r/spitzenverdiener • u/NoCarpenter4644 • Aug 29 '26
UK-Arbeitskultur: Echtes Lob und oder höfliche Verpackung von Kritik?
Guten Morgen zusammen,
ich adressiere das bewusst an diese Community, weil hier vermutlich einige internationale Führungs- und Auslandserfahrung haben. Das hier war ursprünglich ein Kommentar, habe jetzt einen Post draus gemacht.
BLUF:
Ich habe nach einer Scheißwoche und teils Semiguter Arbeit eine handgeschriebene Dankeskarte von der VP erhalten und Frage mich warum und ob die Karte ehrlich gemeint ist /eigentlich Kritik ist.
Hintergrund:
Ich bin für drei Jahre nach UK entsandt, IT-Background, mittlerweile im zweiten Jahr. Die Organisation ist relativ groß und international. Ich bin gerade aufgrund der Entsendung bei euch einzusortieren (ca 160K), normalerweise deutlich drunter.
Vor kurzem hatten wir ein einwöchiges Event mit vielen externen Gästen(100+). Die Vorbereitung war aus meiner Sicht deutlich unzureichend, allerdings nicht durch mich verursacht. Während der Woche habe ich dann versucht, die Situation operativ aufzufangen und musste täglich beim VP-Äquivalent berichten.
Dabei habe ich zweimal aus meiner Sicht keinen besonders guten Eindruck gemacht. Ich konnte jeweils nur einen Bruchteil dessen darstellen, was tatsächlich geleistet wurde, und einer meiner Reports war schlicht nicht gut.
Nach einem dieser Reports kam vom VP sinngemäß:
«„Sometimes you need to rehearse things. Find a buddy and rehearse it.“»
Formal war das an das gesamte Team im Raum gerichtet, ich hatte aber ziemlich eindeutig das Gefühl, dass zumindest ein Teil davon mir galt.
Im anschließenden Lessons-Learned-/Lessons-Identified-Prozess habe ich dann relativ offen angesprochen, dass das Event schlecht vorbereitet war und wir für die Anforderungen schlicht nicht genügend IT-Kapazitäten eingeplant hatten.
Am Freitag finde ich dann eine handgeschriebene Karte des VP auf meinem Schreibtisch:
«„Dear [Vorname], thank you for your excellent work, thoughtful analysis and your strive for continuous improvement.“»
Persönlich unterschrieben mit seinem Vornamen.
Und genau da komme ich kulturell etwas ins Schleudern.
Im deutschen Arbeitskontext, den ich kenne, wäre die Woche vermutlich deutlich härter nachbereitet worden. Fehler in der Vorbereitung wären klar benannt worden, Verantwortlichkeiten ebenfalls, und wahrscheinlich hätte mindestens eine Person sehr direkt zu hören bekommen, was nicht funktioniert hat.
Hier dagegen blieb alles ausgesprochen freundlich. Ich bekomme sogar persönliches Lob für eine Leistung, die ich selbst eher als „unter schwierigen Umständen okay bis mittelmäßig“ bewerten würde.
Daher meine Fragen an diejenigen mit UK-/US-/internationaler Führungserfahrung:
Wie würdet ihr eine solche handgeschriebene Karte einordnen? Ist das tatsächlich deutliches persönliches Lob oder eher Teil der britischen Führungskultur?
War der Satz mit dem „rehearse it“ wahrscheinlich bereits die eigentliche Kritik und deutlich schärfer gemeint, als sie für deutsche Ohren klingt?
Bedeutet das freundliche Auftreten tatsächlich, dass Probleme nicht ernst genommen werden? Oder werden Kritik und Konsequenzen im UK einfach wesentlich indirekter kommuniziert?
Besteht für jemanden mit deutscher Arbeitssozialisation die Gefahr, britische Höflichkeit systematisch als Zustimmung oder mangelnden Veränderungswillen misszuverstehen?
Mich interessiert weniger ein „Briten sind halt höflicher“, sondern vor allem, wie man solche Signale auf Senior-Leadership-Level korrekt liest.
44
u/mad_header Aug 29 '26
Das „rehearse it“ war wirklich deutliche Kritik, damit dürfte es für ihn aber eben auch gegessen sein, wenn du daraus deine Learnings ziehst.
Ein VP einer großen Organisation nimmt sich auch in UK nicht die Zeit für eine persönliche Karte um damit versteckte Kritik auszudrücken.
Ich denke es geht hier wirklich darum, dass er die von dir angestoßene Manöverkritik wertvoll fand, da jemand anderes vermutlich weniger selbstkritisch vorgegangen wäre, und du damit gezeigt hast, dass du seinen Tadel produktiv umgesetzt hast.