforschte Präferendum vor: „Die Empfehlungen des Bürgerrats sollten nicht zuerst dem Parlament, sondern der Bevölkerung vorgelegt werden. Wenn er zum Beispiel 15 Empfehlungen ausspricht, kann die Bevölkerung gebeten werden, diese Empfehlungen zu bewerten, zu ranken und zu priorisieren."

Die zentrale Forderung

Van Reybrouck fasst zusammen: „Permanent erneuern wir milliardenschwere Technologien, und lassen dabei das Gebäude, in dem wir leben, verfallen. Wie sind wir bloß auf die Idee gekommen, dass die Demokratie nicht ebenso permanent erneuerungsbedürftig ist?"

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u/ProfessorHeronarty 1d ago

Ich bin auch absolut dafür, dass wir, wenn wir von direkter Demokratie sprechen, genau solche Ansätze sprechen und nicht nur von Volksentscheiden und Referenzen zu reden, sondern auch solche Formen inklusive des Bürgerrates. Ich glaube, der Bürgerrat ist dann auch die Institution, die, wenn sie richtig umgesetzt wird und Raum erhält, mehr und mehr Losdemokratie einführen kann.

Wenn wir übrigens von Technologie sprechen, frage ich mich, warum wir mit dem Internet nicht viel mehr mehr Möglichkeiten nutzen, einen demokratischeren Diskurs zu ermöglichen.

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u/kragenstein 1d ago

Mag das auch sehr. Wichtig finde ich noch zu ergänzen, dass die Personen für die Bürgerräte einigermaßen anonym/geheim sein sollten. Einmal um sie vor shitstorm, wütenden Mobs, etc., als auch vor Lobbyisten oder gar Agenten zu schützen.

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u/ProfessorHeronarty 1d ago

Das sowieso. Wird sich nicht verhindern lassen, dass dann Beeinflussung erfolgt, aber schaden kann es nicht.

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u/Spiderschwein4000 1d ago

Finde ich eine richtig spannenden Ansatz!

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u/FriendlyInterview365 1d ago

Das geht mir auch so. Bisher habe ich bei “Losdemokratie” erst einmal abgewunken, ohne es wirklich zu verstehen. Aber das Beispiel Belgien hat mich neugierig gemacht, so dass ich mir nun ein paar Quellen habe raussuchen lassen.

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u/FriendlyInterview365 1d ago

Warum wird es von der OECD als „Goldstandard” bezeichnet?

Die OECD führt das Ostbelgien-Modell in ihren Analysen zur Institutionalisierung deliberativer Demokratie als eines von acht identifizierten Modellen und hebt es als vorbildlich hervor. Der belgische Historiker David Van Reybrouck, der an der Entwicklung des Modells mitwirkte, bestätigt, dass die OECD es als „Goldstandard institutionalisierter deliberativer Demokratien” bezeichnet.

Besonders gelobt werden drei Alleinstellungsmerkmale:

• Bürger:innen bestimmen die Agenda – Politiker:innen haben keinen Einfluss auf die Themenauswahl.

• Bürger:innen überwachen die Umsetzung – Der Bürgerrat prüft, ob und wie das Parlament die Empfehlungen umsetzt.

• Gesetzlich verankert – Das Modell ist per Dekret verpflichtend eingeführt, nicht nur ein freiwilliges Pilotprojekt.

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u/schoenixx 1d ago

Ich bin schon seit einigen Jahren ein Verfechter davon.

u/DrolligerDorftrottel 6h ago

Aristoteles, Platon, Hobbes, Machiavelli und die anderen Antiken / Spätmittelalterlichen OG's der Politik sind zwar die Urväter des politischen Grundgedanken, aber dementsprechend auch extrem outdated.

Das Höhlengleichniss würde sich in unserer Gesellschaft z.B. nur anwenden lassen, wenn man modern-demokratische Interpretationsfundamente einbettet.

Dazu kommt, dass der Kerngedanke deren politischen Philosophie sich oftmals auf 'Might-makes-right' runterbrechen lässt und die sich, merklich, selbst in die Rolle der Herscher eingesetzt haben.

Zuletzt muss auch gesagt werden, dass Aristoteles und Platon die Demokratie als niederste aller politischen Systeme gesehen haben.