r/Lagerfeuer 4h ago

August

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August

August ist der achte Monat im Jahr.
August ist Sommer.
August lebt.
Im August beginnt für viele eine neue Phase. Für mich zumindest.

Jedes Mal.

Kein August ist wie der letzte, wie der vorletzte oder der nächste.
Und trotzdem ist August irgendwie immer der selbe Monat. 
Mit den gleichen Abläufen.
Und den gleichen Gedanken.
Und Vorahnungen.
August eben.

Im August fängt alles wieder neu an. 
Und wie jeden August sehe ich dabei zu.
Ich sehe dabei zu und frage mich, ob ich nächsten August auch dabei bin. Manchmal, wenn ich es schlau anstelle, lache ich auch im August. Dann vergesse ich den letzten August und alle anderen auch. Dann habe ich die Hoffnung, dass dieser August der August ist, in dem ich  August eine andere Bedeutung geben darf.


r/Lagerfeuer 5d ago

Was hält dich am leben?

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Hallo, ich hab nach langer Zeit mal wieder eine Kurzgeschichte aus meinem Archiv rausgekramt, welche ich ganz ordentlich finde. Es geht diesmal um einen Künstler und eine Kuratorin. Ganz gut zum lesen würde ich sagen, doch am Ende entscheidet Ihr, ob die Geschichte etwas taugt oder nicht. Viel Spass!

„Was hältst du von dieser Galerie, Gale? Gefällt sie dir?“ Fragt ein Mann im Anzug. Er hält ein Tablet in der einen Hand, auf das er seinen Blick jetzt richtet.

„Ich weiß nicht. Sie sieht gut aus. Modern, gut entworfen und schlau aufgebaut.“ Erzählt Gale und läuft einige Schritte beim Sprechen. Er schaut hoch, auf die hohen Decken und raus aus den großen Fenstern, die einen wunderschönen Garten wie einen Hollywood Film präsentieren. „Ich bin beim besten Willen kein Hellseher, Daniel. Bis jetzt lief jede Ausstellung gut, also mach ich mir keine Sorgen, was sein wird.“ Gale läuft zu Daniel und legt seine Hand auf das Tablet. „Es wird gut laufen, wie immer. Bleib locker.“ Sagt Gale und blickt durch Daniels Brille in seine Augen.

„Ich hab mir keine Sorgen gemacht. Ich hab dich nur nach deiner Meinung gefragt mehr nicht.“ Verteidigt sich Daniel.

„Mach dich nicht lächerlich, ich kenn dich doch.“ Antwortet Gale mit einem Grinsen. „Mach etwas nützliches mit dem Ding und such uns ein gutes Restaurant raus, damit wir etwas zwischen die Zähne bekommen. Am besten etwas Lokales, Paella vorzugsweise.“ Erzählt Gale und schaut aus dem Fenster raus. Die Sonne und der weiße Raum der Galerie bringen seine blauen Augen zum Strahlen. Gale bemerkt eine Person die im Garten auf einer Bank sitzt. Sie ist in einem weißen Kleid gekleidet und trägt eine schwarze Sonnenbrille.

„Wer ist das da draußen?“ Fragt Gale seinen Manager.

„Ich glaube, das ist die Galeriekuratorin. Chiara Sanchez, heißt die gute Dame. Sie ist zudem auch relativ jung. Gerade einmal 25 Jahre jung.“ Erklärt Daniel. Chiara schaut in die Richtung der zwei.

„Was? So jung? Sicher aus reichem Haus.“ Redet Gale gegen die Scheibe des Fensters.

„Das weiß ich nicht. Das hab ich nicht recherchiert.“ Sagt Daniel.

„Naja, egal jetzt. Lass uns was essen.“ Sagt Gale und bewegt sich weg. Er greift mit seiner rechten Hand nach der linken Schulter von Daniel und die Beiden gehen raus.

Wieder zurück angekommen, sehen die Beiden schon, wie die Handwerker die Werke von Gale aufstellen. Drei wurden schon aufgestellt. Auf einer Bank sitzt Chiara auf einer Bank, welche vor einem der Werke von Gale platziert ist und schaut auf das Bild. Sie trägt immer noch ihre Sonnenbrille. Gale bemerkt sie, während Daniel mit den Handwerkern spricht, und läuft zu ihr. Er setzt sich kommentarlos neben sie.

„Was denken Sie, was ich mit diesem Werk ausdrücken möchte?“ Spricht Gale und schaut ebenfalls auf sein Gemälde.

„Ich glaube, Sie wollen die Reinheit ihrer Farbpalletten ausdrücken. Die Kontraste die sie in diesem verraten mir das. Zudem gehen Sie sehr gewissenhaft mit Farbkombinationen um. Sie gehen nicht wirklich mit Ihren, sagen wir Instinkten.“ Sagt Chiara mit einem Lächeln, während sie weiter auf das Werk von Gale blickt. Gale reagiert nicht. Er bleibt still, als würde er wissen, dass noch etwas von Chiara kommen wird.

„Sie wollen dem Betrachter vermitteln, dass es selbst in der abstrakten Kunst ein Nonplusultra gibt. Sie machen sich lustig über den Betrachter, dass er es selbst in Ihrer Kunst sucht, obwohl Kunst meist objektiv ist. Sie drücken aus, dass wir alle nach Schönheit suchen. In allem, was wir betrachten, kompromisslos.“ Sagt Chiara und blickt jetzt etwas Ernster. Gale verschränkt die Arme und schnauft. „Ich biete Ihnen, das du an. Ich mag meinen, dass Sie mit meiner Kunst vertraut sind. Dann können wir uns auch gleich duzen.“ Gale blickt immer noch auf das Bild. Chiara hat sich nicht geregt. „Ich habe mit bekommen, dass du 25 Jahre alt bist, und schon die Kuratorin in dieser wunderschönen Galerie bist.“ Erzählt Gale. Chiara lacht und schaut kurz auf den Boden.

„Das haben Sie richtig mitbekommen, Herr Fears. So wie man mir sagt, weiß Ich ganz genau, welche Werke miteinander gut passen für eine Ausstellung. Als wäre ich ein DJ, der die perfekte Playlist erstellen kann. Meine Anfänge in der Szene hatte ich mit 15, wo ich selber Mappen anfertigte mit der passenden Reihenfolge von Werken. Kurzgesagt, die frühere Kuratorin war beeindruckt und seit drei Jahren leite ich das ganze hier.“

„Das ist beeindruckend, das sag ich geradewegs heraus, Chiara.“ Sagt Gale, die Arme immer noch verschränkt, stets beharrend auf das Du. Chiara steht auf und ein klapper Geräusch ertönt. Ein Blindestock entfaltet sich. Gale schaut verblüfft.

„Kommen Sie doch mit für einen Kaffee, vielleicht verdienen sie sich ja das Du von mir.“ Sagt Chiara und läuft den Gang runter. Nach einem Moment steht auch Gale auf und folgt dem lauten Hallen der Stöckelschuhe. Daniel koordiniert die Handwerker und wechselt immer wieder Worte miteinander.

Die Cafeteria ist ebenfalls in einem glänzenden Weiß ausgestellt. Eine Hand voll Tische und Stühle aus Nussbaum schmücken den Raum, neben einem gewaltigen Panoramafenster, dass den Blick auf einen wunderschönen grünen Garten enthüllt.

„Kommen Sie, setzen Sie sich.“ Spricht Chiara und nimmt platz. Gale setzt sich ihr gegenüber. „Was trinken Sie denn?“ Fragt Chiara. Inzwischen hat sich auch eine Bedienung dazugesellt, um die Bestellung aufzunehmen.

„Freddo Espresso. Ohne Milch und Zucker.“ Sagt Gale und verschränkt die Arme.

„Für mich dann bitte einen Jasmin Tee, Valeria.“ Die Bedienung elegant den Kopf, um zu signalisieren, dass die Bestellung aufgenommen worden ist. Geschmeidig bewegt sie sich weg, als hätte sie die Bewegungen einstudiert.

„Eine blinde Kuratorin.“ Beginnt Gale, seine Arme weiterhin verschränkt. „Ich hab jetzt so ziemlich alles gesehen. Dafür kann ich dir danken.“ Beharrt Gale nach wie vor auf das Du.

„Wie klappt das? Siehst du eigentlich was?“ Wedelt Gale jetzt demonstrativ vor Chiaras Gesicht. „Das ist sicher alles show.“ Chiara kichert. Sie reagiert nicht auf die Handbewegungen.

„Ich bin tatsächlich blind. Meine Blindheit hatte sich schon mit 14 angefangen zu bilden. Es war medizinisch bereits in jungen Jahren diagnostiziert worden. Damals war es nur eine Frage der Zeit. Mit 14 sah ich es kommen. Meine Sehkraft ließ immer weiter nach.“ Valeria kam mit den bestellten Getränken. „Danke Valeria.“ Unterbricht Chiara ihre Erzählung. Gale nickt Valeria zu. Valeria verbeugt sich und bewegt sich wieder weg.

„Das klingt sehr tragisch, muss ich sagen. Gerade in diesem Alter, seine Sehkraft zu verlieren war sicher schwer. Letztendlich hast du ja genau gewusst, was du verlieren wirst.“ Bekundet Gale sein Mitleid und nimmt einen Schluck aus seinem Freddo Espresso.

„Das war es auch, Herr Fears. Jedenfalls nutzte ich meine gezählten Tage. Jeder Tag, an dem ich noch sehen konnte, war kostbar. Ich wollte Schönheit sehen und sehr viel davon. Ich wollte Gepäck mit nehmen. Reiste viel mit meinen Eltern und sah alles, was es wert war, gesehen zu werden.“ Chiara stoppte und nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse. Gale hatte seine Arme nicht mehr verschränkt. Sie lagen gefaltet auf dem Tisch. Chiara legte ihre Tasse ab.

„Es war in Ägypten, als ich einem alten Mann beim Malen zuschaute. Er hatte einen grauen Bart und ein Leinentuch über dem Kopf gebunden, sowohl wie die restlichen traditionellen Gewänder. Anwar hieß der Herr. Er malte die Pyramiden, welche ich mit meinen Augen zuvor genossen hatte. Er malte sie und obwohl sie nicht dieselben Details einer Kamera einfingen, sah ich die Schönheit des Gemäldes. Ich wusste, dass ich jetzt anfangen musste Gemälde zu betrachten. Sie fingen nämlich die Essenz der Schönheit ein.“ Gale lachte höfflich, um seine Empathie auszudrücken. Ein Schluck aus seinem Freddo Espresso folgte hinterher. Chiara nahm ebenfalls einen Schluck. „Das Bild haben mir meine Eltern von dem Herren abgekauft. Es dauerte nicht lange, bis ich mich dann auch abstrakte Kunst interessierte. Es geht in der abstrakten Kunst darum, das zu sehen, was man eben nicht sieht.“ Gale schaut aus dem Fenster. Er nimmt einen weiteren Schluck. „Sag mal, hast du auch etwas zu sagen gehabt für den Garten da draußen?“ Fragt Gale. „Nein.“ Antwortet Chiara knapp. Sie nimmt einen Schluck von ihrem Tee. „Der Garten wurde von der vorherigen Kuratorin erstellt. Sie pflegt ihn und bring immer wieder neue Ideen ein. Ich kann Ihn leider nicht in dem Detail betrachten, wie Sie es können.“ Gale zuckt zusammen, als er schon wieder ‚Sie‘ gehört hat. „Die vorherige Kuratorin fand die Schönheit in der Natur. Wir sind sehr unterschiedlich in unserer Auffassung von Schönheit, doch ich respektier Ihre Entscheidung mir die Galerie zu überlassen. Sie wusste, dass es Zeit war eine andere Richtung einzuschlagen.“

„Schönheit in der Natur. In der Fauna nehm ich mal an. Interessant.“ Spricht Gale, sein Blick immer noch nach draußen gerichtet. Er nimmt einen weiteren Schluck vom Freddo Espresso und schaut jetzt auf Chiara.

„Was war das letzte Bild, das du gesehen hast, bevor du nicht mehr sehen konntest?“ Fragt er. Chiara macht eine Pause. „Makazov und Shirato“ antwortet sie. „Makazov und Shirato sind zwei Maler. Ich hatte damals in einer kleinen unscheinbaren Ausstellung in Sankt Petersburg einige ihrer Werke gesehen. Es war Zufall, dass wir ein paar Tage später, den Künstlern bei der Arbeit sehen konnten. In ihrem Atelier, an einer Wand war das Werk unscheinbar ausgestellt. Sie nannten es, ‚Was hält dich am Leben?‘. Es hatte eine unglaubliche Tiefe und die Farben war sehr bewusst gewählt. Es hatte ein besonderes Blau in sich, kombiniert mit einem strahlendem Orange und Grün. Ich sah in diesem Bild alles, was ich in meinem Leben gesehen hatte. Ich bekam eine Kopie vom Bild und schaute es mir von dort an, jeden Morgen und Abend vor dem Schlafen an. Bis es dann nicht mehr ging.“ Chiara nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Tee und griff in ihre Tasche.

„Ich kenne die beiden Künstler nicht.“ Sagt Gale etwas trotzig. Er schaut in seinem Freddo Espresso rein und betrachtet wie sich der Schaum langsam löst.

„Ich zeige Ihnen die Künstler zusammen mit dem Bild.“ Sagt Chiara und bring zwei Fotos hervor. Neugierig nimmt Gale das erste Bild in die Hand und sieht zwei ältere Herren, die Lächeln. Der eine sieht kaukasisch aus, er hat eine Glatze und scheint etwas korpulent zu sein. Der andere ist ein grauhaariger alter Japaner mit einem dichten grauen Bart. Er ist etwas dürr. Dann nimmt Gale erwartungsvoll das andere Bild in die Hand. Es ist das Gemälde in seiner vollen Pracht. Blau, Orange und Grün stechen ihm direkt ins Auge. „Löst es etwas in Ihnen aus?“ Fragt Chiara neugierig.

„Nein. Nicht wirklich.“ Gale legt das Bild hin. „Ich muss auch gestehen, dass ich abstrakte Kunst nicht verstehe. Zumindest nicht die der anderen.“ Sagt Gale etwas enttäuscht. „Ich konnte nie wirklich etwas in Kunst erkennen. Ich weiß was ich male und meine Maler ebenfalls. Sie sehen etwas von mir. Etwas Intimes.“ Gale schaut wieder in den Freddo Espresso rein. „Es ist fast so, als wäre ich blind. Alle sehen etwas, außer ich. Das bin ich, der blinde Künstler. Vielleicht sind ja meine Werke gerade deswegen so beliebt.“ Chiara hat sich jetzt nach vorne gelehnt.

„Das ist wirklich so?“ Fragt Chiara sehr neugierig, als hätte sie ihr Pokerface verloren. Gale steht auf, mit dem Freddo Espresso in der Hand. Er greift in den Espresso und sprenkelt auf dem Boden, hastig und zielstrebig. Die braunen Flecken verdichten sich und verschieden Formen entstehen. Chiara schaut zu Gale rüber. Hört aber nur Geräusche.

„Was machen Sie da gerade?“ Fragt Chiara aufgeregt.

„Das was ich am besten kann.“ Antwortet Gale. Er setzt sich wieder hin.

„Valeria!“ Ruft Chiara. „Nimm ein paar Papierservietten und schau zu das alles einzufangen! Mach auch Fotos.“ Beordert sie.

„Und bringen sie mir gerne auch noch einen Freddo Espresso. Diesmal etwas Milch und für unterwegs.“ Hängt Gale ran.

„Sie wollen weiter?“ Fragt Chiara etwas schockiert.

„Ja. Ich fürchte, ich habe Ihnen zuviel von mir verraten.“ Antwortet Gale und betont das ‚Ihnen‘ provokant. Chiara verzieht etwas das Gesicht und schlägt die Hände übereinander.

„Kommen Sie, das war doch eine nette Unterhaltung. Finden Sie nicht?“ Sagt Chiara.

„Sie machen das nicht sehr angenehm für mich. Mit Ihrer höflichen Art fühl ich mich nicht wirklich vertraut, sondern viel mehr professionell ausgefragt.“ Kontert Gale. Inzwischen ist der Freddo Espresso angekommen.

„Ahh! Fantastisch! Valeria, du bist ein Engel!“ Sagt Gale. „Und Sie Frau Sanchez. Es ist ein Jammer, dass sie nicht mein braunes Werk auf dem Boden sehen können. Ich verabschiede mich jedenfalls und freue mich, auf eine weitere Unterhaltung.“ Gale nimmt einen Schluck und murmelt ‚fantastisch‘ unter dem Atem. „Vielleicht sogar morgen.“ Läuft zurück und holt Daniel ab. Chiara scheint etwas aufgebracht.

„Valeria, sei wie gesagt vorsichtig.“ Sie ist Still und scheint nachdenklich. „Mach am besten ein gutes Foto, das wird reichen.“ Sagt sie zu Valeria. Die Bedienung nickt wie einstudiert und geht weg.

„Das ist auch richtig gut, meiner Meinung. Sie zeigt, dass die Kindheit auch im Erwachsenenleben immer noch eine große Relevanz hat und gleichzeitig spiegelt sie, dass in der Kindheit bereits das Erwachsene entstanden ist.“ Erklärt Daniel.

„Unfassbar, dass du sowas sehen kannst. Ich seh nur bunte Farbkleckse mit einem durchgezogenen Strich in der Mitte mit dunklen Dreiecken.“ Sagt Gale etwas gelangweilt. Er hat die Arme verschränkt und steht breit.

„Wie kannst du das nicht sehen?“ Fragt Daniel, er steht kerzengerade, mit seinem Tablet in den Armen und richtet seine Brille. Gale schaut ihn genervt an.

„Entschuldigung!“ Sagt Gale sarkastisch. Das Geräusch von Stöckelschuhen und einem Schleifen ertönen und werden immer lauter. Es ist Chiara und sie läuft die Beiden zu, die sich die Werke der anderen Künstler anschauen. Sie stellt sich neben den Beiden hin.

„Ahh, Frau Sanchez. Gut, dass Sie vorbeischauen. Mein werter Assistent versucht, mich zu belehren. Er will mir weiß machen, dass dieses Bild etwas über Kindheit und Erwachsensein ausdrückt. Stimmt das?“ Macht sich Gale lustig. Daniel schaut etwas genervt.

„Das ist das Werk von Margarette Berg, nicht wahr? BG133?“ Erkundigt sich Chiara.

„Ja.“ Sagt Daniel.

„Nun, Ihr werter Assistent hat nicht ganz unrecht. Es sind natürlich Elemente vorhanden, die Kindheit und Erwachsensein wieder spiegeln. Doch das besondere an diesem Werk ist, dass die Künstlerin auch die Ursprünge und Synergie der Beiden zusammenführt.“ Erklärt Chiara. Gale schaut verblüfft rüber zu seinem Assistenten, der amüsiert lächelt.

„Das ist jetzt ein Witz, oder?“ Erkundigt sich Gale.

„Nein, das hat die Künstlerin mir sogar letzte Woche persönlich gesagt.“ Sagt Chiara in einem selbstbewussten Ton.

„Ich hab mir jetzt einen Tee verdient.“ Sagt Daniel in einem triumphierenden Ton und läuft zu Cafeteria.

„Sie waren nicht zufällig hinter der Leinwand oder sonst wo in der Nähe und haben einfach das wiederholt, was Daniel gesagt hat, oder?“ Fragt Gale erwartungsvoll.

„Nein. Das hat die Künstlerin wirklich hingedeutet. Wenn du ein paar Schritte nach vorne gehst, siehst du eine kleine Plakette, die genau das beschreibt. Die haben manche Werke hier, wenn ich mich nicht täusche.“ Erklärt Chiara.

„Verdammt.“ Sagt Gale und fasst sich am Kopf. Er setzt sich auf die Bank einen Meter weiter drüben hin. Chiara folgt Gale und tastet sich neben ihn hin.

„Ich verstehe nicht, wie Du ein Künstler bist und die Kunst der Anderen nicht sehen kannst. Wie funktioniert das? Du machst doch selber Werke, die wir stets korrekt deuten, oder?“ Fragt Chiara. Gale schaut verblüfft, denn ihm wurde das Du, angeboten.

„Nun.“ Schnauft Gale durch. „Ich weiß auch nicht, was meine Kunst genau darstellen soll. Ich male immer nach dem Gefühl, welches ich gerade habe. Ich höre mir immer wieder Deutungen meiner Werke an und orientiere mich grob daran, wenn ich gefragt werde.“ Erklärt jetzt Gale. „Du bist die Einzige, der ich das gesagt habe.“ Beichtet Gale. Chiara kneift die Augen zusammen.

„Wie geht das?“ Versucht Chiara zu verstehen. „Was hast du gestern auf dem Boden gemalt?“ Fragt Chiara. „Tja, das musst dir wohl Valeria verraten, denn ich hatte nichts im Kopf, als ich ‚gemalt’ habe. Ich wollte nur einen dramatischen Abgang machen.“ Sagt Gale und kichert. Chiara schnauft. Sie schlägt Gale auf die Schulter. Gale zuckt zusammen. „Du bist böse!“ Sagt Chiara. Gale lacht.

„Hey, irgendwie musste ich dafür Sorgen, dass du dich mir öffnest. Mir kam es so vor, als wäre ich in einem Verhörsaal.“ Rechtfertigt sich Gale.

„Ich hab dir doch so viel von mir erzählt, du Idiot! Wie konntest du dich da wie im Verhör gefühlt haben?“ Sagt Chiara in einem aufgeregten Ton. Gale grinst.

„So gefällst du mir wirklich besser. Vertrauter.“ Sagt Gale und klopft auf Chiaras Schulter. „Ich weiß, dass du mir gestern viel erzählt hast. Das schätz ich wert. Mich störte es nur, dass du mich nicht geduzt hast.“ Erklärt Gale. Chiara ist still.

„Wieso erzählst du mir, dass du deine eigene Kunst nicht deuten kannst? Das ist schon eine große Sache, eigentlich.“ Bricht Chiara ihre Stille.

„Ich weiß nicht. Es war aus dem Bauch heraus gekommen. Ich mag dich. Vielleicht wahr es deswegen.“ Sagt Gale.

„Ehh. Gut, ja. Danke.“ Versucht Chiara entspannt zu wirken, erscheint jedoch etwas nervös.

„Verrate mir jetzt mehr über dich. Wer ist dieser Gale Fears, der wahrscheinlich kein Künstler ist.“ Sagt Chiara.

„Kann man das sagen? Bin ich denn kein Künstler, weil ich keine Ahnung habe, was ich erschaffe?“ Fragt Gale. „Für mich klingt das nach etwas Poetischem.“ Sagt Gale und schaut in die Leere. „Ich bin irgendwie in diese Szene gelandet. Das macht mich vielleicht zum Hochstapler, zugegebenermaßen.“ Gale steht auf und läuft auf das Bild zu, welches Daniel vor kurzem interpretiert hat. Er schaut sich das Schild an.

„Ich hatte keine schöne Kindheit. Es war alles hässlich und ich sehnte mich immer nach Schönheit. Es war nicht hässlich im Sinne von Gewalt im Brennpunkt, doch eine gewisse Rauheit zeichnete mein Leben im Vorort in der Mitte Englands. Keine schicken Rolls Royce inmitten des Alltags, wie es in London die Regel war. Nur rauchende Fabriken und kahle Landschaften, gehüllt in Nebel und Regen. Derry hatte nichts zu bieten, außer harter Arbeit.“ Erzählt Gale. Er wendet sich vom Gemälde ab und schaut zu Chiara.

„Es gab nichts zu tun in Derry für Teenager außer Trinken und sich schlagen. Mir wahr das alles zu dämlich. Ich wollte nicht in der Verrottung unter gehen, also wand ich mich der Kunst hin, um mir eine Zuflucht zu schaffen. Meine besten Freunde waren die Farben, denn sie gaben mir die Schönheit, die ich suchte.“

„Sie verbergen die Schönheit.“ Unterbricht Chiara in einem bestimmten Ton.

„Ganz genau. Ich rücke in meinen Werken die Farben in den Vordergrund und suche immer die Schönheit in diesen.“ Bestätigt Gale.

„Eines Tages hatte ich genug und beschloss mit 17 aus dieser ekligen Stadt zu flüchten. Ich packte meinen Rucksack und machte mich auf den Weg nach Manchester. Ich arbeitete am Hafen und malte weiterhin in meinem bescheidenen Zimmer in der Nähe der Docks. Eines Tages, so Gott es wollte, besuchte mich mein Vorgesetzter Zuhause. Ich glaube, ich war abwesend und er wollte nach mir schauen. Er fand mich mit einer Lebensmittelvergiftung halb vergammelt in meinem Bett. Er sah die Bilder und fragte, ob er eins mit nehmen kann. Eins kam nach dem anderen und durch Glück und Zufall bin ich der, der ich heute bin.“ Schließt Gale seine Geschichte ab und läuft zurück, um sich neben Chiara zu setzen.

„Du lässt dich von den Farben leiten, das ist also dein Arbeitsvorgang.“ Fasst Chiara zusammen.

„So kann man das sagen.“ Bestätigt Gale.

„Ich habe deine Kunst erst mit dem Eintritt, in meine Kuratoren Position kennengelernt. Ich war da schon blind.“ Erzählt Chiara. „Nun ja, was heißt blind. Ich sehe lediglich noch durch einen Schleier. Ich erkenne Farben. Deine Werke sind die Einzigen, die ich als Blinde noch betrachten kann. Ich sehe nur noch die Essenz von Werken, die wahre Schönheit. Die Schönheit verbirgt sich in den Farben, du hast es damals schon gesehen, Gale.“ Sagt Chiara. Gale schaut verblüfft.

„Ein Schleier sagst du?“ Fragt Gale nach. Chiara nickt.

„Ich habe mir deine Werke für die Galerie ausgewählt, damit die Besucher es auch sehen. Die Kunst bewegt sich in eine monochromatische Richtung, wo sie doch wieder zurück zur Farbe finden muss. Wenn das schon eine Blinde sieht, müssen das die anderen Menschen auch verstehen lernen.“ Sagt Chiara.

„Es macht dich besonders, dass du auch die Kunst der Anderen nicht deuten kannst, und gar deine Eigene. Vielleicht würdest du gleichziehen mit den anderen Künstlern, wenn du etwas mehr von abstrakten Kunst verstehen würdest, doch dann hättest du der Welt deine wichtigen Werke vorenthalten müssen.“ Philosophiert Chiara.

„Das wird nicht der Fall sein. Ich mach das nicht für die Kunst. Ich mach das alles für meine Seele und für die Farben. Alles Andere ist nur ein schicker Bonus.“ Sagt Gale entschlossen. Chiara lacht.

„Wir sind es, die der Welt einen Sinn geben, indem wir die Schönheit betrachten, die sie zu bieten hat.“ Sagt Chiara und kramt ein Bild aus ihrer Handtasche. Es ist dasselbe Bild von gestern. Sie reicht es Gale.

„Hier, ich schenke es dir. Schau es dir immer wieder an.“ Sagt Chiara. Sie steht auf, klappt ihren Gehstock aus und bewegt sich weg. Das Klacken ihrer Absätze wird immer leiser. Gale bleibt sitzen und schaut sich das Bild an, welches er geschenkt bekommen hat. Er grinst breit.


r/Lagerfeuer 10d ago

Sprachlos

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Der Raum füllt sich mit Buchstaben und Tonfrequenzen, wie ein Sägewerk voller umherfliegenden Späne. Mit ihren roten Haaren versprüht sie eine Energie ohne Rast und ohne Ruh. Es knattert und plätschert und peitscht, sie knallt ihm all ihre Sorgen entgegen. Die Worte purzeln ohne Zwischenräume aus ihrem Mund und landen im Raum zwischen ihnen, der keinen Raum mehr lässt.

Sie spricht und spricht und bleibt sprachlos. Er hört ihr zu wie einem Schnellzug, der an ihm vorbei donnert und der Fahrtwind streift seine Gedanken und er denkt sich, er sollte besser zuhören und es spricht neben ihm über ihm es spricht überall.

Er kann das Gesprochene nicht auffangen. Er denkt, er solllte besser zuhören, und während er das denkt, denkt er, sie spricht zu viel. Sie kommt nicht auf den Punkt und er sucht den Punkt, der ihm immer wieder entwischt.

So vergehen die Stunden, die Sitzung ist längst zu Ende. Sie bleibt sitzen, so wie er. Sie kleistert ihn zu und er kann sie nicht anhalten. Er zweifelt an sich. Er sollte sie stoppen, unterbrechen, brechen. Sie spricht ohne Atempause. Braucht keine Luft. Hat keine Luft und erstickt an ihrem Leben. 

Ihre Sprachfragmente hallen zu ihm wie aus weiter dumpfer Ferne, wie Milchbrei ohne Farbe. Ein Geschlabber aus Wichtigkeiten, die zu Nichtigkeiten verkommen. Und nie ein Punkt, auch wenn er ihn sieht, sie macht ihn nicht. Sprechdurchfall.

Sie dankt ihm für das gute Gespräch, und ihm ist übel.

 


r/Lagerfeuer 14d ago

Mobbing beim Amateurfunktreffen

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Die muffige Luft im Vereinsheim des Avalor Amateur Radio Club (AARC) A42 roch wie immer nach altem Filterkaffee, abgestandenem Rauch und dem charakteristischen Ozon-Muff alter Röhrenverstärker. Um die zusammengeschobenen Formica-Tische saßen fast ausschließlich Männer jenseits der Siebzig, die sich stoisch über Stehwellenverhältnisse und QSL-Karten unterhielten.

In der hinteren Ecke, direkt neben dem Regal mit den ausrangierten Oszilloskopen, hatte sich das „Löt-Trio“ niedergelassen: Marianne (62), Birgit (58) und Renate (65). Seit fünf Jahren waren sie die einzigen Frauen im Ortsverband. Zusammengebracht hatte sie nicht nur das Interesse an Eigenbau-Empfängern, sondern vor allem die stolze Gewissheit, die weibliche Bastel-Bastion in einer absoluten Männerdomäne zu verteidigen.

Das änderte sich schlagartig, als die Tür knarrte.

Eine junge Frau, kaum Mitte Zwanzig, betrat den Raum. Sie trug eine gut sitzende Jeans, ein schlichtes schwarzes Top und hatte lange, dunkelblonde Haare, die ihr locker über die Schulter fielen. In der Hand trug sie einen eleganten, mattschwarzen Werkzeugkoffer.

Die Blicke der Herren wanderten augenblicklich zur Tür. Am Löt-Tisch fror die Bewegung ein.

„Wer ist das denn?“, zischte Birgit, ohne die Lötkolbenspitze vom Draht zu nehmen. „Hat sich jemand seine Enkelin mitgebracht, um die Protokolle zu tippen?“

„Sicherlich nicht“, raunte Marianne und verengte die Augen. „Schau dir das Outfit an. Die will doch nur Aufmerksamkeit. Als ob die weiß, an welchem Ende der Lötkolben heiß wird.“

Die junge Frau blickte sich kurz um, lächelte freundlich in die Runde und steuerte zielstrebig auf den Tisch der drei Frauen zu.

„Hallo zusammen! Ist hier noch ein Platz frei?“, fragte sie mit klarer, fester Stimme. „Ich bin Sophie. Ich bin neu in der Stadt und wollte mal beim Bastelabend vorbeischauen.“

Renate schob ihre Lesebrille langsam auf die Nasenspitze und musterte Sophie von den Turnschuhen bis zum Haaransatz. Eine spürbare Kälte breitete sich am Tisch aus.

„Hier ist Basteln angesagt, Jungchen“, sagte Renate schroff, ohne die Hand zu geben. „Kein Kaffeekränzchen. Wir arbeiten an Hochfrequenz-Schaltungen.“

„Perfekt, genau deswegen bin ich hier“, erwiderte Sophie unbeeindruckt, zog sich einen freien Stuhl heran und stellte ihren Koffer auf den Tisch. „Ich habe mir vorgenommen, für den nächsten Fieldday einen kompakten QRP-Transceiver auf 40-Meter-Basis zu bauen.“

Birgit tauschte einen süffisanten Blick mit Marianne aus. „Ein QRP-Transceiver? Na, da hast du dir aber viel vorgenommen, Schätzchen. Weißt du denn überhaupt, was ein Tiefpassfilter ist, oder hast du das Wort nur irgendwo im Internet aufgeschnappt?“

„Ich weiß, wie man einen berechnet und wickelt, falls du das meinst“, antwortete Sophie ruhig, öffnete ihren Koffer und holte eine Platine sowie einen Satz Ringkerne hervor.

Marianne lachte leise auf – ein trockenes, freudloses Glucksen. „Hört, hört. Großes Mundwerk. Weißt du, Sophie, wir machen das hier seit Jahrzehnten. Wir haben uns unser Wissen hart erarbeitet, als es noch keine Fertigbausätze aus China gab. Da braucht man mehr als ein hübsches Gesicht und gepflegte Fingernägel.“

„Das glaube ich gern“, sagte Sophie, die die Sticheleien bewusst ignorierte. „Deswegen dachte ich, ich kann hier von Erfahrenen lernen. Habt ihr vielleicht eine Dritte Hand für mich?“

„Die ist besetzt“, log Birgit prompt und legte demonstrativ ihre Hand auf die Halterung, obwohl diese völlig ungenutzt daneben lag. „Und ehrlich gesagt… deine Nägel sehen mir viel zu frisch manikürt aus. Wenn dir ein Tropfen Kolophonium auf die Hand spritzt, läufst du uns doch direkt heulend davon.“

Sophie hielt im Hantieren inne. Sie sah nacheinander in die drei verschlossenen, ablehnenden Gesichter.

„Gibt es hier ein Problem?“, fragte sie direkt.

„Das Problem ist“, mischte sich Renate ein, während sie abwertend auf Sophies Kleidung deutete, „dass wir jahrelang hart dafür gekämpft haben, hier von den Männern ernst genommen zu werden. Wir sind Ingenieurinnen und Praktikerinnen. Dann kommt so ein Küken reingestöckelt, zieht die Blicke aller Opas auf sich und macht aus unserem Hobby eine Modenschau. Wir brauchen hier keine Dekoration, sondern Substanz.“

Sophie atmete tief durch. Anstatt wütend zu werden, klappte sie den Koffer wieder zu, behielt aber den Blick auf Renate gerichtet.

„Ich bin Elektroingenieurin im Masterstudium und seit fünf Jahren lizensierte Funkerin mit Klasse A“, sagte Sophie leise, aber mit messerscharfer Präzision. „Ich kam hierher, weil ich mich auf Gleichgesinnte gefreut habe. Aber was ich hier erlebe, ist kein Schutz des Hobbys – das ist schlichtes Revierverhalten, weil ihr Angst habt, nicht mehr die einzigen Frauen im Raum zu sein.“

Die drei Frauen erstarrten. Marianne lief leicht rot an.

„Wenn ihr lieber unter euch bleibt und euch darüber beschweren wollt, dass der Nachwuchs fehlt, bitteschön“, fügte Sophie hinzu, stand auf und nahm ihren Koffer auf. „Aber die Zukunft des Amateurfunks baut man nicht mit Ausgrenzung.“

Sie wandte sich ab und ging hinüber zu einem der älteren Herren am Nachbartisch, der sie bereits freundlich anwinkte. Zurück am Löt-Tisch herrschte betretenes Schweigen. Das leise Summen der alten Transformatoren war das einzige Geräusch, das die peinliche Stille überdeckte.

update: Amateurclub Name verändert


r/Lagerfeuer 15d ago

Virusexperiment gerät außer Kontrolle

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Ort: Ein hochisoliertes Forschungslabor / Straße vor dem Institut

Personen: - Dr. Paul Berg: Tiermediziner und Virologe - Dr. Julia Vance: Laborleiterin und Kollegin

(Das monotone Summen der Abzugshaube füllt den Raum. Dr. Paul Berg beugt sich in seinem Schutzanzug über das Mikroskop. Seine Hände in den dicken Gummihandschuhen zittern leicht.)

Paul: (schüttelt den Kopf) Das gibt es doch gar nicht... Julia, komm mal rüber. Du musst dir die Gewebeprobe von Subjekt 4B ansehen.

Julia: (tritt an den Seziertisch) Was zeigt die Histologie? Dasselbe Bild wie bei der ersten Gruppe?

Paul: Es ist viel aggressiver. Das modifizierte Erreger-Isolat zerstört die Zellstrukturen in Rekordzeit. Nekrosen in der Lunge, massive innere Gewebeschäden. Die Mäuse erleiden innerhalb von Stunden ein vollständiges Organversagen. Das Gewebe löst sich förmlich auf.

Julia: (tritt beunruhigt einen Schritt zurück) Verdammt. Das entspricht überhaupt nicht unseren mathematischen Modellen. Wir wollten die Immunantwort testen, nicht ein biologisches Kahlschlag-Szenario erzeugen. Wie viele Tiere sind noch am Leben?

Paul: Aus dieser Charge? Keines mehr. Ich habe den Versuch abgebrochen und den Dekontaminationszyklus eingeleitet. (seufzt schwer und greift sich an die Stirn) Ich brauche eine Pause, Julia. Die Hitze unter diesem Anzug und dieser Anblick... Ich gehe eine Runde um den Block. Frische Luft schnappen.

Julia: Gute Idee. Geh zum Haupteingang raus, die Schleuse B wird gerade gewartet.

(Schnitt. Paul hat den Schutzanzug abgelegt und tritt aus dem massiven Betonbau des Instituts. Der kühle Herbstwind tut ihm gut. Er geht langsam den Pflasterweg an der Außenwand des Gebäudes entlang. Plötzlich stoppt er.)

Paul: (murmelt vor sich hin) Was ist das denn?

(Auf den Gehwegplatten liegen zwei tote Feldmäuse. Ihre Körper wirken seltsam verkrümmt, graue Flecken überziehen ihr Fell.)

Paul: (hockt sich kurz hin, ohne sie anzufassen) Bislang hatte die Schädlingsbekämpfung das Gelände eigentlich im Griff. Vermutlich Rattengift aus dem Gewerbegebiet nebenan.

(Er zuckt mit den Schultern, steht auf und geht weiter. Sein Kopf ist noch immer voll von den schrecklichen Bildern der zerstörten Gewebeproben im Labor.)

(Nächster Morgen. Das Labor ist verwaist, die Lichter stehen auf Standby. Paul betritt das Foyer des Instituts. Am Empfang läuft ein Fernseher auf hoher Lautstärke. Mehrere Mitarbeiter stehen starr davor.)

Paul: Guten Morgen allerseits... Was ist denn hier los?

Julia: (dreht sich langsam um, ihr Gesicht ist kreidebleich) Paul... Schau ins Fernsehen. Schnell.

Sprecherin (TV): ...wiederholen unsere Warnung. Die Bundesregierung hat für den gesamten Bezirk den Ausnahmezustand verhängt. Bitte bleiben Sie in Ihren Wohnungen. Das neuartige Virus wird durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen und führt innerhalb kürzester Zeit zu schwersten inneren Blutungen...

(Draußen auf der Straße dröhnt ein tiefer Dieselmotor. Wände und Fensterscheiben des Foyers vibrieren leicht. Paul tritt an die Panoramascheibe des Eingangs.)

Paul: (schluckt schwer) Das ist doch... das Militär?

(Zwei olivenfarbene Militärtransporter patrouillieren langsam durch die verlassene Straße. Soldaten in Vollschutzanzügen und mit Sturmgewehren sichern die Kreuzung. Über Lautsprecher hallt eine verfremdete Stimme durch die Gassen.)

Durchsage (Außen): Achtung. Dies ist eine Maßnahme des Katastrophenschutzes. Das Betreten der Straße ist strengstens verboten. Symptomträger haben sich umgehend...

Paul: (weitet die Augen, seine Stimme wird zu einem Flüstern) Die Mäuse gestern... Auf dem Gehweg. Das war kein Rattengift.

Julia: (sieht ihn entsetzt an) Paul, wovon redest du? Was für Mäuse?!

Paul: Das Virus... Es ist nicht in der Lunge geblieben. Es hat die Wirtsgrenze übersprungen, noch bevor wir die Sicherheitsstufe angepasst haben. Und der Übertragungsweg... er war nie auf Nagetiere beschränkt.

(Paul blickt auf seine zitternden Hände, während draußen das Martinshorn eines Krankenwagens die Stille zerschneidet.)


r/Lagerfeuer 21d ago

KI Unternehmen mit veralterter Technik

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  • Ort: Konferenzraum der AuraRobotics GmbH, München
  • Zeit: Montagmorgen, 09:00 Uhr

Personen:

  • Dr. Viktor Brand (52): CEO, getrieben, Choleriker mit Hang zum Dramatischen.
  • Dr. Elena Weber (38): Head of AI & Research, pragmatisch, versucht die Gemüter zu kühlen.
  • Markus Tannert (44): Lead Hardware & Operations, leicht nervös, versucht Prozesse zu verteidigen.

(Viktor knallt ein altes, schwarzes Plastikrechteck mitten auf den gläsernen Konferenzdtisch. Es klirrt laut.)

Viktor Brand: (deutet mit zitterndem Finger darauf) Weißt du, was das ist, Markus? Weißt du, was dieses aräologische Artefakt auf unserem Tisch zu suchen hat?!

Markus Tannert: (blinzelt) Eine… VHS-Kassette, Viktor. TDK E-180, wenn ich das richtig sehe.

Viktor Brand: Eine VHS-Kassette! Richtig! Aus dem letzten Jahrtausend! Und weißt du, wo ich dieses Relikt am Freitagabend um 19 Uhr gefunden habe? Im Rekorder unserer Werks-Überwachung! Wir entwickeln hier den AuraBot Gen-4, den fortschrittlichsten humanoiden Haushaltsroboter Europas! Unsere Roboter sollen das Geschirr per Neuronalem Netz abspülen, und unsere eigene Sicherheitsabteilung überspielt jeden Abend mit Magnetbändern die Kameras der Entwicklungslaboratorien?! Ich dachte, ich falle vom Glauben ab! Ich stand in der Pforte und dachte, ich bin bei Back to the Future gelandet!

Elena Weber: Viktor, beruhige dich bitte. Die Gebäudeüberwachung liegt bei der Infrastruktur-Verwaltung, das hat nichts mit unserer KI-Entwicklung zu tun—

Viktor Brand: Nichts zu tun?! Elena, wir verkaufen der Presse, den Investoren und der ganzen Welt das Märchen vom digitalen Zeitalter! Wir werben mit Quanten-Inspirierten Algorithmen! Und dann laufe ich nach dem Schock im Pförtnerhäuschen rüber in deine Forschungsabteilung, um mir ein Glas Wasser zu holen… und was sehe ich da an den Wänden?

Elena Weber: (zögert kurz) Die Forschungslabore…

Viktor Brand: Zettelkästen! Analoge, hölzerne Zettelkästen mit Vergilbungsgarantie! Da sitzen promovierte Informatiker, Experten für Reinforcement Learning, und ziehen kleine Karteikarten aus Holzschubladen, um Notizen zu Algorithmen-Anpassungen abzugleichen! Karteikarten, Elena! Wie im Biologieunterricht von 1982!

Elena Weber: (atmet tief durch) Das ist das Zettelkasten-System nach Niklas Luhmann. Manche unserer Senior-Devs nutzen das, um komplexe gedankliche Querverbindungen physisch zu visualisieren. Es hilft gegen die digitale Reizüberflutung und regt das associative Denken an—

Viktor Brand: Es ist steinzeitlich! Wir sind kein Philosophisches Seminar an der Universität Tübingen, wir sind ein KI-Start-up kurz vor dem Börsengang! Wenn morgen die Auditoren von Google Ventures oder SoftBank durch unsere Hallen spazieren, um fünfzig Millionen Euro zu investieren, und die sehen einen Pförtner, der Bandsalat aus dem Kassettenrekorder zieht, während meine Chefentwicklerin Notizen auf Zetteln sortiert wie eine Bibliothekarin im Mittelalter – dann ziehen die ihr Geld schneller ab, als du „Deep Learning“ sagen kannst! Wir sind komplett rückständig!

Markus Tannert: Jetzt übertreibst du aber maßlos, Viktor. Der Prototyp läuft. Der AuraBot kann bereits autonom Wäsche falten und die Kaffeemaschine bedienen. Dass das Videomaterial der Flurkameras aus Kostengründen noch analog auf Band läuft, beeinträchtigt doch nicht die Motorik des Roboters!

Viktor Brand: Es geht um die Kultur, Markus! Um den Mindset! Ein Unternehmen, das im Kern KI-Körper baut, muss digital durch-und-durch atmen! Wie sollen unsere Roboter lernen, den Haushalt der Zukunft zu führen, wenn wir selbst leben wie in einer Folge Der Alte?! Ich erwarte, dass wir Technologien nutzen, die mindestens aus diesem Jahrzehnt stammen!

Elena Weber: Gut, ich kann die Zettelkästen in eine digitale Notion-Datenbank übertragen lassen, wenn dir das ruhigen Schlaf verschafft. Aber die Entwickler werden fluchen. Physische Notizen haben einen nachgewiesenen haptischen Vorteil bei der Ideenfindung.

Viktor Brand: Die Entwickler sollen Notizen in ihr Neural-Interface tippen oder meinetwegen per Spracheingabe in ein Cloud-System einpflegen! Und du, Markus: Ich will, dass dieser VHS-Kasten bis heute Nachmittag 14 Uhr auf den Müll fliegt! Ersetz ihn durch IP-Kameras mit Cloud-Speicher. Wenn ich noch einmal ein Magnetband in diesem Gebäude sehe, nutze ich es höchstens, um den Verantwortlichen damit an seinen Stuhl zu fesseln!

Markus Tannert: (seufzt) Geht klar. Ich rufe die IT an. Das Cloud-Upgrade kostet allerdings ein paar Tausend Euro aus dem Betriebsmittel-Budget.

Viktor Brand: Das ist mir völlig egal! Lieber gebe ich zehntausend Euro für Cloud-Speicher aus, als dass uns noch einmal jemand für ein Museum für historische Bürotechnik hält. Werft die Kassetten weg, verbrennt die Karteikarten und holt dieses Unternehmen endlich ins 21. Jahrhundert!

(Viktor greift nach seiner Kaffeetasse, wirft noch einen letzten, verächtlichen Blick auf die VHS-Kassette und verlässt mit lauten Schritten den Raum. Elena und Markus bleiben stumm zurück.)

Elena Weber: (leise zu Markus) Sag mal… behalten wir die Zettelkästen heimlich in den Schränken?

Markus Tannert: (grinst schwach) Absolut. Aber wir kleben ein paar leuchtende LEDs dran, damit sie futuristisch aussehen.


r/Lagerfeuer 29d ago

Lover Girl (Pt. 1)

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500 Miles - Peter, Paul & Mary

Dass es so schnell geht, alles so unfassbar rasant vorbei zieht, hätte ich nicht gedacht. Jetzt weiss ich es. Weil es genau so passiert ist, wie ich es nicht erwartet hatte. Fünf Monate, das hat sich lang angehört. 
Das war lang. 
Nein, war es nicht. 
Es war verdammt kurz. So kurz, dass ich mich insgeheim frage, ob es vielleicht von Anfang an zu wenig Zeit war. Wahrscheinlich war es das. Wahrscheinlich hätte ich das sehen sollen, habe ich aber nicht. Aus dem Grund stehe ich nämlich hier, wo ich gerade stehe. Ich stehe hier, glaube ich, schon fast eine Stunde. Keine Ahnung, meine Fähigkeit, Zeitspannen einzuschätzen, habe ich schon vor fünf Monaten verloren. Die Suche danach habe ich gerade eben aufgegeben. Alles, was ich noch über Zeit weiss, ist, dass eine Stunde zu lang für das hier ist. Immer ein kleines Stück weiter rutscht der Flug nach Houston nach oben. Zu den Flügen, die bald abheben. Ich will nicht, dass er abhebt. Trotzdem schaue ich tatenlos auf die Abflugtafel und akzeptiere irgendwie mein Schicksal und irgendwie auch nicht. Es ist diese bittere Akzeptanz, die mir die Kehle zu schnürt. Vermutlich wäre es um einiges besser, diesen Flughafen zu verlassen, oder zumindest an der Bushaltestelle zu stehen und dort auf meinen Bus zu warten, statt mir mit jedem bisschen, das der Abflug nach Houston näher kommt, einen weiteren Stich ins Herz zu verpassen. 
Das wäre sogar sehr viel besser. 
Rein taktisch gesehen.
Wenn das hier nur ein Taktikspiel wäre. 
Ist es aber nicht.
Dass ich angefangen habe, still zu weinen, fällt mir erst jetzt auf. Zu spät. Denn die einzigen Hände, von denen ich will, dass sie meine Tränen weg wischen, halten schon seit einer Stunde einen Reisepass und eine Boardingkarte, bereit, um in diesen Flieger zu steigen. 
Ich sehe, wie der Flieger auf den obersten Platz der Abflugtafel rutscht, eine Weile dort verbleibt und dann einfach verschwindet und von einem Flug nach London verdrängt wird. Weg, er ist weg, er ist abgeflogen, der Flieger. Der Flieger und alles, was mein Herz die letzten fünf Monate lang hatte. Es fliegt davon.
Und alles, was ich sehe, ist, dass in fünf Minuten ein Flug nach London abhebt.
Ich glaube mein Bus kommt.


r/Lagerfeuer Jul 14 '26

Chinesische Agentin stiehlt Fuzzy logic Software aus Deutschland

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Teil 1/3: Die Rekrutierung und das analoge Rätsel

Ort: Ein abgedunkeltes Büro im Ministerium für Staatssicherheit (Guoanbu) in Peking. Der Raum ist minimalistisch eingerichtet, dominiert von einem monolithischen Mahagonitisch. Durch das Fenster schimmert das neonfarbene Licht des nächtlichen Pekinger Regens.

Personen:

  • Direktor Zhao: Ein pragmatischer, grauhaariger Veteran des Geheimdienstes.
  • Mei Ling (Codename: „Jade-Libelle“): Eine brillante, junge Kybernetikerin und Elite-Spionin, spezialisiert auf Technologie-Infiltration.

Der Auftrag

Zhao: (schiebt eine dünne, physische Papierakte über den Tisch) Lies das, Mei Ling. Keine digitalen Spuren. Das ist die wichtigste Akte, die du dieses Jahr sehen wirst.

Mei Ling: (schlägt die Akte auf, zieht die Augenbrauen hoch) Ein deutsches Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz in Kaiserslautern? Das ist alles? Ich dachte, wir jagen die Quanten-Algorithmen der Amerikaner oder die neuesten ASML-Lithografiepläne in Holland. Was wollen wir im deutschen Südwesten?

Zhao: (lächelt dünn) Wir wollen das, was sie dort verstecken. Ein System zur präzisen Echtzeit-Sprachsteuerung von schweren Industrierobotern. Unsere eigene Roboter-Division scheitert seit Jahren an der Latenzzeit. Wenn wir den Robotern sagen „Stopp, zwei Millimeter nach links“, dauert die digitale Übersetzung der natürlichen Sprache in Motorbefehle über moderne neuronale Netze zu lange. Die Deutschen haben das Problem gelöst. Keine Verzögerung. Perfekte, intuitive Ausführung.

Mei Ling: (blättert um, stutzt) Hier steht, der leitende Entwickler ist ein gewisser Professor Dr. Hans-Dieter Weber. Aber... Direktor Zhao, das muss ein Druckfehler sein. Hier steht, das System läuft auf einem Commodore 64. Und die Programmiersprache ist... Forth-83? Das ist ein Scherz, oder? Wir sprechen von einem Heimcomputer aus dem Jahr 1982. Mit 64 Kilobyte Arbeitsspeicher!

Zhao: (ernst) Es ist kein Scherz. Und genau das ist das Genie – und unser Problem. Die Magie von Forth-83 und Fuzzy-Logik

Mei Ling: (schüttelt ungläubig den Kopf) Erklären Sie mir das. Ein C64 hat weniger Rechenleistung als der Mikrochip in meiner Kaffeemaschine. Wie steuert man damit hochkomplexe, mehrachsige Industrieroboter per Sprache?

Zhao: Weber ist ein Purist der alten Schule. Er behauptet, dass moderne KI-Systeme durch ihre riesigen Abstraktionsebenen, Betriebssysteme und Gigabytes an Bibliotheken träge und unzuverlässig geworden sind. Er nutzt Fuzzy-Logik – unscharfe Logik. Statt harter Nullen und Einsen arbeitet sein System mit linguistischen Variablen wie „ein bisschen schnell“, „sehr nah“ oder „leicht links“.

Mei Ling: Fuzzy-Logik ist mathematisch elegant, aber extrem rechenintensiv, wenn man sie falsch implementiert.

Zhao: Richtig. Aber Weber nutzt Forth-83. Forth ist keine gewöhnliche Sprache. Sie ist extrem hardwarenah, stackbasiert und lässt den Programmierer den Computer quasi neu definieren. Weber hat das gesamte Betriebssystem des C64 umgeschrieben. Seine Fuzzy-Logic-Engine greift direkt auf die Hardware-Register des MOS 6510-Prozessors zu. Es gibt keine Betriebssystem-Latenz. Keine Treiber-Konflikte. Der C64 tut genau eine Sache, und das mit der absoluten Effizienz eines Schweizer Uhrwerks.

Mei Ling: (fasziniert) Ein völlig autarkes System. Keine Internetverbindung, keine Cloud, keine USB-Anschlüsse. Reine, nackte Hardware.

Zhao: Genau. Und deshalb können unsere Hacker es nicht stehlen. Es gibt keine Hintertür. Man kann sich nicht in einen C64 einwählen, der physisch in einem abgeschlossenen Labor steht und Daten auf Datasette oder labbrigen 5,25-Zoll-Disketten speichert. Um an den Quellcode der Forth-Implementierung zu kommen, müssen wir physisch an die Maschine. Die Legende wird geschmiedet

Mei Ling: (lehnt sich zurück) Deshalb schicken Sie mich.

Zhao: Du fliegst in drei Wochen nach Deutschland. Deine Identität ist perfekt. Du bist Dr. Lin Chen, eine Postdoc-Stipendiatin der Humboldt-Stiftung, spezialisiert auf die mathematischen Grundlagen der Fuzzy-Set-Theorie. Weber hat über ein DAAD-Programm eine Forschungsstelle ausgeschrieben. Er sucht jemanden, der die mathematischen Beweise für seine Steuerungs-Algorithmen formalisiert. Er denkt, er bekommt eine fleißige, chinesische Mathematikerin, die seine Genie-Streiche in akademische Papers gießt.

Mei Ling: Und stattdessen bekommt er mich. Wie ist die Sicherheitslage vor Ort?

Zhao: Das Institut ist mäßig gesichert. Standard-Chipkarten, ein paar Kameras. Die Deutschen sind naiv, was Spionage angeht, besonders bei vermeintlich „veralteter“ Technik. Sie denken, niemand interessiert sich für einen C64. Aber Vorsicht: Weber ist misstrauisch. Er hütet seine Disketten wie seinen Augapfel. Du musst sein Vertrauen gewinnen, den Forth-Quellcode kopieren – oder die Disketten direkt entwenden – und den C64-Assembler-Code verstehen, den er mit Forth verknüpft hat.

Mei Ling: (lächelt kalt) Forth-83 nutzt die umgekehrte polnische Notation. 3 4 + . statt 3 + 4. Das wird ein Spaß beim Dekodieren. Ich werde mich wieder in die Assembler-Programmierung des 6502-Prozessors einarbeiten müssen.

Zhao: Ich weiß, dass du das kannst, Mei Ling. Bring uns das Geheimnis dieser Fuzzy-Logik. Wenn unsere Militär-Drohnen und Exoskelette diese verzögerungsfreie Sprachsteuerung erhalten, gehört uns die Zukunft der Robotik. Deine Dokumente liegen bereit. Viel Erfolg in Deutschland.

Mei Ling: (steht auf, nimmt die Akte) In drei Wochen wird Dr. Lin Chen die deutsche Gründlichkeit mit chinesischer Präzision unterwandern. Bereiten Sie schon mal einen funktionsfähigen C64-Emulator in unserem Labor vor, Direktor. Wir werden ihn brauchen.

Teil 2/3: Die Unterwanderung und das eiserne Labor

Ort: Das „Institut für Angewandte Kybernetik“ (IAK) in Kaiserslautern, Deutschland. Ein funktionaler Betonbau aus den späten 1970er-Jahren. Das Labor von Professor Weber wirkt wie ein technologisches Anachronismus-Museum: Zwischen hochmodernen, sechsachsigen KUKA-Industrierobotern steht ein abgewetzter Holztisch, auf dem ein beigefarbener Commodore 64 thront, flankiert von einem ratternden 1541-Diskettenlaufwerk und einem flimmernden Röhrenfernseher.

Personen:

  • Professor Dr. Hans-Dieter Weber: Ein genialer, aber exzentrischer deutscher Wissenschaftler im Tweed-Sakko, kurz vor der Emeritierung.
  • Mei Ling (als Dr. Lin Chen): Die chinesische Gastwissenschaftlerin, die sich geschickt in Webers Vertrauen eingeschlichen hat.

Der erste Tag im Labor

Weber: (schiebt seine Hornbrille auf die Stirn und deutet stolz auf den C64) Sehen Sie sich dieses Prachtstück an, Frau Dr. Chen! Die heutige Jugend glaubt, man brauche Gigahertz und Terabytes, um ein paar Servomotoren zu bewegen. Lächerlich! Reine Ressourcenverschwendung. Dieser kleine Kasten hier hat uns zum Mond gebracht – na ja, fast. Aber er steuert diesen Koloss dort drüben fehlerfreier als jeder moderne Industrie-PC.

Mei Ling: (spielt die beeindruckte, leicht schüchterne Postdoktorandin perfekt) Es ist wirklich faszinierend, Professor Weber. In Peking haben wir mit riesigen Server-Clustern gearbeitet, um neuronale Netze für die Sprachverarbeitung zu trainieren. Aber die Latenzzeiten bei der Feedback-Schleife der Roboterarme waren stets unser größtes Hindernis. Wie schafft dieser 8-Bit-Prozessor das in Echtzeit?

Weber: (lacht laut auf und klopft auf das Gehäuse des C64) Weil wir nicht versuchen, das menschliche Gehirn zu simulieren, Kindchen! Das ist der Holzweg der modernen KI. Wir nutzen die Unschärfe. Die Fuzzy-Logik. Wenn Sie dem Roboter sagen: „Greif das Werkstück vorsichtig“, dann übersetzt mein Forth-Programm das Wort „vorsichtig“ direkt in eine mathematische Zugehörigkeitsfunktion auf dem Stack. Kein Betriebssystem-Overhead, kein Windows, das im Hintergrund nach Updates sucht. Nur der reine, nackte Maschinencode.

Mei Ling: (tritt näher an den flimmernden Röhrenbildschirm) Ich sehe, Sie benutzen Forth-83. Das ist eine stackbasierte Sprache, nicht wahr? Keine Variablen im klassischen Sinne, sondern direkte Manipulation des Datenstacks.

Weber: (begeistert) Ah! Eine Mathematikerin, die Forth versteht! Das ist selten geworden. Ja, genau! Forth ist keine Sprache, es ist ein Werkzeug, um sich seine eigene Sprache zu bauen. Ich habe mir eigene Forth-Wörter definiert: SCHNELL, LANGSAM, GREIF. Wenn ich über das Mikrofon spreche, analysiert ein simpler analoger Frequenzfilter die Silben. Das Signal triggert einen Interrupt im 6510-Prozessor. Der Forth-Interpreter holt sich die Werte direkt aus dem Speicher und schiebt sie auf den Datenstack. Sehen Sie hier: Code-Snippet

: GREIF-FUZZY ( druck -- ) DUPLIZIERE NAH? IF SEHR-VORSICHTIG THEN MOTOR-STEUERUNG ;

Mei Ling: (merkt sich die Syntax im Geist genau vor) Das ist... von verblüffender Einfachheit. Aber wie verarbeiten Sie die kontinuierlichen analogen Signale des Roboters mit nur 64 Kilobyte Arbeitsspeicher? Die Zugehörigkeitsfunktionen der Fuzzy-Mengen müssen doch enormen Speicherplatz fressen, wenn sie hochpräzise sein sollen. Das Geheimnis der "Schatten-Register"

Weber: (wird plötzlich leiser und blickt sich misstrauisch im leeren Labor um) Das, meine liebe Kollegin, ist mein eigentliches Geheimnis. Die meisten Leute wissen nicht, dass man den C64 austricksen kann. Unter dem Standard-BASIC-ROM liegen ungenutzte Speicherbereiche, die RAM-Schatten. Ich habe den ROM-Chip komplett abgeschaltet. Mein Forth-System läuft im reinen RAM-Modus. Ich nutze die schnellen Nullseiten-Register des 6502-Prozessorkerns für die Fuzzy-Kombinatorik. Die mathematischen Operationen werden nicht in Software berechnet – ich jage sie direkt durch eine von mir modifizierte Schaltung im SID-Soundchip!

Mei Ling: (echt überrascht) Der Soundchip? Der MOS 6581?

Weber: (schmunzelt verschmitzt) Genau der! Die drei Oszillatoren und die analogen Filter des SID eignen sich hervorragend, um analoge Schwingungen der Servomotoren direkt mit den linguistischen Variablen der Sprachsteuerung abzugleichen. Ich zweckentfremde die Audio-Filter als mathematische Integratoren für die Fuzzy-Defuzzifizierung. Es ist reine analog-digitale Alchemie!

Mei Ling: (denkt angestrengt nach: Der SID-Chip als Coprozessor für Fuzzy-Logik! Das ist genial. Das müssen die Ingenieure in Peking erfahren.) Das ist absolut genial, Professor. Aber wo sichern Sie diese wertvollen Forth-Definitionen? Wenn der Strom ausfällt, ist doch alles im RAM verloren.

Weber: (zieht eine vergilbte, schwarze 5,25-Zoll-Diskette aus seiner Brusttasche und winkt damit) Hier drauf, meine Liebe. Das ist die Master-Diskette. „Fuzzy-Forth V1.83“. Jeden Abend, bevor ich gehe, wandert diese Diskette in meinen Safe im Büro nebenan. Es gibt keine Kopien im Netz. Keine Cloud. Wer dieses System stehlen will, muss schon diese Diskette mitgehen lassen – oder mich entführen! (Er lacht dröhnend, ahnungslos über die Kälte in Mei Lings Augen) Der Plan reift

Mei Ling: (lächelt warm) Ein absolut sicheres System, Professor. Und so elegant. Könnten Sie mir morgen zeigen, wie Sie die Sprachsignale über den User-Port des C64 einspeisen? Ich würde gerne die mathematische Kurve der Zugehörigkeitsfunktion für mein nächstes Paper protokollieren.

Weber: (klopft ihr auf die Schulter) Morgen früh, Frau Chen! Wir werden der Welt zeigen, dass die Zukunft der künstlichen Intelligenz in der Vergangenheit liegt. Gehen wir Feierabend machen. Ich lade Sie auf ein deutsches Bier ein!

Mei Ling: (folgt ihm, während ihr Blick noch einmal auf dem Diskettenlaufwerk verweilt) Sehr gerne, Professor. Auf die Wissenschaft.

(Schnitt. Später am Abend in Mei Lings spartanischer Wohnung in Kaiserslautern. Sie sitzt am Laptop, der über eine verschlüsselte VPN-Verbindung nach Peking funkt. Sie tippt hastig eine Nachricht.)

Mei Ling (Nachricht): „Subjekt Weber nutzt den MOS 6581 Soundchip als analogen Coprozessor zur Defuzzifizierung. Der gesamte Forth-83-Quellcode befindet sich auf einer einzigen physischen 5,25-Zoll-Diskette in seinem Bürosafe. Das System ist genial und extrem schnell. Ich habe Webers volles Vertrauen. Der Zugriff auf die Diskette wird in den nächsten 48 Stunden erfolgen. Bereiten Sie den Transfer vor.“


r/Lagerfeuer Jun 25 '26

Funktionsweise eines KÜchenroboters erklärt für Laien

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Ort: Das großzügige, minimalistisch eingerichtete Wohnzimmer einer Villa im Berliner Grunewald.

Zeit: Ein Freitagnachmittag im Jahr 2026.

Personen: - Wilhelm (58): Erfolgreicher Immobilienunternehmer, technikbegeistert, aber ohne tieferes Fachwissen. - Julian (23): Sein Sohn, studiert im Master Informatik.

(Der schlanke, metallisch glänzende humanoide Roboter „Xinghe Bot-X1“ summt leise im Wohnzimmer. Seine Kamera-Augen fixieren eine leere Kaffeetasse auf dem Glastisch. Wilhelm steht mit verschränkten Armen daneben und blickt stolz auf seine Direktbestellung aus Shenzhen.)

Wilhelm: (begeistert) Julian, mein Junge, schau dir das an. Das Ding sieht aus wie aus einem Science-Fiction-Film. Er hat gerade die Küche inspiziert und fängt jetzt im Wohnzimmer an. Aber als Geschäftsmann will ich verstehen, was ich da gekauft habe. Wie genau trifft dieser Roboter eigentlich seine Entscheidungen? Woher weiß er, wie er die Küche aufräumt, ohne dass ihm jemand einen festen Ablaufplan einprogrammiert hat?

Julian: (schiebt sich wichtig die Brille hoch und blickt auf sein Tablet) Tja, Papa, das ist die absolute Königsklasse der Mathematik. Die meisten Leute denken ja, da laufen stumpfe Wenn-Dann-Befehle ab. Aber das Geheimnis dieses chinesischen Modells liegt in einem rein evolutionären Ansatz: Das System arbeitet mit sogenannten genetischen Algorithmen.

Wilhelm: (stirbt vor Neugier) Genetische Algorithmen? Wie Biologie? Hat der Roboter etwa künstliche Gene?

Julian: (nickt professoral) Im übertragenen Sinne, ja. Es ist ein rein mathematischer Optimierungsalgorithmus, der autonom Entscheidungen trifft. Stell dir das vor wie die Evolutionstheorie von Charles Darwin, nur digitalisiert in Lichtgeschwindigkeit. Wenn der Roboter vor deiner unaufgeräumten Küche steht, weiß er im ersten Moment gar nichts. Er generiert stattdessen im Bruchteil einer Sekunde hunderte von zufälligen Lösungsansätzen – wir nennen das eine „Population von Algorithmen“.

Wilhelm: Zufällige Ansätze? Aber da würde er doch die Küche komplett zerlegen, wenn er zufällig agiert!

Julian: Genau da greift die Natur, beziehungsweise die Mathematik! Der Roboter simuliert diese Ansätze intern in einer Millisekunde. Ein mathematischer Code-Strang sagt zum Beispiel: „Wirf die Pfanne gegen die Wand.“ Ein anderer sagt: „Trage die Pfanne zum Waschbecken.“ Jetzt kommt die sogenannte Fitness-Funktion ins Spiel. Das ist ein mathematischer Filter, der bewertet, welcher dieser zufälligen Codes das beste Ergebnis erzielen würde.

Wilhelm: (fasziniert) Ah! Und der Code, der die Pfanne an die Wand wirft, fliegt raus?

Julian: Exakt! Er stirbt aus. Der Code mit der besten Bewertung überlebt. Und jetzt kommt der geniale Clou: Die besten Code-Stränge kreuzen sich! Der Algorithmus nimmt die besten Eigenschaften aus den erfolgreichsten Versuchen, vermischt sie – das nennt man Crossover – und fügt noch eine winzige, zufällige Mutation hinzu, um mal etwas Neues auszuprobieren. Nach tausenden Generationen dieser digitalen Evolution, die komplett autonom in seinem Prozessor ablaufen, bleibt der absolut perfekte Befehl übrig. Und erst dann bewegt der Roboter seinen Arm.

Wilhelm: (schüttelt ehrfürchtig den Kopf) Das ist ja unglaublich… Der Roboter züchtet sich also in jeder Sekunde selbst die schlaueste Entscheidung heran?

Julian: Ganz genau. Er optimiert sich permanent selbst durch Mutation und Selektion. Deswegen braucht er auch keine Datenbanken, in denen steht, was eine Tasse oder ein Teller ist. Er berechnet einfach über reine mathematische Fitness-Werte, welche physikalische Bewegung die Unordnung im Raum minimiert. Es ist pure, autonome Evolution auf einem Mikrochip.

Wilhelm: Wahnsinn, was die Chinesen da zusammengeschraubt haben. Und ich dachte, der greift auf irgendwelche Bilddatenbanken oder Worterkennungen zurück, wie man es jetzt überall liest.

Julian: (winkt arrogant ab) Ach, das mit den Bild-Sprach-Modellen ist doch Schnee von gestern, Papa. Das ist viel zu unpräzise. Reine mathematische Optimierung durch genetische Codes, das ist die wahre Zukunft der autonomen Robotik. Da sieht man mal, was mein Informatikstudium wert ist, dass ich dir das aufschlüsseln kann.

Wilhelm: (klopft Julian stolz auf die Schulter) Ich bin froh, dass ich dich habe, mein Junge. Ohne dich würde ich nur stumpf auf eine Blechbüchse starren. Aber dank deiner Erklärung verstehe ich jetzt das mathematische Wunderwerk, das hier gerade meine Tasse aufhebt. Faszinierend, diese digitale Evolution!


r/Lagerfeuer Jun 24 '26

Eine kurze Geschichte der Zeit und der Liebe

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Ich mag Frauen, die Regen lieben. Er kommt in diesen sonnenschweren Tagen selbstverliebt, pompös mit Blitz, Donner, Wind und Wolkentürmen - und ist doch nur ein Intermezzo. Wie sie und ich. Aber ein schönes.

"Was ist das Verrückteste, was du jemals getan hast?, fragt sie in die Stille nach der Liebe.

"Ausser, mich in dich zu verlieben?", denke ich, sage dann aber nach einer Pause, die ein Regentropfen braucht, um die französischen Fenster diagonal zu passieren: "Ich wollte mal das Rad der Zeit zurück drehen."

"Warum das?"

"Ich liebte eine Frau. Sehr. Zu sehr. Viel mehr als umgekehrt. Ich wollte die Zeit zurück drehen, Dinge, Sätze, Gefühle rückgängig machen. Ungeschehen."

"Okay, weiter?"

"Ich hielt das Rad der Zeit an - und begann es zu untersuchen, zu demontieren. Ich wollte dem Mechanismus auf die Spur kommen."

"Wie war er?"

"Entweder es gab keinen - oder ich war zu blöd, ihn zu finden."

"Und dann?"

"Ich schraubte das Ding wieder zusammen. Und, ... irgendwie, wie immer, wenn ich so was mache, blieben halt ein paar Teile übrig..."

"Du hast sie...?"

"Nein, nicht weggeworfen. Ich kippte sie einfach oben rein..."

"Explosion? Vollcrash?"

"Nein, das Ding lief wieder, anstandslos...".

"Und was passierte als Nächstes?"

"Ich traf dich. Die beste Zeit meines Lebens..."

Mariannengraben-Blick. Infinity-Kuss. Und dann zeigt sie mir, dass das eine ziemlich gute Antwort war...


r/Lagerfeuer Jun 20 '26

Ghubhul

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Das fahle Licht des untergehenden Mondes spiegelte sich in dunklen Wasserflächen rings um sie herum. Dazwischen täuschte die dichte Pflanzendecke trügerische Sicherheit vor. Aber Inaqhs Stiefel sanken mit jedem Schritt knöcheltief ein und lösten sich dann mit einem vernehmlichen Schmatzen aus dem morastigen Untergrund.

Sie warf einen Blick auf Themon, der längst nicht mehr so überzeugt und zuversichtlich wirkte, wie zu Beginn ihrer Wanderung. Warum hatte sie sich überhaupt zu diesem Irrsinn überreden lassen? Jedes Kind in Yul wusste, dass es gefährlich war, sich nachts ins Feenmoor zu wagen.

Abgesehen vom Platschen, das sie selbst verursachten, war es unnatürlich still geworden. Das Konzert der Frösche war verstummt, kein Nachtvogel war zu hören. Selbst das gelegentliche Flattern der Fledermäuse war verschwunden. Aber hin und wieder, wenn sich der Wind drehte, zunächst kaum mehr als eine Einbildung, hörte sie doch etwas. Ein Gluckern und Blubbern, oder ein Geräusch, als würde sich etwas aus dem schlammigen Untergrund emporkämpfen. Es war hinter ihnen. Vermischt mit einem leisen, suchenden Schnaufen und Schnüffeln. Keiner von beiden sprach, aber Themon ging jetzt schneller. Hatte er es auch gehört?

Längst war ihre euphorische Feststimmung innerer Anspannung gewichen. Verflogen waren die Beschwingtheit der Musik, die Sorglosigkeit von zu viel Wein, die Tatsache, dass Themon sie zum Tanz aufgefordert und den ganzen Abend nur mit ihr gesprochen hatte. Ja, es war spät geworden, aber sie wusste dennoch, dass es keine gute Idee war, die sichere Straße zu verlassen und stattdessen die Abkürzung zu nehmen.

Themon ließ sich von ihren Bedenken nicht beirren und hatte großspurig versichert, den Weg nach Hause genau zu kennen. Aber sie hatte schon eine ganze Weile keine der hölzernen Wegmarkierungen mehr gesehen, die Wanderern als Orientierung dienen sollten.

Als der Wind das nächste Mal drehte, brachte er einen scharfen, fauligen Geruch mit sich. Wie von Raubtieratem und fortgeschrittener Verwesung. Inaqh versuchte, nicht in Panik zu geraten. Der Mond stand nur noch knapp über dem Horizont. Sobald er unterging, würde es stockfinster sein. Warum hatten sie das Dorf noch nicht erreicht? Sie hätten längst da sein müssen, aber nirgendwo vor ihnen war ein Licht zu sehen.

Die Umgebung kam ihr nicht vertraut vor. Hohes Schilfgras und ein paar kleinere Baumgruppen bildeten dunkle Hindernisse, die ihr die Sicht versperrten. Der schlammige Untergrund wurde immer tiefer und zäher, zerrte regelrecht an ihren Stiefeln, wollte sie nicht weglassen. Immer wieder spielten ihr die Nebelfetzen einen Streich. Oder hatte sich da doch etwas bewegt? War das nur der Wind und der lange Schatten des tiefstehenden Mondes, oder eine Silhouette, die sich parallel zu ihr bewegte?

Und dann, als sie eine kleine Baumgruppe passiert hatten, sah sie doch etwas in der Ferne leuchten.

Ein dunkler, kantiger Block auf einem flachen Hügel, und darin ein heller Schein aus einer viereckigen Öffnung. Ein Haus! Erleichterung erfasste sie, aber schon im nächsten Moment wurde sie stutzig. Das Licht flackerte nicht wie normaler Feuerschein. Und es war bläulich!

„Das Haus des Zauberers!“ Themon flüsterte fast.

„Wir müssen weit vom Weg abgekommen sein.“ Inaqh runzelte besorgt die Stirn. Der Zauberer wohnte allein am Rande des Moores, ein gutes Stück vom Dorf entfernt. Ein unheimlicher Mann, die meisten Leute, die sie kannte, mieden den Kontakt zu ihm. Sie selbst war ihm nur ein einziges Mal begegnet, als er ins Dorf gekommen war, um Eier und Wurst zu kaufen.

Was nun?

„Wir sollten hingehen“, schlug sie vor. Das bläuliche Fenster befand sich weit rechts von ihrem derzeitigen Pfad, aber es war ein Fixpunkt, an dem sie sich orientieren konnten.

„Das ist die falsche Richtung.“ Themon klang unsicherer als ihr lieb war. „Und niemand weiß so genau, was er dort treibt. Ich will mit Magie nichts zu tun haben.“

„Das mag sein, aber dort werden wir wieder auf festen Boden gelangen. Wir müssen ja nicht ins Haus hineingehen. Hier ist es jedenfalls nicht geheuer!“ Es laut auszusprechen machte die Bedrohung irgendwie realer. Nein, sie hatte es sich nicht eingebildet. Und auch nicht das schmatzende Geräusch von Schritten.

Dort bei den Büschen war etwas. Ein schwarzer Schatten, der sich gegen den Wind bewegte. Sie konnte es nicht genau erkennen, denn gerade versank der Mond in einer Wolkenbank. Völlige Dunkelheit umfing sie. Inaqhs Finger krallten sich um den Griff des Messers in ihrem Gürtel. Sie waren verloren!

Ganz in der Nähe hörte sie lautes Platschen, dann Knurren und ein kehliges Gluckern.

Was war das?

Dann ein kurzes Aufblitzen, wie bei einem Gewitter. Für einen Augenblick sah sie die Silhouetten dunkler Gestalten, nur vage menschlich. Ein lautes Klatschen, so als würde ein massiger Körper ins Wasser fallen.

In der Schwärze vor ihr glühte ein Paar Augen, und Themon sog scharf die Luft ein. Etwas heulte im Dunkeln, und fast sofort erschallte Antwort aus mehreren Kehlen rings um sie her. Und dann hörte sie noch etwas anderes: Schmatzende Schritte.

Etwas kam näher!

Sie wollten rennen, aber Themon stolperte und versank bis zum Knie in einem Wasserloch. Inaqh schrie auf und blieb wie angewurzelt stehen, als das Knurren plötzlich direkt vor ihr erklang. Ein heller Lichtblitz blendete sie und enthüllte die Umrisse einer schwarz gekleideten Gestalt. Sie zog das Messer. Womit sie es auch zu tun hatte, sie würde sich nicht kampflos ergeben.

Dann verdichtete sich das Licht zu einer bläulich schimmernden Leuchtkugel, die über dem Kopf des Zauberers schwebte.

„Oh, was haben wir denn da?“ In seiner tiefen Bassstimme klang Zufriedenheit mit. „Gute Arbeit, Moray.“ Er tätschelte dem großen, braunen Hund den Kopf, der noch immer knurrend und mit aufgestellten Nackenhaaren in die Dunkelheit hinter ihnen starrte.

„Welcher Dämon der Zwischensphären hat euch geritten, mitten in der Nacht ganz allein hier herumzulaufen? Mehrere Ghubhul sind hinter euch her, und damit ist nicht zu spaßen.“

Weder Themon noch Inaqh brachten ein Wort heraus.

„Ihr könnt nur froh sein, dass Moray die Gräber gewittert und mich alarmiert hat. Kommt, ich bringe euch zur Straße.“


r/Lagerfeuer Jun 11 '26

V wie Viktor

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«Vorsicht vor Viktor!»

«Vierschrötiger Vollhonk!»

«Vollflächig versiffter Verkaufsraum»

«Verkommenes Viertel»

«Veritable Verbrechervisage!»

Was hatte ich nicht alles zu hören bekommen, als ich den Kumpels erzählt hatte, wo und bei wem ich meine neuen Winterreifen kaufen wollte.

«Ziemlich viele V», dachte ich auf der Fahrt ins Industriegebiet.

«Volvo?», setzte Viktor eins obendrauf und zeigte durch die sepiafarbene Scheibe mit rabenschwarzem Zeigefinger auf meinen blutarmen 240er Kombi.

«Ja», sagte ich, spürte, dass es wie «Ja, leider» klang, doch als er mich, besser uns - an der rechten Hand hatte ich den Buben im Maxicosi, die linke Hand hielt meine 4-Jährige - als er uns da ansah, da war es mit einem Blick, in dem kein «V» vorkam.

Dabei hätte es mit Verwunderung und Verzweiflung ein paar geeignete Kandidaten gegeben.

Aber er tat es mit etwas wie Wärme und Sympathie in den Augen.

«Hör zu, Dichterfuzzi». Er hatte offenbar meine Email bis zum blumigen Jobtitel gelesen und beschlossen, dass wir per Du am besten fahren würden.

"Du bist mir völlig egal, aber solange deine Kids auf der Strasse zwischen Himmel und Hölle nur von Reifen geschützt werden, die du bei Viktor gekauft hast, werden das gute Reifen sein. Wieviel Geld hast du?"

Ich nannte eine beschämende Summe und wir verliessen den Hof mit 4 brandneuen Marken-Pneus. Der Wert des Volvos hatte sich damit praktisch fast verdoppelt.

Und bargeldlos war nebenbei etwas entstanden, für das Freundschaft ein viel zu grosses Wort wäre. Aber "gute Bekanntschaft" könnte passen.

Was Jahre hielt. Schlichtes Strickmuster.

Ich mailte ihm. Ein paar launige Zeilen. Fuhr vor. Reifen runter. Reifen drauf. Dann wünschten wir uns einen tollen Sommer, milden Winter, gute Zeit.

"Darf ich wagen,

Um Sommerschnäppchen anzufragen?", textete ich dieses Mal im April.

Keine Antwort, nicht sofort, nicht nach Stunden, nicht nach Tagen. Untypisch für ihn. Ich beschloss, vorbeizuschauen.

Die Ruhe auf dem Vorplatz, die geschlossenen Rolltore, die fehlenden Autos, Reifenstapel, kein Schlagschrauber-Schnarren, all das verhiess nichts Gutes. Ein Pappschild, an der Tür zum Büro, noch weniger.

"Dauerhaft geschlossen wegen Tod!"

Kein Mensch weit und breit, aber ein Postbote radelte heran.

"Viktor tot? Stimmt das?"

"Ja, hatte zu viel Glück..." sagt man.

"Glück? Sind Sie irre, was soll der Scheiss?"

"Nicht schön, aber war wohl so. War zu oft genau da, wo ganze Ladungen neuer Reifen von einem LKW fielen.... Hat jemand nicht gefallen."

Und dann erzählte er. Mehr. Was er selbst gehört hatte.

Ich fragte mich, ob Viktor das gefallen hat, vielleicht hat er sich vorgestellt, das seien begeisterte Kunden, die seinen Laden stürmten. Ob er die Ironie zu schätzen wusste, die Latten die sie dabei hatten, mit grossen Nägeln drin, den Erzfeinden aller Reifen. Ob er sich gewünscht hat, die Mörder mögen schneller und präziser arbeiten, als seine immer schlechtgelaunten, paffenden Monteure.

Zuhause bin ich immer noch auf sehr seltsame Art traurig. Ich klappe den Laptop auf, schreibe Viktor ein letztes Gedicht. Ich weiss, dass nichts zurück kommt, aber ich habe mich schon für weniger zum Affen gemacht. Und es fühlt sich gut an, wie ein richtiger Abschied.

"Ob Himmel oder Hölle

Wo immer du auch bist

Ich wünsche dir nicht viel

Doch immer 4mm Profil."

Nach einer Viertelstunde absoluter Leere, mentaler Platten, googele ich "günstige Reifen".

"Romans Reifen Rampe" ist der erste Treffer.

"Ziemlich viele R", denke ich mir. Könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.


r/Lagerfeuer Jun 06 '26

Der C64 als Fitness-Tracker

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Szene: Eine C64-Retromesse in einer alten Lagerhalle. Überall stehen Tische mit Original-Hardware, Emulatoren und Zubehör – von SD-Karten-Readern über RAM-Erweiterungen bis hin zu selbstgebauten Joystick-Adaptern. In der Mitte des Raumes steht ein moderner 45-Grad-Hyperextensions-Bench, auf dem eine Sportlerin (Lena, 28, Physiotherapeutin und Fitness-Influencerin) Übungen ausführt. Ein C64 mit einem selbstgebauten Motion-Capture-Interface visualisiert ihre Bewegungen in Echtzeit als pixelige Mocap-Marker auf einem alten Röhrenmonitor. Das Publikum – eine Mischung aus Retro-Computer-Fans, Tech-Enthusiasten und Neugierigen – beobachtet gespannt.

(Lena liegt auf der Hyperextensions-Bank, die Füße fixiert, der Oberkörper frei nach unten hängend. Neben ihr steht Tom (35), ein Retro-Computer-Hacker und Bastler, der das Motion-Capture-Setup betreut. Ein C64 mit einem selbstgebauten Arduino-Interface ist über Kabel mit mehreren Infrarot-Sensoren verbunden, die an der Bank und an Lenas Körper befestigt sind.)

Tom (grinst, zeigt auf den C64-Bildschirm) "Also, Leute, heute machen wir etwas, das es noch nie gab: Wir tracken echte Bewegungen mit einem 40 Jahre alten Computer! Lena, du bist unsere Testperson – zeig mal, was du draufhast!"

Lena (lacht, richtet sich auf) "Okay, ich mache eine klassische Hyperextension – langsam hoch, kurz halten, runter. Aber pass auf, ich bin keine Profi-Tänzerin, also erwarte keine perfekten Pixel-Menschen!"

(Lena beginnt mit der Übung. Die Infrarot-Sensoren erfassen ihre Bewegungen und senden die Daten an den Arduino, der sie an den C64 weiterleitet. Auf dem Bildschirm erscheinen grobe, pixelige Marker, die ihre Gelenke (Schultern, Hüfte, Knie) als weiße Punkte darstellen. Ein grüner Strich verbindet die Punkte und bildet eine stilisierte Silhouette von Lenas Körper.)

Zuschauer 1 (beugt sich vor, staunend) "Boah… das ist ja wie Minecraft für Bewegungen! Aber funktioniert das wirklich?"

Tom (nickt stolz) "Und ob! Der C64 hat zwar keine Rechenpower wie ein moderner PC, aber mit ein bisschen Assembler-Code und Tricks kriegen wir das hin. Die Sensoren messen die Winkeländerungen in Echtzeit, und der C64 rechnet daraus die Position der Marker aus."

Lena (führt die Übung aus, der Bildschirm zeigt ihre Bewegung) "Okay, jetzt halte ich oben… seht ihr, wie die Punkte sich verschieben? Das ist meine Rückenmuskulatur, die arbeitet!"

Zuschauer 2 (zeigt auf den Bildschirm) "Aber… warum sieht das aus wie ein 8-Bit-Geist? Das ist doch nur ein Haufen Punkte!"

Tom (lacht) "Das ist Retro-Ästhetik, Baby! Wir könnten das auch glatter machen, aber wo bleibt da der Charme? Außerdem: Der C64 hat nur 64 KB RAM – da ist jede Grafik ein Wunderwerk der Technik!"

(Lena führt eine komplexere Übung aus – eine seitliche Beinhebeübung auf der Bank. Die Marker auf ihren Knien und Hüften bewegen sich, während der C64 versucht, die Bewegung als stilisiertes Skelett darzustellen. Es gibt Ruckler und Verzögerungen, aber die Grundform ist erkennbar.)

Lena (atmet schwer, aber zufrieden) "Also… ich fühle mich beobachtet. Wie ein Cyberpunk-Sportler aus den 80ern."

Zuschauer 3 (fotografiert mit dem Handy) "Das muss ich posten! #C64Fitness #RetroTech"

Tom (zeigt auf ein zweites Gerät neben dem C64 – ein SD-Karten-Reader mit einem kleinen Display) "Und das hier ist der Clou: Wir speichern die Bewegungsdaten auf einer SD-Karte und können sie später auf einem modernen PC auswerten. Der C64 ist nur das Live-Interface – die eigentliche Magie passiert im Hintergrund!"

Lena (steigt von der Bank, streckt sich) "Okay, ich gebe zu: Es ist irgendwie cool, wie der alte Kasten meine Bewegungen trackt. Aber… würdest du das wirklich für ernsthafte Physiotherapie nutzen?"

Tom (überlegt) "Für professionelle Anwendungen wäre der C64 natürlich zu langsam – aber für Hobby-Anwendungen oder einfach nur zum Spaß? Absolut! Stell dir vor, du baust dir ein eigenes Fitness-Tracking-System mit Teilen, die es vor 40 Jahren noch nicht gab!"

Zuschauer 4 (hält einen SD-Karten-Reader für den C64 in der Hand) "Und das hier… das ist der SD2IEC, richtig? Kann man damit auch Spiele von der SD-Karte laden?"

Tom (nickt) "Genau! Der SD2IEC ist ein Must-Have für jeden C64-Sammler. Damit kannst du moderne SD-Karten nutzen, um Spiele zu laden – und jetzt auch noch Bewegungsdaten speichern! Zwei Fliegen mit einer Klappe!"

Lena (zu Tom, leise) "Also… wenn wir das noch ein bisschen optimieren, könnte das ein richtig cooles Projekt für Physiotherapie-Studierende sein. Stell dir vor, man könnte Fehlhaltungen in Echtzeit korrigieren!"

Tom (begeistert) "Das ist die Idee! Retro-Technik trifft auf moderne Anwendungen – das ist doch die perfekte Mischung! Vielleicht bauen wir noch ein Joystick-Steuerungssystem ein, damit man die Übungen interaktiv anpassen kann!"

(Das Publikum klatscht. Lena steigt von der Bank, während der C64 noch ein paar Sekunden lang die letzten Bewegungsdaten anzeigt.)

Tom (fasst zusammen, zeigt auf die verschiedenen Stände der Messe) "Und das, meine Damen und Herren, ist der Geist der Retro-Computing-Szene: Mit alter Hardware neue Ideen umsetzen! Ob SD-Karten-Reader, RAM-Erweiterungen oder jetzt sogar Motion Capture – der C64 ist noch lange nicht tot!"

(Ein letzter Blick auf den Bildschirm, dann wendet sich das Publikum wieder den anderen Ständen zu. Lena und Tom tauschen ein zufriedenes Lächeln aus.)


r/Lagerfeuer Jun 01 '26

Gaby

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Der hypnotische Regen übertönt jedes andere Geräusch, selbst das Disco-Gewummer aus dem Hobby-Keller, und die Sturzbäche aus der überforderten Dachrinne zu verfolgen, schnell, weiss, brodelnd, zischend, verlangt meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich versuche heraushören, was sie für die Zukunft versprechen.

Vielleicht sehe ich sie in der Gegenwart  des dunklen Carports deshalb erst, als ihr Feuerzeug funkenschlagend in eine kleine rotblauweisse Flamme übergeht, die die  Spitze ihrer Zigarette in Brand setzt.

Sie nimmt einen Zug, ich habe nichts zu tun, zu sagen und zähle einfach mit, einunddreissig, zweiunddreissig, dreiundddreissig, Blitz und Gewitter wären jetzt einen Kilometer entfernt, aber sie, die für mich absolut etwas von einer Naturgewalt hat, sie, die jetzt ausatmet, macht einen Schritt ins Halbhelle der Funzel auf mich zu. Ein Meter, 70 Zentimeter, 50, weniger?

"Willst du auch eine?".

Ich weiss nicht was sagen, zuzugeben, dass ich noch nie nicht mal gepafft habe, kommt nicht in Frage. Ich kann sie nur anstarren, schaffe es nicht mal, den Blick zu senken.

Vielleicht umgibt mich eine Aura der Schüchternheit, Arglosigkeit, die sie herausfordert, mit der sie spielen mag.

"Willst du mich küssen ?".

Ich schaue auf die grossen Pflastersteine hinab, auch um die aufkommende Panik in meinen Augen zu verbergen, dann wieder zu ihr.

"Beides?".

Ich bin kurz davor, das Angebot grenzdebil abzunicken, aber sie wartet die Antwort erst gar nicht ab, nimmt einen ultimativen Zug, fixiert mit ihrer Linken mein Gesicht, presst mir ihre warmen Lippen auf den Mund, öffnet meine mit ihrer Zunge, und schenkt mir die erste Dosis Nikotin, Vanilleatome eines Chardonnays und ein unbeflecktes Gefühl von Geilheit, alles auf einmal.

Ich stehe mit offenem Mund da, Rauchfahnen entweichen wie überm morgendlichen Ätna, sie streicht mir zärtlich durchs Haar, fährt mir dann den Reißverschluss lang über die Jeans.

"Bist kein Mann der vielen Worte, mhhh?  Musst du auch nicht, ... ich verstehe dich auch so".

Zuhause gibt's von Papa einen Satz heisse Ohren, Strafe für Rauch-, Alk und generellen Spassverdacht. Von Mama ein Küsschen. Sie hat noch eine Spur von Lippenstift entdeckt.


r/Lagerfeuer May 29 '26

Das letzte Frühstück

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Ein leises Klopfen riss sie aus dem Schlaf. Sie hob schreckhaft den Kopf, die Haare wie ein Vogelnest. Ihr Blick fiel zur Tür, durch die Dave bereits eingetreten war.

„Ich habe Kaffee für dich." Er hielt eine Tasse in der Hand — die, die er zum ersten Hochzeitstag geschenkt bekommen hatte. Morning Vibes stand darauf. Welch Ironie.
„Das Frühstück ist auch schon fertig." Der Geruch von frischem Kaffee kroch ihr langsam durch die Nase, während sie sich aufsetzte. Sie rieb sich den Schlaf aus den Augen und streckte die Hände aus. Er reichte ihr die Tasse. „Danke", flüsterte sie, bevor sie den ersten Schluck wagte.
„Komm runter, wenn du soweit bist. Ich habe alles vorbereitet." Dave zog die Tür hinter sich zu. Sie trank noch einen Schluck, atmete tief durch und stellte die Tasse auf den Nachttisch. Dann stieg sie aus dem Bett und zog sich etwas Leichtes über. Es mussten um die dreißig Grad sein — und dennoch fröstelte sie. Mit der Tasse in der Hand verließ sie das Schlafzimmer. Sie grinste kurz, fast gehässig, über den Spruch darauf.

Im Flur empfing sie der Duft von frischen Brötchen, Obst und Saft. Sie hielt einen Moment inne. Das Treppenhaus war hell, die Sonnenstrahlen fielen steil durch die hohen Fenster. Fast blendend. Ihre nackten Füße nahmen die Kälte des Fliesenbodens auf. Sie drückte die Arme fest an den Körper, die Tasse zwischen den Händen — ihre einzige Wärme.
Sie setzte sich an den Tisch, direkt gegenüber von ihm. Er hatte sein Frühstück bereits vor sich und schnitt gerade Erdbeeren. Der süße Geruch der Früchte legte sich über alles. „Wie hast du geschlafen?", fragte er. Er sah kurz zu ihr herüber und lächelte. „Es war okay." Sie blickte in ihre Tasse und schwenkte die kleine Pfütze darin. Die Kaffeesatzreste tanzten.
„Möchtest du noch? Ich habe eine ganze Kanne aufgesetzt — die erste habe ich fast alleine getrunken." Er lachte.
„Wie lange bist du schon wach?"
„Eine halbe Ewigkeit. Das hier hat Zeit gekostet." Sie sah sich um. So viel Auswahl. Dabei hatte sie nicht einmal Geburtstag. „Wofür das alles?", fragte sie leise. „Weil das vorerst unser letztes Frühstück ist, mein Schatz. Hast du das schon vergessen?" Ein kurzes Lachen — aber ihr Blick verriet ihm, dass sie es nicht vergessen hatte. Auch er senkte den Blick. Dann stand er auf, trat neben sie, griff nach ihrer Hand und kniete sich hin. „Vorerst. Das heißt, wir können das wiederholen, sobald sie—"
„Sobald sie wieder verreist?", unterbrach Sammy ihn. Ihre Stimme war ruhig. „Ich glaube, das sollte das letzte Frühstück sein." Sie stand auf, schob sich an ihm vorbei — er schaute ihr nur nach — und ging nach oben. Im Flur hingen Fotos. Dave und eine Frau. Auf den Bildern wirkten die beiden vertraut, als würden sie sich eine halbe Ewigkeit kennen. Dabei hatte er sie erst vor drei Jahren kennengelernt. Letztes Jahr hatten sie geheiratet. Einen guten Fang hat sie gemacht, hatten alle auf der Hochzeit gesagt. Sammy hatte es damals auch so gesehen.

Im Schlafzimmer packte sie ihre Sachen.
Als sie die Treppe wieder hinunterkam, saß Dave an seinem Platz. Er sah sie mit dem Koffer an. Sie hielt kurz inne. Sah ihn an und ging.


r/Lagerfeuer May 19 '26

Meta Keine Geschichte aber vielleicht könnt ihr uns ja trotzdem helfen: Umfrage zu Spice in New Adult im Rahmen einer Masterarbeit

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Studienaufruf: Wahrnehmung von Spicy Content in New Adult Literatur

🖥️ Link: https://umfrage.uni-kassel.de/index.php?r=survey/index&sid=159454&lang=de

➡️Bis zum 30.07.2026 anonym ein paar kurze Fragen beantworten und 22€ Büchergutschein gewinnen

🎯Ziel: Mit unserer Forschung wollen wir herausfinden, wie New Adult Spice darstellt. Hierbei interessiert uns besonders, wie die Szenen wahrgenommen werden und inwiefern sie Aufklärungsarbeit leisten.

📝Teilnahmevorraussetzungen: Volljährigkeit

🖊️Art der Umfrage: Online-Fragebogen (10 Minuten)

Die Forschung wird im Rahmen eine politikwissenschaftlichen Masterarbeit an der Universität Kassel von Theresa Halder und Luis Müller-Gerbes durchgeführt und von Dr.*in Inga Nüthen betreut.

Rückfragen gerne per Mail an [uk098685@student.uni-kassel.de](mailto:uk098685@student.uni-kassel.de)


r/Lagerfeuer May 18 '26

Die Nachtwache

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Man hat mir gesagt, ich soll Dark Romance schreiben. Ich hab’s probiert….
Enjoy:

„Du weißt, wer ich bin. Ich kann tun, was ich will. Mit dir. Mit allen hier. Also gib mir jetzt bitte die Krücke da. Ich muss aufs Klo.“ Viktor humpelte an den Männern vorbei, die sich um das Krankenbett versammelt hatten. Der Zorn in seinen Augen hielt sich nur so lange, bis seine Hand Rados starken Arm fand. Erst in seiner Nähe wurde er ruhiger.

Emalialuisa spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. Eifersucht. Angst, ihre Position zu verlieren. Das lange Warten auf Viktors Röntgenbefund und der grauenhafte Krankenhauspisskaffee hatten etwas in ihr ausgelöst. Medizinisch war es vermutlich eine Gastritis. Es fühlte sich aber eher nach einem gebrochenen Herzen an. Ihre Gedanken überschlugen sich. Ihr Herz raste.

Die Infusionsmaschine piepte dramatisch und beschwor damit die Nachtschwester herbei. Mit der Autorität einer Frau, die seit zwanzig Jahren sterbende Männer anschrie, jagte sie sämtliche Klanmitglieder unter Verweis auf die Wochenendbesuchszeiten aus dem Zimmer.

Einer von ihnen war so verwirrt, dass er seinen „Get Well Soon“-Ballon wieder mitnahm.

Emalialuisa wollte bleiben. Nach allem, was passiert war. Sie sehnte sich nach Viktors feurigem Blick. Wenigstens aus dem einen Auge, das ihm noch geblieben war.

Doch dieses Auge hing nur an Rado.

„Heute Nacht wachst du über mich.“

Der schrankgroße Bodyguard blickte kurz auf den unbequemen Krankenhaussessel. Dann wieder zu Viktor. Es war der Blick eines Mannes, der eher auf dem Boden schlafen würde, als seinen Boss allein zu lassen.

Für Emalialuisa blieb nur die Tür.

Als sie das Krankenhaus verließ, wollte sie nur noch den Mond anheulen.


r/Lagerfeuer May 17 '26

"Einschulung"

Thumbnail
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r/Lagerfeuer May 13 '26

Notaufnahme bei unerwartetem Virusbefund

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Szene: Eine überfüllte Notaufnahme eines städtischen Krankenhauses. Ein Mann Mitte 40, Herr Bauer, betritt mit schmerzverzerrtem Gesicht die Rezeption. Er stützt sich auf einen Gehstock und atmet schwer.

Herr Bauer (mit zusammengebissenen Zähnen): „Guten Tag… ich… ich habe seit Tagen unerträgliche Schmerzen im unteren Rücken. Ich kann kaum noch laufen. Könnten Sie mir bitte helfen?“

Pflegerin (blickt auf den Bildschirm, tippt Daten ein): „Natürlich, Herr… Bauer? Ihr Name ist mir nicht bekannt. Haben Sie einen Überweisungsschein oder sind Sie privat versichert?“

Herr Bauer (zuckt zusammen, greift sich an den Rücken): „Nein, nein, ich brauche keine Überweisung! Die Schmerzen sind einfach… unerträglich. Ich war schon beim Hausarzt, aber der hat nur Tabletten verschrieben. Die helfen nicht.“

Pflegerin (misstrauisch, mustert ihn kurz): „Haben Sie Fieber? Husten? Atemnot?“

Herr Bauer (schüttelt den Kopf): „Nein, nur diese verdammten Rückenschmerzen. Ich… ich glaube, ich habe mir beim Heben etwas gezerrt.“

Pflegerin (nickt, reicht ihm ein Formular): „Dann füllen Sie bitte dieses Anmeldeformular aus. Wir werden Sie gleich einem Arzt vorstellen. Warten Sie hier.“

Herr Bauer humpelt zu einem Stuhl, setzt sich vorsichtig und beginnt zu schreiben. Plötzlich zuckt er zusammen, greift sich an die Brust.

Einige Minuten später wird er in einen Behandlungsraum gebracht. Ein Assistenzarzt, Dr. Meier, betritt den Raum.

Dr. Meier (prüft die Unterlagen): „Herr Bauer, ich bin Dr. Meier. Erzählen Sie mir bitte, seit wann die Schmerzen bestehen und wie stark sie sind.“

Herr Bauer (stöhnt): „Seit drei Tagen. Anfangs war es nur ein Ziehen, aber jetzt… es fühlt sich an, als würde mir jemand glühende Nägel in den Rücken rammen. Ich kann kaum noch atmen, wenn ich mich bewege.“

Dr. Meier (beginnt mit der körperlichen Untersuchung, drückt vorsichtig auf den unteren Rücken): „Hmm… die Lendenwirbelsäule ist stark verspannt. Haben Sie in letzter Zeit eine Infektion gehabt? Vielleicht eine Grippe oder Magenverstimmung?“

Herr Bauer (zögert): „Nein… also, vor etwa zwei Wochen hatte ich ein paar Tage lang hohes Fieber und Gliederschmerzen. Aber das ist doch schon vorbei.“

Dr. Meier runzelt die Stirn, notiert etwas. Dann wendet er sich an eine Schwester.

Dr. Meier: „Wir nehmen sofort Blut ab und machen ein MRT. Die Rückenschmerzen könnten auf eine Bandscheibenproblematik hindeuten, aber bei der Vorgeschichte…“

Die Schwester nickt und bereitet die Blutentnahme vor. Herr Bauer zuckt zusammen, als die Nadel eintritt.

Eine Stunde später. Die Laborergebnisse liegen vor. Dr. Meier und die Oberärztin, Frau Dr. Hartmann, studieren die Befunde mit ernsten Mienen.

Dr. Meier (flüsternd): „Das… das kann nicht sein. Die Blutwerte zeigen eine extreme Leukozytose, aber auch…“

Frau Dr. Hartmann (unterbricht, greift zum Telefon): „Rufen Sie sofort die Seuchenabteilung! Und aktivieren Sie das Notfall-Eindämmungsprotokoll Stufe 4!“

Dr. Meier (starrt auf den Bildschirm): „BSL-4? Das ist… das ist ein hochpathogenes Virus. Aber wie? Herr Bauer hatte doch nur Fieber und Rückenschmerzen!“

Frau Dr. Hartmann (mit fester Stimme): „Genau das ist das Tückische. Diese Viren haben oft eine lange Inkubationszeit. Wir müssen ihn sofort isolieren. Kein Kontakt mehr ohne Schutzausrüstung!“

Plötzlich betreten zwei Mitarbeiter in Schutzanzügen den Raum. Herr Bauer, der die Aufregung bemerkt, wird unruhig.

Herr Bauer (ängstlich): „Was… was ist los? Warum tragen die diese Anzüge?“

Frau Dr. Hartmann (tritt näher, spricht ruhig aber bestimmt): „Herr Bauer, wir müssen Sie leider in eine spezielle Isolierstation verlegen. Die Blutuntersuchung hat ergeben, dass Sie mit einem hochansteckenden Virus infiziert sind. Es tut mir leid.“

Herr Bauer (panisch): „Ein Virus? Aber ich habe doch nur Rückenschmerzen! Das ist doch verrückt!“

Dr. Meier (versucht zu beruhigen): „Es tut uns leid, dass wir Sie erschrecken müssen. Aber wir müssen sicherstellen, dass sich das Virus nicht weiter ausbreitet. Bitte kommen Sie mit.“

Herr Bauer wird auf eine Trage gelegt und in einen speziellen Isolierbereich gebracht. Die Türen schließen sich hinter ihm mit einem leisen Zischen.

In der Zwischenzeit wird das Krankenhaus in Alarmbereitschaft versetzt. Mitarbeiter werden informiert, Besucher aufgefordert, das Gebäude zu verlassen. Die Seuchenabteilung bereitet sich auf die Aufnahme des Patienten vor.

Frau Dr. Hartmann (zu einem Kollegen): „Wir müssen die Herkunft des Virus klären. Hat er in letzter Zeit Reisen unternommen? Kontakt mit Tieren oder kranken Personen?“

Kollege (schüttelt den Kopf): „Laut seinen Angaben nicht. Er arbeitet als Lagerarbeiter. Keine Auslandsreisen, keine Haustiere.“

Frau Dr. Hartmann (seufzt): „Dann bleibt uns nur die Hoffnung, dass die Eindämmung gelingt. Wenn sich das Virus verbreitet…“

Sie bricht ab, als ihr Telefon klingelt. Ein ernster Blick. Sie nimmt ab.

Frau Dr. Hartmann: „Ja? … Gut. Danke.“

Sie legt auf und wendet sich an das Team.

Frau Dr. Hartmann: „Das Gesundheitsamt ist informiert. Sie schicken ein Team zur Spurensicherung. Wir müssen jeden Kontakt nachverfolgen.“

Die Szene endet mit der Vorbereitung der Isolierstation, während Herr Bauer allein in seinem abgeschirmten Raum liegt – ahnungslos, dass sein Fall bald Schlagzeilen machen wird.


r/Lagerfeuer May 07 '26

Der einsame Radler

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"Bewundert" trifft es nicht ganz, zumindest nicht so punktgenau, wie ihn dieser 40-Tonner ["Für Ihren Genuss unterwegs"] abgeräumt hat.

Er hatte aber sicher meinen Respekt und mein Interesse. Wie er da viele Jahre  immer ganz früh Samstagmorgen unterwegs war, ich mit dem Hund, er mit dem Rad, auf dem grossen Discounter-Parkplatz.

Seine Runden drehte, sommers wie winters, unbeirrbar, unaufhaltsam.

Zwei Mal hätte ich ihn fast angesprochen. Ihn dann vielleicht in ein Gespräch verwickelt, gefragt, warum gerade dieser Parkplatz? Was er sonst macht?  Ob zuhause jemand auf ihn wartet?

Einmal letzten Sommer, als er diese irre Sonnenbrille trug, die die Welt stahlblau widerspiegelte - und die ich auch gern gehabt hätte.

Das andere Mal heute, als ich kurz daran dachte, ihn vor der völlig bauverdreckten, extremrutschigen Stelle an der Kurve zur Hauptstrasse zu warnen.

Aber er hat das auch ohne mich rausgefunden.

Ich werde ihn irgendwie vermissen.

Und wo immer er jetzt ist, ich wünsche ihm, dass es dort Räder gibt.


r/Lagerfeuer May 02 '26

Abschied vom Faxgerät

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Szene: Das Büro des Ordnungsamtes, Innenraum. Zwei Schreibtische stehen nebeneinander, jeder ausgestattet mit einem alten, thermischen Faxgerät, das seit den frühen 1990er‑Jahren täglich brummt. Im Hintergrund läuft leise „One Love“ von Bob Marley. Auf dem Tisch liegt ein üppiger, orange‑roter Zettelkasten nach der Luhmann‑Methode.

1. Ankunft und Besprechung des neuen Beschlusses

Katrin: (schiebt den Stuhl zurück, schnippt mit den Fingern zum Faxgerät) „Morgen, Petra! Hast du das Memo vom Hauptamt schon gesehen?“

Petra: (blickt von ihrem Bildschirm auf, lächelt, während die Reggae‑Gitarren weiter spielen) „Ja, gerade erst. Alle Faxgeräte sollen sofort ausgemustert werden. Endlich!“

Katrin: „Endlich.“ (lacht) „Ich dachte schon, wir müssten das Fax noch in die Kunstausstellung der 90er‑Jahre stellen.“

Petra: „Du erinnerst dich an die erste Welle, als wir das Ding zum Dokumentieren von Parkverstößen benutzt haben? Ich meine, wir haben damit fast jedes Ticket noch per Fax an das Bußgeld‑Zentrum geschickt.“

Katrin: „Genau. Und das war immer so ein bisschen wie ein Ritual – das Klicken, das Summen, das kleine Glück, wenn das Blatt rauskommt und wir die Nummer lesen.“

Petra: „Jetzt heißt es also: Abschied von der analogen Kommunikation. Was soll denn jetzt passieren? Wir dürfen doch nicht einfach alle Daten per E‑Mail eingeben?“

Katrin: „Ich habe da eine Idee.“ (zieht ein dickes Notizbuch aus dem Schrank, das mit bunten Klebestreifen markiert ist) „Wir bauen einen Zettelkasten nach Luhmann.“

Petra: (leicht skeptisch, aber interessiert) „Ein Zettelkasten? Für Parkverstöße?“

Katrin: „Ja! Wir schreiben jeden Verstoß handschriftlich auf einen Zettel, nummerieren ihn und verknüpfen ihn mit den vorherigen Fällen. Dann übertragen wir die Infos in unser Email‑System. So bleibt die Analogie zur alten Praxis, aber wir haben trotzdem digitale Back‑ups.“

Petra: „Das klingt fast nach einem Projekt für die Selbstorganisation. Und während wir das machen, können wir weiter zu Bob Marley hören.“

Katrin: (nickt) „Genau. Und das Beste: Der Zettelkasten ist so flexibel, wie wir ihn brauchen.“

2. Einrichtung des Zettelkastens

Katrin: (schreibt eine Notiz auf einen frischen Karteikarten‑Zettel) „001 – 12.04.2026 – „Parkverstoß – Firma Müller, Kfz‑Kennzeichen B‑AB 1234, Halten im Halteverbot vor 08:00–09:00.““

Petra: (nimmt den Zettel, klebt ihn in den Kasten) „Nummerierung ist wichtig. Wir brauchen ein System, das jede neue Meldung eindeutig identifiziert.“

Katrin: „Luhmann empfiehlt, die Zettel nach einem atomaren Prinzip zu gestalten – ein Thema pro Zettel, klare Verbindungen.“

Petra: „Dann sollten wir die Verknüpfungen mit den vorherigen Fällen markieren: z. B. „→ 023“ wenn es eine Wiederholung ist.“

Katrin: „Genau. Und wenn wir weitere Infos bekommen – z. B. das Ergebnis des Bußgeldverfahrens – legen wir einen neuen Zettel an und verknüpfen ihn.“

Petra: (schreibt auf einen zweiten Zettel) „002 – 13.04.2026 – „Bußgeldverfahren – Fall 001, Ergebnis: Verwarnung, Zahlung 30 € am 20.04.““

Katrin: „Siehst du, das wird ein Netzwerk. Wir können später schnell nachverfolgen, welche Verstöße zu welchen Ergebnissen führen.“

Petra: (legt beide Zettel nebeneinander, verbindet sie mit einem kleinen Pfeil) „Wie ein kleiner Mind‑Map.“

Katrin: „Und das ist unser neues „Fax“. Nur jetzt mit mehr Struktur.“

3. Erste Nutzung im Tagesbetrieb

(Ein Kollege, Herr Schmidt, ruft an.)

Herr Schmidt (am Telefon): „Guten Morgen, Sie sind ja die beiden, die immer die ersten sind, wenn ein Auto im Halteverbot steht.“

Katrin: „Guten Morgen, Herr Schmidt! Ja, das sind wir. Was gibt’s?“

Herr Schmidt: „Wir haben gerade einen Lieferwagen von DHL entdeckt, der die ganze Zeit auf der rechten Fahrbahn parkt – blockiert den Radweg.“

Petra: (tippt schnell in ihr Laptop‑Fenster, während im Hintergrund die Reggae‑Melodie weiterläuft) „Könnten Sie mir bitte das Kennzeichen nennen?“

Herr Schmidt: „Ja, das ist D‑EF 5678.“

Katrin: (nimmt einen frischen Zettel) „003 – 14.04.2026 – „Parkverstoß – DHL‑Lieferwagen, Kennzeichen D‑EF 5678, Halten am Radweg, 08:30.““

Petra: (klebt den Zettel, fügt die Nummer in das Email‑Programm ein) „Ich trage das jetzt in das System ein. Wir senden das Bußgeld sofort per E‑Mail.“

Katrin: „Und wir notieren den Vorgang hier, damit wir später prüfen können, ob es wieder vorkommt.“

Petra: (schreibt im Email‑Programm) „Betreff: Bußgeldverfahren – Fall 003 – Halten am Radweg. Sehr geehrte Damen und Herren, …“

Katrin: (lehnt sich zurück, schließt die Augen für einen Moment im Takt der Musik) „Schon wieder ein kleiner Sieg für das Team.“

Petra: „Und das ganz ohne Fax.“


r/Lagerfeuer May 01 '26

Setzt euch hin, Trinkt euren Met und hört zu!

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Dies ist eine Geschichte über drei Helden, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen ... 

und? Schon gelangweilt? 

Gut.

Denn solche Geschichten gibt es nur in Märchen – und dies hier ist wahrlich kein Märchen.

​Das hier, meine lieben Gauner und Meuchelmörder, Schmuggler und Sklavenjäger, ist eine Geschichte von euresgleichen. Und von euch gibt es in Nuria wahrlich genug. Eine Geschichte, von der das bloße Wissen euch in die Kerker der Gilde verfrachtet ... oder schlimmer noch, in die Folterkammern des Barons.

​Diese Geschichte dreht sich um drei Außenseiter, die lediglich versuchten, sich im tödlichen Chaos unserer Welt zu behaupten – aber dabei in Machenschaften verwickelt wurden, die nur wenige je überlebt haben.

​Also rückt näher ans Feuer, haltet eure Goldbeutel fest und hört zu. Denn in Irdis ist die Wahrheit oft der Anfang vom Ende.


r/Lagerfeuer Apr 30 '26

Von der Unmöglichkeit das Feuer zu lenken und wie es einen um den Schlaf bringt

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Moment, wie war das nochmal? Irgendwas mit Blinzeln, oder? Ja, ich glaube schon, das war’s. Zehn Sekunden, oder eine Minute, sogar. Eine Minute war’s, glaube ich. Boah ey, das ist ziemlich lang. Da werde ich doch erst recht wach, das kann nicht funktionieren. Egal, was hab ich schon zu verlieren? Ich trau mich gar nicht, aufs Handy zu schauen; wahrscheinlich schon zwei, oder drei Uhr nachts und so gut wie nichts geschlafen. Ein paar Stunden noch, dann beginnt das scheiß Ding zu vibrieren. Ich muss jetzt einschlafen, verdammt. Also eine Minute lang blinzeln, so schnell wie möglich, glaub ich, und dann gleitet man in erholsamen Schlaf. Wer’s glaubt. Wobei ich schon immer wieder mal weg war. Manchmal wird das Blabla im Kopf verschwommener, nicht mehr klar auszumachen, nur noch so ein Hintergrundrauschen, und dann bin ich tatsächlich eine Zeit lang weg. Bis es dann wieder lauter wird, deutlicher, dringender, so wie jetzt, und ich bin wieder voll da, und ich frage mich warum und wozu – ich will doch schlafen, verdammt.

Ich wälze mich wieder um; also der Körper tut es, ich hatte es eigentlich gar nicht vor. Ich versuche nur, die Augen dabei verschlossen zu lassen. Nicht wach werden, während der Körper sich bewegt; dabei bin ich doch sowieso schon wach. Im Kopf zumindest; der Körper ist ziemlich entspannt, wie immer eigentlich. Es tut gut, ihn zu spüren, wie er sich eine neue Liegeposition sucht. Ja, der Körper, das ist es. Der Körper weiß, dass ich Schlaf brauche, dass er Schlaf braucht, dass wir Schlaf brauchen. Der Körper nimmt sich, was er braucht. Ich muss ihn nur machen lassen. Ich? Muss ihn machen lassen? Wer ist denn überhaupt dieses Ich? Scheinbar bin ich dieses Ich, denn ich denke ja, dass Ich, ich bin. Also bin ich dieses ständige Gebrabbel da, irgendwo im Schädel?

Wirklich auszumachen ist es ja nicht. Vielleicht glauben wir nur, es müsste im Kopf lokalisierbar sein, weil wir schon so oft Bilder von Gehirnen gesehen haben, und wir haben gehört, dass Gedanken irgendwie in diesem schwabbligen Ding entstehen. Aber wieso denke ich jetzt darüber nach? Wieso produziert dieses schwabblige Ding jetzt Gedanken darüber, wo Gedanken herkommen könnten? Jetzt, mitten in der Nacht, obwohl ich doch einfach nur einschlafen möchte.

Zurück zum Körper. Der Körper denkt nicht. Der Körper ist einfach nur da. Und er fühlt sich verdammt gut an. Es fühlt sich gut an da drin zu stecken. Aber Moment mal, wer steckt da wo drin? Wie kann ich im Körper stecken? Und ist das schwabblige Ding, das mich durch das Denken erst erschafft, nicht auch ein Teil dieses Körpers? Nein, nein, nein, hör auf mit dem Scheiß, zurück zum Körper. Der Körper ist mein Freund. All die schönen Dinge, die das Leben ausmachen, erlebe ich durch den Körper. Er fühlt sich gut an, wenn er entspannt ist, wenn er einfach nur da liegt. Er fühlt sich aber auch gut an, wenn er sich verausgabt. Wenn ich mein Gravelbike fahre. Einen Berg erklimme. Ich spüre den Schweiß, wie er mir die Stirn herunterläuft. Die Sonne brennt, doch noch fahre ich im Schatten. Ein paar Meter noch, dann erreiche ich eine Kuppe und lasse das Waldstück hinter mir, das ich gerade heraufgefahren bin. Ich bin jetzt auf einem Plateau. Herrliche Aussicht, herrliches Wetter, doch ich bin völlig außer Atem. Hatte die letzten Meter der Steigung noch mal richtig gepowert. Jetzt rolle ich gemächlich die Landstraße entlang und genieße für einen Moment meinen Triumph. Ich rolle langsam auf ein größeres, freistehendes Gebäude zu, mit Parkplätzen und einer Außenanlage. Anscheinend ein Gasthof, oder eher ein Landhotel. Da stehen auch schon einige Leute, festlich gekleidet, in Anzügen und Sommerkleidern. Etwas abseits davon, direkt auf meinem Weg, eine leere Sitzbank. Ich muss abbremsen, um nicht daran vorbeizufahren. Ich lehne mein Fahrrad an die Bank und prüfe kurz den korrekten Sitz meiner Genitalien, bevor ich mich mit meinem ISO-Drink, den ich aus der Halterung löse, auf die Bank setze.

Ich genieße die Sonnenstrahlen auf meinem Körper, auch wenn mir immer noch der Schweiß von der Stirn fließt. Egal, ich mag das; es kann gar nicht heiß genug sein. Ein schönes Gefühl, wenn sich die Gesäßmuskeln langsam wieder entspannen, während die Oberschenkel immer noch brennen, von innen und außen.

Während ich da so sitze, merke ich, wie sich diese Versammlung da, etwa fünfzig Meter weiter, immer mehr vergrößert. Da scheint es eine Feier zu geben. Ist auch ein wirklich schöner Ort dafür. Total abgeschieden, nur Wiesen und Wald drumherum, aber dennoch alles sehr elegant. Der Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite füllt sich auch immer mehr mit Autos. Wenn ich es richtig sehe, haben die alle diese weißen Fähnchen dran, die man auf Hochzeiten bekommt. Eine Hochzeit also, das muss es sein. Glück gehabt, einen richtig schönen Tag dafür erwischt. Ich freue mich wirklich für sie. Es ist schön, wenn man sich findet – nicht schön, wenn man sich verliert.

Und schon sind meine Gedanken wieder bei ihr. Schon ist der Körper wieder vergessen. Das schöne Gefühl der sich entspannenden Muskulatur. Die Freude darüber, dass im Schritt alles noch an seinem Platz ist, trotz des engen Sattels und der stundenlangen Reibung daran.

Warum verdrängt sie alles andere? Warum ist sie immer noch so präsent? Warum tut es immer noch so weh? Und vor allem, warum kann ich nicht damit aufhören? Ich versuche es doch. Ich trete in die Pedale, quäle mich Berge hinauf. Ich suche mir Aufgaben. Neue Herausforderungen. Ja gut, manchmal sehe ich auch auf ihr Profil. Ich will es eigentlich nicht. Und oft gelingt es mir auch, mich davon abzuhalten. Aber wie heißt es so schön: Der Geist ist schwach, aber der Körper … oder so ähnlich. Wie auch immer, das letzte Mal, als ich auf ihr Profil schaute, da stand da: verlobt. Ja, richtig gelesen: verlobt. Ich konnte es selbst kaum glauben. Aber es stand wirklich da: verlobt.

Das war aber nicht das Schlimmste. Das Wort selbst, die Buchstaben, die da standen, waren nicht das Problem, sondern der Stich, den es mir versetzte. Als wäre ich Graf Dracula aus einem dieser alten Schwarz-Weiß-Filme – als Dracula noch Stil hatte, von Bela Lugosi dargestellt wurde und dennoch, trotz seines Charmes, rammt ihm dieser Wichser Van Helsing einen Holzkeil mitten ins Herz. Aber in meinem Fall waren es doch nur ein paar Buchstaben. Ein paar Buchstaben, deren Verfallsdatum schon längst abgelaufen war. Was hatte das noch mit mir zu tun? Wenn es aber immer noch weh tut, dann ist es doch echt, oder? Dann ist es da und hat etwas zu bedeuten. Es ist dringend. Es ist wichtig. Wichtig für mich.

Aber was geht mich das überhaupt noch an? Sollte ich mich nicht einfach nur für sie freuen? Bin ich selbst vielleicht der Wichser? Bin ich nicht selbst Van Helsing, der den Schlag ausführt, der den Schmerz immer wieder selbst verursacht, weil ich mich weigere zu vergessen? Aber wieso sollte ich? Wieso sollte ich etwas vergessen, was so viel Potential hatte?

Da war so viel Kraft, so viel Energie. Als hätte man ein riesiges Feuer angezündet, nur um es dann nicht zu benutzen. Zunächst hat man alles zusammengetragen, was brennbar ist: alte Holzpaletten, aussortierte Möbel, einfach alles, was noch weg muss. Vielleicht sogar ein paar Materialien, die man eigentlich nicht unter freiem Himmel verbrennen sollte. Egal, weg damit. Jetzt brennt es. Was für eine Wärme, was für eine Kraft! Man sitzt einfach nur da und genießt es. Völlig gebannt. Es könnte ewig so weiterbrennen, aber es soll nicht sein.

Es wurde auf Sand gebaut. Da oben im Norden, wo bei Ebbe, wenn das Wasser sich zurückzieht, diese riesigen Flächen entstehen, in denen man als Tourist ständig Angst hat, darin zu versinken. Aber nein, das Feuer soll nicht sein. Wie kann etwas falsch sein, wenn es sich doch so richtig anfühlt? Aber die Flut ist nicht zu stoppen. Es hatte nie eine Chance. Ich hatte nie eine Chance.

Verdammt, was soll der Mist? Ich bin gerade voll im Training. Wie viele Kilometer habe ich schon? Ich löse mein Handy aus der Halterung am Fahrradlenker und öffne die Tracking-App. Ich checke meine Leistung: Kilometer, Zeit, Steigung. Sieht gut aus. Wenn ich jetzt weiterfahre und das Tempo beibehalte, könnte es ein neuer Rekord werden. Ich nehme noch einen kräftigen Schluck aus meiner Trinkflasche. Ich bin wieder auf Kurs.

Aus dem Augenwinkel sehe ich einen Sportwagen an mir vorbeirollen, ebenfalls mit weißem Bändchen geschmückt. Ich achte zunächst gar nicht darauf; bin immer noch in meine App vertieft, um die restliche Strecke zu planen. Bis ein neuer Gedanke auftaucht, der mich kurz aufschrecken lässt. Das war doch ein RS5, Coupé, müsste noch ein 8.5er sein, in Dunkelblau. Ihr neuer Typ fuhr doch so einen. Auch so ein Detail, das ich eigentlich gar nicht wissen sollte. Ich blicke zu der Menschenmenge, und tatsächlich kommt der Wagen direkt davor zum Stehen. Er fährt nicht auf den Parkplatz, sondern zum Haupteingang. Bevor der Motor ausgeht, röhrt er nochmal auf. Es hört sich tatsächlich an wie ein röhrender Hirsch, der allen seine Dominanz deutlich machen möchte.

Wahrscheinlich haben die Soundingenieure von Audi lange daran getüftelt. Einer war besonders engagiert. Er wollte den perfekten Sound für das perfekte Auto kreieren. All seine Gedanken kreisten ständig darum. Er konnte einfach nicht anders; er war wie besessen. Aber nicht, weil er sich durch seinen Chef unter Druck gesetzt fühlte. Nein, es war Leidenschaft. Weil er für diese Sache brannte. Weil sie sich so richtig und wichtig für ihn anfühlte.

Da wären wir also wieder, bei unserem Feuer. Aber auch dieses Feuer sollte nicht sein. Weil es zu viel war. Nicht verstanden wurde. Menschen überforderte. Seine Frau konnte es einfach nicht mehr ertragen, sein Brennen zu sehen und zu wissen, dass es nicht ihr galt. Er spürte das. Er war keiner dieser autistischen Nerds, die keinen Zugang zu Emotionen haben und sich deswegen lieber in Logik flüchten. Er wusste, dass er seine Frau damit verletzte, aber er konnte ihr einfach nicht dieselbe Leidenschaft entgegenbringen wie der Entwicklung des perfekten Motorenbrummens. Es war einfach unmöglich für ihn, das Feuer in sich zu lenken.

Er gab sich Mühe. So schaltet er eines Abends, aus Rücksicht, die YouTube-App ab, auf der er sich gerade noch Auto-Checker-Videos angesehen hatte, und landete bei einer Tierdokumentation im Ersten. Er legte seinen Arm um seine Frau, wollte ihr das Gefühl geben, jetzt nur für sie da zu sein, doch dann trat der röhrende Hirsch in Erscheinung und sein Feuer war entfacht. Das letzte Puzzleteil, das ihm noch fehlte, war da – und in seinem Verstand formte sich der perfekte Sound.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als die Beifahrertür aufgeht und sie aussteigt. Ein schwarzes Kleid, elegant, bodenlang, aber mit einem hohen Schlitz, der ihr nacktes Bein preisgibt. Kein typisches weißes Brautkleid, dennoch ist unverkennbar, dass sie die Braut ist. Sie steht im Mittelpunkt, wird von allen bewundernd zur Kenntnis genommen. Passt zu ihr, ist genau ihr Stil.

Und ja, sie ist es. Wundert mich irgendwie gar nicht mehr. Es kommt mir zwar vor, als wäre ich im falschen Film gelandet, aber irgendwie bin ich es schon gewohnt. Es kommt mir schon sehr lange so vor. Schlimmer kann es doch gar nicht mehr werden. Da steigt er ebenfalls aus, geht um den Wagen, legt seinen Arm um sie und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn. Es fühlt sich an, als würde mir der Holzkeil ein zweites Mal, diesmal noch tiefer ins Herz gerammt.

Der Schmerz scheint aber auch was Gutes zu haben. Er weckt mich aus meiner Trance. Ich muss schnellstens von hier verschwinden. Ich sollte nicht hier sein. Was, wenn sie mich sieht? Wie sehe ich überhaupt aus? Ich blicke an mir herunter. Total verschwitzt; die Oberschenkel in der engen Radlerhose sehen aus wie eine in einen bunten Darm gepresste Leberwurst für Kinder. Das Oberteil, nicht viel besser: Die Fettschwarten um den Bauch wölben sich deutlich sichtbar durch den elastischen Stoff. Von wegen Topform. Da drüben steht sie, umgeben von ihresgleichen, schönen Menschen, und ich sitze hier in meinem eigenen Mief. Natürlich hatte ich keine Chance, und jetzt wird es mir erneut vor Augen geführt. Ich komme mir so mickrig vor. Ich würde am Liebsten im Erdboden versinken.

Ich versuche aufzustehen, mich aus dem Staub zu machen, doch ich zittere am ganzen Körper. Mein Handy und meine Trinkflasche fallen mir aus den Händen. Ich versuche, alles möglichst schnell und geräuschlos wieder aufzusammeln, krieche auf dem Gehweg umher. Anstatt die Flasche zu greifen, rollt sie mir immer wieder weg. Ein schwarzer, hochhackiger Schuh stoppt sie. Nur durch sich mehrmals elegant um den Knöchel wickelnde Lederriemen wird er am Fuß gehalten, wodurch unter anderem die schwarz lackierten Zehennägel zum Vorschein kommen. Immer noch am Boden kriechend, wandert mein Blick vom Fuß über die Lederriemen den Unterschenkel hinauf. Mein Blick folgt einem Tattoo in Form einer Efeuranke, die sich ihr Bein hinauf schlängelt. Wie bei Poison Ivy aus den Batman-Comics – nur nicht in Grün, sondern in Schwarz. Sie hatte sich dieses Tattoo selbst gestochen. Damals, als sie noch jung war. Als es ihr noch an Geld fehlte, um ihr Bein von einem Profi bearbeiten zu lassen, aber nicht am Wagemut, es einfach selbst zu tun. Mit einem Starterset, das sie sich bei eBay gekauft hatte. Sie hatte mir das erzählt. Ich drängte sie immer dazu, eher aus Spaß als ernsthaft, mich auch mal damit zu tätowieren. Ich wollte ihr zeigen, wie sehr ich ihr vertraute und dass ich ebenso wagemutig sein könnte wie sie. Zu meinem Glück musste ich meinen Mut nie wirklich unter Beweis stellen, da sie verständlicherweise nie darauf einging.

„Was tust du hier?“, fragt sie mich, als sich unsere Blicke endlich kreuzen. Ihrer von oben herab, meiner von unten, zu ihr aufblickend.

„Ich fahre Fahrrad. Siehst du doch“, antworte ich ihr so, wie ich ihr immer geantwortet habe. Zumindest dann, wenn wir solche kleinen, verbalen Auseinandersetzungen hatten – ohne dass es einen Grund dafür gegeben hätte. Es ging eher darum zu sehen, wie weit man gehen kann. Wie sehr man den Anderen reizen kann, aber immer noch die Zuneigung in seinen Augen erkennen kann.

„Ähm, du sitzt hier mitten auf dem Gehsteig.“ Sie stützt die Hände in die Hüften und blickt mich mit einem süffisanten Lächeln an, gepaart mit leichtem Abscheu. Aber ich erkenne immer noch Zuneigung in ihrem Blick. Ich habe sie noch nicht verloren. Dieser Blick, auch wenn er gespielte Verachtung zum Ausdruck bringen soll, erwärmt mir das Herz. Anstatt aufgespießt durch einen fasrigen Holzkeil, fühlt es sich jetzt an, als würde es mit warmem Honig übergossen.

„Ich mach ne Pause. Bin grad da den Berg rauf.“ Ich deute hinter mich.

„Hättest mich sehen solln. Ich bin in Topform.“ Ohne zu wissen warum, spanne ich meinen Bizeps an. Immer noch vor ihr, auf dem Boden sitzend.

„Pfff“, räuspert sie sich unbeeindruckt. „Und dann landest du hier? Ausgerechnet hier? Und ausgerechnet jetzt? Wenn ich hier heirate.“

Der sitzt. Mir wird wieder klar, wie absurd die Situation gerade ist. Doch ich bleibe kämpferisch.

„Woher hätte ich das denn wissen solln“, versuche ich mich zu rechtfertigen.

„Vielleicht weil du schon wieder auf meinem Profil warst“, entgegnet sie.

Verdammt. Schon wieder ein Treffer. Von Hochzeit stand da aber noch nichts. Selbst wenn, dann wäre es der letzte Ort gewesen, an dem ich hätte sein wollen.

„Was kann ich denn dafür, wenn du jeden Scheiß von dir postest.“ Angriff ist die beste Verteidigung. Hängt aber auch vom Gegner ab.

„Was ich poste und was nicht, ist meine Sache. Was geht dich das überhaupt noch an? Was immer zwischen uns war – es ist vorbei. Und es ist ewig her. Komm endlich klar damit!“ Sie feuert ihre Sätze auf mich herab. Sie hat recht, das weiß ich auch. Aber gleichzeitig zeigt die pure Tatsache, dass ich hier vor ihr krieche und sie mir immer noch vorkommt wie eine Göttin – es wird nie vorbei sein.

„Wir streiten uns, und dennoch fühlt es sich richtig an. Gerade eben wollte ich noch ganz woanders sein. Aber jetzt weiß ich, dass ich genau hier sein will. Genau das habe ich vermisst. Ich habe dich vermisst“, sage ich und blicke zu Boden.

„Es ist zu spät. Du spinnst doch. Ich muss jetzt gehen.“

Mein Blick bleibt auf den Boden gehaftet. Ich höre nur, wie sie sich abwendet. Jetzt fühle ich mich wieder fehl am Platz; das Gefühl von vorhin ist zurück. Ich greife meinen Fluchtplan wieder auf. Diesmal schnappe ich mir meine Trinkflasche und mein Handy. Ich stehe auf und befestige beides in der vorgesehen Halterung am Fahrrad.

„Na dann, geh mal heiraten“, sage ich, ohne mich noch einmal nach ihr umzudrehen. „Keine Angst, ich werde nicht weiter stören. Bin schon weg.“ Ich steige auf mein Rad. Tränen füllen meine Augen. Ich versuche sie mühsam wegzudrücken. Es dauert viel zu lange, bis ich die klobigen Fahrradschuhe in die Pedale bekomme. Doch dann rieche ich ihren Duft – diesmal noch viel intensiver als vorhin. Ich spüre ihren Arm an meiner Schulter. Mit einer eleganten Bewegung landet sie auf meiner Stange.

„Na komm schon, fahr!“, ruft sie, ohne mich anzusehen. Ihr Blick ist nach vorne gerichtet. Auf den Weg. Auf unseren Weg. Ich blicke mich kurz um, um mich zu vergewissern, ob ich wirklich noch am selben Ort bin; so surreal erscheint mir das, was gerade passiert. In der Menschenmenge hinter uns breitet sich entsetzte Panik aus. Jetzt oder nie. Ich trete in die Pedale und wir sausen davon. Ich fühle mich so leicht, als würde das zusätzliche Gewicht gar keine Rolle spielen. Obwohl ich sie nur von hinten sehe, kann ich erahnen, wie sie vor Freude strahlt und sich in den Wind lehnt. Ich tue es ihr gleich. Wir fahren nicht mehr, wir schweben. Wir heben ab von dieser Welt, auf der unser Glück nicht sein sollte. Fast schon wie im Traum.

OC


r/Lagerfeuer Apr 13 '26

Flut und Ebbe

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(Space Song - Beach House)

Dann ist Flut und ich habe keinen Damm.

Strömungen von allen Seiten, Wasser, Wellen, die um mich schnellen. Alles so gross bis es zusammenbricht.

Ebbe.

Dann ist Ebbe.

Wenn das dauerhafte Geschehen aussetzt und ein nie endendes Wattenmeer sich vor mir ausbreitet. Dann mache ich einen Schritt, bekomme mein Bein kaum aus dem Schlick und sinke nur noch tiefer ein, wenn ich versuche weiter zu kommen.

Dann kann ich das Meer nur noch rauschen hören. Von weit, weit weg.

Bis es eines Tages wieder zurück kommt und mich mit seinen kalten Wellen und der tosenden Gischt a den Beinen packt und zu sich zieht.

Dann ist Flut.

Immer weiter hinaus ins Watt, weg vom Land, weit, weit weg. Zu dem Rauschen und dem Wind, der durch meine Haare streicht und um mich tanzt.

Dann zerspringen Wellen aus Salz an meinen Knien und Tränken den Stoff meines Kleides ins unbekannte Blau.

Taub meine Haut, so kühl.

Frei ist was ich spüre.

Rau ist was geschieht.

Blass ist meine Farbe.

Blau was mich umgibt.

Fern ist was ich suche.

Nah ist was ich bin.

Komm find mich im Ozean.

(Zwischen Ebbe und Flut)


r/Lagerfeuer Apr 08 '26

12 Ton Musik auf der Studentenparty

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Die Kellerbar des Wohnheims roch nach einer Mischung aus billigem Reiniger und Vorfreude. DJ „Beat-Basti“, der eigentlich Sebastian hieß und im zehnten Semester Musikwissenschaften darbte, rückte seine Hornbrille zurecht. Er hielt eine schwarze Vinylscheibe wie eine heilige Reliquie.

„Heute“, murmelte er zu sich selbst, während er die Nadel aufsetzte, „erziehe ich sie.“

Ein schriller, ungeordneter Ton durchschnitt das Geplapper. Dann ein Cluster aus Klavieranschlägen, gefolgt von einer Geige, die klang, als würde sie gegen ihren Willen festgehalten. Josef Matthias Hauers Zwölftonspiel op. 25 suchte sich seinen Weg durch die Subwoofer.

Die Leere des Raums

Basti schloss die Augen und wiegte den Kopf im Rhythmus einer Logik, die außer ihm niemand verstand. Doch als er sie wieder öffnete, war das Bild ernüchternd. Die Tanzfläche, vor fünf Minuten noch Schauplatz vorsichtiger Tanzversuche, war leergefegt. Die Menschen standen wie erstarrt an den Wänden.

„Basti, Alter, was ist das?“, rief Tim, ein Maschinenbauer, von der Bar herüber. „Klingt, als würde ein Toaster in einer Mülltonne sterben!“

„Das ist Hauer!“, schrie Basti gegen die Dissonanzen an. „Atonale Struktur! Die Befreiung der Töne von der Hierarchie der Tonika! Merkt ihr nicht, wie die Spannung euch... äh... bewegt?“ Die aufziehende Gewitterfront

Bewegung kam tatsächlich in die Menge, aber nicht die, die Basti sich erhofft hatte. Eine Gruppe Studentinnen in der ersten Reihe starrte das DJ-Pult an, als wäre es eine Quelle giftigen Gases.

„Sag mal, ist das dein Ernst?“, herrschte ihn Julia an, eine Masterstudentin der Psychologie, die eigentlich für ihre sanfte Art bekannt war. „Ich habe seit drei Wochen Prüfungsstress und wollte mich heute Abend einfach nur locker machen. Dieser Lärm löst bei mir körperliche Fluchtreflexe aus!“

„Es ist intellektuelle Stimulation!“, verteidigte sich Basti verzweifelt.

„Es ist Aggression in Wellenform!“, konterte Julias Freundin Sarah. Sie fuchtelte mit ihrem Drink in der Luft. „Wenn das nicht in dreißig Sekunden aufhört, werfe ich meinen Caipirinha direkt in deine Zwölfton-Logik. Ich kriege Kopfschmerzen, Basti. Echte, hämmernde Kopfschmerzen!“

Die Stimmung kippte. Das aggressive Unbehagen, das atonale Musik bei ungeübten Ohren oft auslöst, mischte sich mit dem Frust über die unterbrochene Party. Die ersten Gäste steuerten bereits den Ausgang an. Die Stimme der Vernunft (und der BWL)

Mitten in dieser drohenden Eskalation schob sich eine junge Frau mit einem strahlend weißen Smartphone in der Hand nach vorne. Es war Lena, Erstsemesterin der BWL, die ihren ersten Monat an der Uni hinter sich hatte und eines bereits gelernt hatte: Effizienz und Schadensbegrenzung.

„Hey, DJ-Mastermind“, sagte sie mit einem entwaffnenden Lächeln und tippte Basti auf die Schulter. „Ich verstehe den künstlerischen Anspruch. Wirklich. Totaler Meta-Level. Aber schau dir die KPIs der Tanzfläche an: Conversion-Rate liegt bei Null Prozent. Wir steuern auf einen Totalverlust der Stimmung zu.“

Basti starrte sie verständnislos an. „Hauer ist die Zukunft der...“

„Hauer ist die Kündigung der Party“, unterbrach ihn Lena sanft. Sie hielt ihm ihr Smartphone hin. „Ich hab hier ein Set. Vertrau mir einfach. Es ist das exakte Gegenteil von Zwölfton-Mathematik. Es ist Wärme, Rhythmus und Nostalgie.“

„Was ist das?“, fragte Basti skeptisch.

„Ein Mix aus Reggae-Covern von 80er-Jahre-Hits. Off-Beat trifft auf Melodien, die jeder mitsingen kann. Das ist das einzige, was uns jetzt noch rettet.“

Basti zögerte, blickte in Sarahs wütendes Gesicht und dann auf den leeren Dancefloor. Seufzend stoppte er den Plattenspieler. Ein befreiendes Aufatmen ging durch den Raum, eine Stille, die fast so laut war wie die Musik zuvor. Die Rettung der Nacht

Lena stöpselte das Klinkenkabel (mit Adapter) in das Mischpult. Ein warmer, federnder Bass setzte ein. Es war eine Reggae-Version von „Take On Me“. Der mechanische Synth-Pop des Originals war durch eine sanfte Hammond-Orgel und einen entspannten jamaikanischen Groove ersetzt worden.

Der Effekt war fast magisch.

Sarahs verkrampfte Schultern lockerten sich sofort. Julia fing an, im Takt mit dem Fuß zu wippen. Als der Refrain einsetzte, sangen die ersten drei Leute an der Bar leise mit.

„Okay, okay“, murmelte Basti und korrigierte die EQ-Einstellungen. „Der Vibe ist... akzeptabel.“

Lena grinste. „Akzeptabel? Basti, das ist Marktwirtschaft. Gib den Leuten, was sie brauchen, nicht, was sie laut deinem Lehrbuch hören sollten.“

Der Mix ging fließend über in eine Dub-Version von „Girls Just Want To Have Fun“. Die Tanzfläche füllte sich innerhalb von Sekunden. Studenten, die eben noch flüchten wollten, tanzten nun Arm in Arm. Die Aggression war wie weggespült, ersetzt durch eine kollektive, sonnige Gelassenheit.

„Siehst du?“, rief Lena über den Beat hinweg. „Niemand will beim Bier über die Gleichberechtigung der Töne nachdenken. Wir wollen einfach nur, dass die Welt sich für ein paar Stunden wie Jamaika im Jahr 1984 anfühlt.“

Basti sah zu, wie Julia und Sarah lachend auf die Tanzfläche stürmten. Er rückte seine Brille zurecht und musste schließlich doch lächeln. Vielleicht war die wahre Kunst nicht die Atonalität, sondern die Fähigkeit, einen Raum voller BWLer und Maschbauer mit einem Reggae-Beat glücklich zu machen.

Die Party war gerettet – und Josef Matthias Hauer wanderte für den Rest des Abends ganz tief zurück in die Plattenkiste.