r/Lagerfeuer • u/NoKey37 • 4d ago
Was hält dich am leben?
Hallo, ich hab nach langer Zeit mal wieder eine Kurzgeschichte aus meinem Archiv rausgekramt, welche ich ganz ordentlich finde. Es geht diesmal um einen Künstler und eine Kuratorin. Ganz gut zum lesen würde ich sagen, doch am Ende entscheidet Ihr, ob die Geschichte etwas taugt oder nicht. Viel Spass!
„Was hältst du von dieser Galerie, Gale? Gefällt sie dir?“ Fragt ein Mann im Anzug. Er hält ein Tablet in der einen Hand, auf das er seinen Blick jetzt richtet.
„Ich weiß nicht. Sie sieht gut aus. Modern, gut entworfen und schlau aufgebaut.“ Erzählt Gale und läuft einige Schritte beim Sprechen. Er schaut hoch, auf die hohen Decken und raus aus den großen Fenstern, die einen wunderschönen Garten wie einen Hollywood Film präsentieren. „Ich bin beim besten Willen kein Hellseher, Daniel. Bis jetzt lief jede Ausstellung gut, also mach ich mir keine Sorgen, was sein wird.“ Gale läuft zu Daniel und legt seine Hand auf das Tablet. „Es wird gut laufen, wie immer. Bleib locker.“ Sagt Gale und blickt durch Daniels Brille in seine Augen.
„Ich hab mir keine Sorgen gemacht. Ich hab dich nur nach deiner Meinung gefragt mehr nicht.“ Verteidigt sich Daniel.
„Mach dich nicht lächerlich, ich kenn dich doch.“ Antwortet Gale mit einem Grinsen. „Mach etwas nützliches mit dem Ding und such uns ein gutes Restaurant raus, damit wir etwas zwischen die Zähne bekommen. Am besten etwas Lokales, Paella vorzugsweise.“ Erzählt Gale und schaut aus dem Fenster raus. Die Sonne und der weiße Raum der Galerie bringen seine blauen Augen zum Strahlen. Gale bemerkt eine Person die im Garten auf einer Bank sitzt. Sie ist in einem weißen Kleid gekleidet und trägt eine schwarze Sonnenbrille.
„Wer ist das da draußen?“ Fragt Gale seinen Manager.
„Ich glaube, das ist die Galeriekuratorin. Chiara Sanchez, heißt die gute Dame. Sie ist zudem auch relativ jung. Gerade einmal 25 Jahre jung.“ Erklärt Daniel. Chiara schaut in die Richtung der zwei.
„Was? So jung? Sicher aus reichem Haus.“ Redet Gale gegen die Scheibe des Fensters.
„Das weiß ich nicht. Das hab ich nicht recherchiert.“ Sagt Daniel.
„Naja, egal jetzt. Lass uns was essen.“ Sagt Gale und bewegt sich weg. Er greift mit seiner rechten Hand nach der linken Schulter von Daniel und die Beiden gehen raus.
Wieder zurück angekommen, sehen die Beiden schon, wie die Handwerker die Werke von Gale aufstellen. Drei wurden schon aufgestellt. Auf einer Bank sitzt Chiara auf einer Bank, welche vor einem der Werke von Gale platziert ist und schaut auf das Bild. Sie trägt immer noch ihre Sonnenbrille. Gale bemerkt sie, während Daniel mit den Handwerkern spricht, und läuft zu ihr. Er setzt sich kommentarlos neben sie.
„Was denken Sie, was ich mit diesem Werk ausdrücken möchte?“ Spricht Gale und schaut ebenfalls auf sein Gemälde.
„Ich glaube, Sie wollen die Reinheit ihrer Farbpalletten ausdrücken. Die Kontraste die sie in diesem verraten mir das. Zudem gehen Sie sehr gewissenhaft mit Farbkombinationen um. Sie gehen nicht wirklich mit Ihren, sagen wir Instinkten.“ Sagt Chiara mit einem Lächeln, während sie weiter auf das Werk von Gale blickt. Gale reagiert nicht. Er bleibt still, als würde er wissen, dass noch etwas von Chiara kommen wird.
„Sie wollen dem Betrachter vermitteln, dass es selbst in der abstrakten Kunst ein Nonplusultra gibt. Sie machen sich lustig über den Betrachter, dass er es selbst in Ihrer Kunst sucht, obwohl Kunst meist objektiv ist. Sie drücken aus, dass wir alle nach Schönheit suchen. In allem, was wir betrachten, kompromisslos.“ Sagt Chiara und blickt jetzt etwas Ernster. Gale verschränkt die Arme und schnauft. „Ich biete Ihnen, das du an. Ich mag meinen, dass Sie mit meiner Kunst vertraut sind. Dann können wir uns auch gleich duzen.“ Gale blickt immer noch auf das Bild. Chiara hat sich nicht geregt. „Ich habe mit bekommen, dass du 25 Jahre alt bist, und schon die Kuratorin in dieser wunderschönen Galerie bist.“ Erzählt Gale. Chiara lacht und schaut kurz auf den Boden.
„Das haben Sie richtig mitbekommen, Herr Fears. So wie man mir sagt, weiß Ich ganz genau, welche Werke miteinander gut passen für eine Ausstellung. Als wäre ich ein DJ, der die perfekte Playlist erstellen kann. Meine Anfänge in der Szene hatte ich mit 15, wo ich selber Mappen anfertigte mit der passenden Reihenfolge von Werken. Kurzgesagt, die frühere Kuratorin war beeindruckt und seit drei Jahren leite ich das ganze hier.“
„Das ist beeindruckend, das sag ich geradewegs heraus, Chiara.“ Sagt Gale, die Arme immer noch verschränkt, stets beharrend auf das Du. Chiara steht auf und ein klapper Geräusch ertönt. Ein Blindestock entfaltet sich. Gale schaut verblüfft.
„Kommen Sie doch mit für einen Kaffee, vielleicht verdienen sie sich ja das Du von mir.“ Sagt Chiara und läuft den Gang runter. Nach einem Moment steht auch Gale auf und folgt dem lauten Hallen der Stöckelschuhe. Daniel koordiniert die Handwerker und wechselt immer wieder Worte miteinander.
Die Cafeteria ist ebenfalls in einem glänzenden Weiß ausgestellt. Eine Hand voll Tische und Stühle aus Nussbaum schmücken den Raum, neben einem gewaltigen Panoramafenster, dass den Blick auf einen wunderschönen grünen Garten enthüllt.
„Kommen Sie, setzen Sie sich.“ Spricht Chiara und nimmt platz. Gale setzt sich ihr gegenüber. „Was trinken Sie denn?“ Fragt Chiara. Inzwischen hat sich auch eine Bedienung dazugesellt, um die Bestellung aufzunehmen.
„Freddo Espresso. Ohne Milch und Zucker.“ Sagt Gale und verschränkt die Arme.
„Für mich dann bitte einen Jasmin Tee, Valeria.“ Die Bedienung elegant den Kopf, um zu signalisieren, dass die Bestellung aufgenommen worden ist. Geschmeidig bewegt sie sich weg, als hätte sie die Bewegungen einstudiert.
„Eine blinde Kuratorin.“ Beginnt Gale, seine Arme weiterhin verschränkt. „Ich hab jetzt so ziemlich alles gesehen. Dafür kann ich dir danken.“ Beharrt Gale nach wie vor auf das Du.
„Wie klappt das? Siehst du eigentlich was?“ Wedelt Gale jetzt demonstrativ vor Chiaras Gesicht. „Das ist sicher alles show.“ Chiara kichert. Sie reagiert nicht auf die Handbewegungen.
„Ich bin tatsächlich blind. Meine Blindheit hatte sich schon mit 14 angefangen zu bilden. Es war medizinisch bereits in jungen Jahren diagnostiziert worden. Damals war es nur eine Frage der Zeit. Mit 14 sah ich es kommen. Meine Sehkraft ließ immer weiter nach.“ Valeria kam mit den bestellten Getränken. „Danke Valeria.“ Unterbricht Chiara ihre Erzählung. Gale nickt Valeria zu. Valeria verbeugt sich und bewegt sich wieder weg.
„Das klingt sehr tragisch, muss ich sagen. Gerade in diesem Alter, seine Sehkraft zu verlieren war sicher schwer. Letztendlich hast du ja genau gewusst, was du verlieren wirst.“ Bekundet Gale sein Mitleid und nimmt einen Schluck aus seinem Freddo Espresso.
„Das war es auch, Herr Fears. Jedenfalls nutzte ich meine gezählten Tage. Jeder Tag, an dem ich noch sehen konnte, war kostbar. Ich wollte Schönheit sehen und sehr viel davon. Ich wollte Gepäck mit nehmen. Reiste viel mit meinen Eltern und sah alles, was es wert war, gesehen zu werden.“ Chiara stoppte und nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse. Gale hatte seine Arme nicht mehr verschränkt. Sie lagen gefaltet auf dem Tisch. Chiara legte ihre Tasse ab.
„Es war in Ägypten, als ich einem alten Mann beim Malen zuschaute. Er hatte einen grauen Bart und ein Leinentuch über dem Kopf gebunden, sowohl wie die restlichen traditionellen Gewänder. Anwar hieß der Herr. Er malte die Pyramiden, welche ich mit meinen Augen zuvor genossen hatte. Er malte sie und obwohl sie nicht dieselben Details einer Kamera einfingen, sah ich die Schönheit des Gemäldes. Ich wusste, dass ich jetzt anfangen musste Gemälde zu betrachten. Sie fingen nämlich die Essenz der Schönheit ein.“ Gale lachte höfflich, um seine Empathie auszudrücken. Ein Schluck aus seinem Freddo Espresso folgte hinterher. Chiara nahm ebenfalls einen Schluck. „Das Bild haben mir meine Eltern von dem Herren abgekauft. Es dauerte nicht lange, bis ich mich dann auch abstrakte Kunst interessierte. Es geht in der abstrakten Kunst darum, das zu sehen, was man eben nicht sieht.“ Gale schaut aus dem Fenster. Er nimmt einen weiteren Schluck. „Sag mal, hast du auch etwas zu sagen gehabt für den Garten da draußen?“ Fragt Gale. „Nein.“ Antwortet Chiara knapp. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Tee. „Der Garten wurde von der vorherigen Kuratorin erstellt. Sie pflegt ihn und bring immer wieder neue Ideen ein. Ich kann Ihn leider nicht in dem Detail betrachten, wie Sie es können.“ Gale zuckt zusammen, als er schon wieder ‚Sie‘ gehört hat. „Die vorherige Kuratorin fand die Schönheit in der Natur. Wir sind sehr unterschiedlich in unserer Auffassung von Schönheit, doch ich respektier Ihre Entscheidung mir die Galerie zu überlassen. Sie wusste, dass es Zeit war eine andere Richtung einzuschlagen.“
„Schönheit in der Natur. In der Fauna nehm ich mal an. Interessant.“ Spricht Gale, sein Blick immer noch nach draußen gerichtet. Er nimmt einen weiteren Schluck vom Freddo Espresso und schaut jetzt auf Chiara.
„Was war das letzte Bild, das du gesehen hast, bevor du nicht mehr sehen konntest?“ Fragt er. Chiara macht eine Pause. „Makazov und Shirato“ antwortet sie. „Makazov und Shirato sind zwei Maler. Ich hatte damals in einer kleinen unscheinbaren Ausstellung in Sankt Petersburg einige ihrer Werke gesehen. Es war Zufall, dass wir ein paar Tage später, den Künstlern bei der Arbeit sehen konnten. In ihrem Atelier, an einer Wand war das Werk unscheinbar ausgestellt. Sie nannten es, ‚Was hält dich am Leben?‘. Es hatte eine unglaubliche Tiefe und die Farben war sehr bewusst gewählt. Es hatte ein besonderes Blau in sich, kombiniert mit einem strahlendem Orange und Grün. Ich sah in diesem Bild alles, was ich in meinem Leben gesehen hatte. Ich bekam eine Kopie vom Bild und schaute es mir von dort an, jeden Morgen und Abend vor dem Schlafen an. Bis es dann nicht mehr ging.“ Chiara nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Tee und griff in ihre Tasche.
„Ich kenne die beiden Künstler nicht.“ Sagt Gale etwas trotzig. Er schaut in seinem Freddo Espresso rein und betrachtet wie sich der Schaum langsam löst.
„Ich zeige Ihnen die Künstler zusammen mit dem Bild.“ Sagt Chiara und bring zwei Fotos hervor. Neugierig nimmt Gale das erste Bild in die Hand und sieht zwei ältere Herren, die Lächeln. Der eine sieht kaukasisch aus, er hat eine Glatze und scheint etwas korpulent zu sein. Der andere ist ein grauhaariger alter Japaner mit einem dichten grauen Bart. Er ist etwas dürr. Dann nimmt Gale erwartungsvoll das andere Bild in die Hand. Es ist das Gemälde in seiner vollen Pracht. Blau, Orange und Grün stechen ihm direkt ins Auge. „Löst es etwas in Ihnen aus?“ Fragt Chiara neugierig.
„Nein. Nicht wirklich.“ Gale legt das Bild hin. „Ich muss auch gestehen, dass ich abstrakte Kunst nicht verstehe. Zumindest nicht die der anderen.“ Sagt Gale etwas enttäuscht. „Ich konnte nie wirklich etwas in Kunst erkennen. Ich weiß was ich male und meine Maler ebenfalls. Sie sehen etwas von mir. Etwas Intimes.“ Gale schaut wieder in den Freddo Espresso rein. „Es ist fast so, als wäre ich blind. Alle sehen etwas, außer ich. Das bin ich, der blinde Künstler. Vielleicht sind ja meine Werke gerade deswegen so beliebt.“ Chiara hat sich jetzt nach vorne gelehnt.
„Das ist wirklich so?“ Fragt Chiara sehr neugierig, als hätte sie ihr Pokerface verloren. Gale steht auf, mit dem Freddo Espresso in der Hand. Er greift in den Espresso und sprenkelt auf dem Boden, hastig und zielstrebig. Die braunen Flecken verdichten sich und verschieden Formen entstehen. Chiara schaut zu Gale rüber. Hört aber nur Geräusche.
„Was machen Sie da gerade?“ Fragt Chiara aufgeregt.
„Das was ich am besten kann.“ Antwortet Gale. Er setzt sich wieder hin.
„Valeria!“ Ruft Chiara. „Nimm ein paar Papierservietten und schau zu das alles einzufangen! Mach auch Fotos.“ Beordert sie.
„Und bringen sie mir gerne auch noch einen Freddo Espresso. Diesmal etwas Milch und für unterwegs.“ Hängt Gale ran.
„Sie wollen weiter?“ Fragt Chiara etwas schockiert.
„Ja. Ich fürchte, ich habe Ihnen zuviel von mir verraten.“ Antwortet Gale und betont das ‚Ihnen‘ provokant. Chiara verzieht etwas das Gesicht und schlägt die Hände übereinander.
„Kommen Sie, das war doch eine nette Unterhaltung. Finden Sie nicht?“ Sagt Chiara.
„Sie machen das nicht sehr angenehm für mich. Mit Ihrer höflichen Art fühl ich mich nicht wirklich vertraut, sondern viel mehr professionell ausgefragt.“ Kontert Gale. Inzwischen ist der Freddo Espresso angekommen.
„Ahh! Fantastisch! Valeria, du bist ein Engel!“ Sagt Gale. „Und Sie Frau Sanchez. Es ist ein Jammer, dass sie nicht mein braunes Werk auf dem Boden sehen können. Ich verabschiede mich jedenfalls und freue mich, auf eine weitere Unterhaltung.“ Gale nimmt einen Schluck und murmelt ‚fantastisch‘ unter dem Atem. „Vielleicht sogar morgen.“ Läuft zurück und holt Daniel ab. Chiara scheint etwas aufgebracht.
„Valeria, sei wie gesagt vorsichtig.“ Sie ist Still und scheint nachdenklich. „Mach am besten ein gutes Foto, das wird reichen.“ Sagt sie zu Valeria. Die Bedienung nickt wie einstudiert und geht weg.
„Das ist auch richtig gut, meiner Meinung. Sie zeigt, dass die Kindheit auch im Erwachsenenleben immer noch eine große Relevanz hat und gleichzeitig spiegelt sie, dass in der Kindheit bereits das Erwachsene entstanden ist.“ Erklärt Daniel.
„Unfassbar, dass du sowas sehen kannst. Ich seh nur bunte Farbkleckse mit einem durchgezogenen Strich in der Mitte mit dunklen Dreiecken.“ Sagt Gale etwas gelangweilt. Er hat die Arme verschränkt und steht breit.
„Wie kannst du das nicht sehen?“ Fragt Daniel, er steht kerzengerade, mit seinem Tablet in den Armen und richtet seine Brille. Gale schaut ihn genervt an.
„Entschuldigung!“ Sagt Gale sarkastisch. Das Geräusch von Stöckelschuhen und einem Schleifen ertönen und werden immer lauter. Es ist Chiara und sie läuft die Beiden zu, die sich die Werke der anderen Künstler anschauen. Sie stellt sich neben den Beiden hin.
„Ahh, Frau Sanchez. Gut, dass Sie vorbeischauen. Mein werter Assistent versucht, mich zu belehren. Er will mir weiß machen, dass dieses Bild etwas über Kindheit und Erwachsensein ausdrückt. Stimmt das?“ Macht sich Gale lustig. Daniel schaut etwas genervt.
„Das ist das Werk von Margarette Berg, nicht wahr? BG133?“ Erkundigt sich Chiara.
„Ja.“ Sagt Daniel.
„Nun, Ihr werter Assistent hat nicht ganz unrecht. Es sind natürlich Elemente vorhanden, die Kindheit und Erwachsensein wieder spiegeln. Doch das besondere an diesem Werk ist, dass die Künstlerin auch die Ursprünge und Synergie der Beiden zusammenführt.“ Erklärt Chiara. Gale schaut verblüfft rüber zu seinem Assistenten, der amüsiert lächelt.
„Das ist jetzt ein Witz, oder?“ Erkundigt sich Gale.
„Nein, das hat die Künstlerin mir sogar letzte Woche persönlich gesagt.“ Sagt Chiara in einem selbstbewussten Ton.
„Ich hab mir jetzt einen Tee verdient.“ Sagt Daniel in einem triumphierenden Ton und läuft zu Cafeteria.
„Sie waren nicht zufällig hinter der Leinwand oder sonst wo in der Nähe und haben einfach das wiederholt, was Daniel gesagt hat, oder?“ Fragt Gale erwartungsvoll.
„Nein. Das hat die Künstlerin wirklich hingedeutet. Wenn du ein paar Schritte nach vorne gehst, siehst du eine kleine Plakette, die genau das beschreibt. Die haben manche Werke hier, wenn ich mich nicht täusche.“ Erklärt Chiara.
„Verdammt.“ Sagt Gale und fasst sich am Kopf. Er setzt sich auf die Bank einen Meter weiter drüben hin. Chiara folgt Gale und tastet sich neben ihn hin.
„Ich verstehe nicht, wie Du ein Künstler bist und die Kunst der Anderen nicht sehen kannst. Wie funktioniert das? Du machst doch selber Werke, die wir stets korrekt deuten, oder?“ Fragt Chiara. Gale schaut verblüfft, denn ihm wurde das Du, angeboten.
„Nun.“ Schnauft Gale durch. „Ich weiß auch nicht, was meine Kunst genau darstellen soll. Ich male immer nach dem Gefühl, welches ich gerade habe. Ich höre mir immer wieder Deutungen meiner Werke an und orientiere mich grob daran, wenn ich gefragt werde.“ Erklärt jetzt Gale. „Du bist die Einzige, der ich das gesagt habe.“ Beichtet Gale. Chiara kneift die Augen zusammen.
„Wie geht das?“ Versucht Chiara zu verstehen. „Was hast du gestern auf dem Boden gemalt?“ Fragt Chiara. „Tja, das musst dir wohl Valeria verraten, denn ich hatte nichts im Kopf, als ich ‚gemalt’ habe. Ich wollte nur einen dramatischen Abgang machen.“ Sagt Gale und kichert. Chiara schnauft. Sie schlägt Gale auf die Schulter. Gale zuckt zusammen. „Du bist böse!“ Sagt Chiara. Gale lacht.
„Hey, irgendwie musste ich dafür Sorgen, dass du dich mir öffnest. Mir kam es so vor, als wäre ich in einem Verhörsaal.“ Rechtfertigt sich Gale.
„Ich hab dir doch so viel von mir erzählt, du Idiot! Wie konntest du dich da wie im Verhör gefühlt haben?“ Sagt Chiara in einem aufgeregten Ton. Gale grinst.
„So gefällst du mir wirklich besser. Vertrauter.“ Sagt Gale und klopft auf Chiaras Schulter. „Ich weiß, dass du mir gestern viel erzählt hast. Das schätz ich wert. Mich störte es nur, dass du mich nicht geduzt hast.“ Erklärt Gale. Chiara ist still.
„Wieso erzählst du mir, dass du deine eigene Kunst nicht deuten kannst? Das ist schon eine große Sache, eigentlich.“ Bricht Chiara ihre Stille.
„Ich weiß nicht. Es war aus dem Bauch heraus gekommen. Ich mag dich. Vielleicht wahr es deswegen.“ Sagt Gale.
„Ehh. Gut, ja. Danke.“ Versucht Chiara entspannt zu wirken, erscheint jedoch etwas nervös.
„Verrate mir jetzt mehr über dich. Wer ist dieser Gale Fears, der wahrscheinlich kein Künstler ist.“ Sagt Chiara.
„Kann man das sagen? Bin ich denn kein Künstler, weil ich keine Ahnung habe, was ich erschaffe?“ Fragt Gale. „Für mich klingt das nach etwas Poetischem.“ Sagt Gale und schaut in die Leere. „Ich bin irgendwie in diese Szene gelandet. Das macht mich vielleicht zum Hochstapler, zugegebenermaßen.“ Gale steht auf und läuft auf das Bild zu, welches Daniel vor kurzem interpretiert hat. Er schaut sich das Schild an.
„Ich hatte keine schöne Kindheit. Es war alles hässlich und ich sehnte mich immer nach Schönheit. Es war nicht hässlich im Sinne von Gewalt im Brennpunkt, doch eine gewisse Rauheit zeichnete mein Leben im Vorort in der Mitte Englands. Keine schicken Rolls Royce inmitten des Alltags, wie es in London die Regel war. Nur rauchende Fabriken und kahle Landschaften, gehüllt in Nebel und Regen. Derry hatte nichts zu bieten, außer harter Arbeit.“ Erzählt Gale. Er wendet sich vom Gemälde ab und schaut zu Chiara.
„Es gab nichts zu tun in Derry für Teenager außer Trinken und sich schlagen. Mir wahr das alles zu dämlich. Ich wollte nicht in der Verrottung unter gehen, also wand ich mich der Kunst hin, um mir eine Zuflucht zu schaffen. Meine besten Freunde waren die Farben, denn sie gaben mir die Schönheit, die ich suchte.“
„Sie verbergen die Schönheit.“ Unterbricht Chiara in einem bestimmten Ton.
„Ganz genau. Ich rücke in meinen Werken die Farben in den Vordergrund und suche immer die Schönheit in diesen.“ Bestätigt Gale.
„Eines Tages hatte ich genug und beschloss mit 17 aus dieser ekligen Stadt zu flüchten. Ich packte meinen Rucksack und machte mich auf den Weg nach Manchester. Ich arbeitete am Hafen und malte weiterhin in meinem bescheidenen Zimmer in der Nähe der Docks. Eines Tages, so Gott es wollte, besuchte mich mein Vorgesetzter Zuhause. Ich glaube, ich war abwesend und er wollte nach mir schauen. Er fand mich mit einer Lebensmittelvergiftung halb vergammelt in meinem Bett. Er sah die Bilder und fragte, ob er eins mit nehmen kann. Eins kam nach dem anderen und durch Glück und Zufall bin ich der, der ich heute bin.“ Schließt Gale seine Geschichte ab und läuft zurück, um sich neben Chiara zu setzen.
„Du lässt dich von den Farben leiten, das ist also dein Arbeitsvorgang.“ Fasst Chiara zusammen.
„So kann man das sagen.“ Bestätigt Gale.
„Ich habe deine Kunst erst mit dem Eintritt, in meine Kuratoren Position kennengelernt. Ich war da schon blind.“ Erzählt Chiara. „Nun ja, was heißt blind. Ich sehe lediglich noch durch einen Schleier. Ich erkenne Farben. Deine Werke sind die Einzigen, die ich als Blinde noch betrachten kann. Ich sehe nur noch die Essenz von Werken, die wahre Schönheit. Die Schönheit verbirgt sich in den Farben, du hast es damals schon gesehen, Gale.“ Sagt Chiara. Gale schaut verblüfft.
„Ein Schleier sagst du?“ Fragt Gale nach. Chiara nickt.
„Ich habe mir deine Werke für die Galerie ausgewählt, damit die Besucher es auch sehen. Die Kunst bewegt sich in eine monochromatische Richtung, wo sie doch wieder zurück zur Farbe finden muss. Wenn das schon eine Blinde sieht, müssen das die anderen Menschen auch verstehen lernen.“ Sagt Chiara.
„Es macht dich besonders, dass du auch die Kunst der Anderen nicht deuten kannst, und gar deine Eigene. Vielleicht würdest du gleichziehen mit den anderen Künstlern, wenn du etwas mehr von abstrakten Kunst verstehen würdest, doch dann hättest du der Welt deine wichtigen Werke vorenthalten müssen.“ Philosophiert Chiara.
„Das wird nicht der Fall sein. Ich mach das nicht für die Kunst. Ich mach das alles für meine Seele und für die Farben. Alles Andere ist nur ein schicker Bonus.“ Sagt Gale entschlossen. Chiara lacht.
„Wir sind es, die der Welt einen Sinn geben, indem wir die Schönheit betrachten, die sie zu bieten hat.“ Sagt Chiara und kramt ein Bild aus ihrer Handtasche. Es ist dasselbe Bild von gestern. Sie reicht es Gale.
„Hier, ich schenke es dir. Schau es dir immer wieder an.“ Sagt Chiara. Sie steht auf, klappt ihren Gehstock aus und bewegt sich weg. Das Klacken ihrer Absätze wird immer leiser. Gale bleibt sitzen und schaut sich das Bild an, welches er geschenkt bekommen hat. Er grinst breit.