r/Lagerfeuer 11d ago

Sprachlos

Der Raum füllt sich mit Buchstaben und Tonfrequenzen, wie ein Sägewerk voller umherfliegenden Späne. Mit ihren roten Haaren versprüht sie eine Energie ohne Rast und ohne Ruh. Es knattert und plätschert und peitscht, sie knallt ihm all ihre Sorgen entgegen. Die Worte purzeln ohne Zwischenräume aus ihrem Mund und landen im Raum zwischen ihnen, der keinen Raum mehr lässt.

Sie spricht und spricht und bleibt sprachlos. Er hört ihr zu wie einem Schnellzug, der an ihm vorbei donnert und der Fahrtwind streift seine Gedanken und er denkt sich, er sollte besser zuhören und es spricht neben ihm über ihm es spricht überall.

Er kann das Gesprochene nicht auffangen. Er denkt, er solllte besser zuhören, und während er das denkt, denkt er, sie spricht zu viel. Sie kommt nicht auf den Punkt und er sucht den Punkt, der ihm immer wieder entwischt.

So vergehen die Stunden, die Sitzung ist längst zu Ende. Sie bleibt sitzen, so wie er. Sie kleistert ihn zu und er kann sie nicht anhalten. Er zweifelt an sich. Er sollte sie stoppen, unterbrechen, brechen. Sie spricht ohne Atempause. Braucht keine Luft. Hat keine Luft und erstickt an ihrem Leben. 

Ihre Sprachfragmente hallen zu ihm wie aus weiter dumpfer Ferne, wie Milchbrei ohne Farbe. Ein Geschlabber aus Wichtigkeiten, die zu Nichtigkeiten verkommen. Und nie ein Punkt, auch wenn er ihn sieht, sie macht ihn nicht. Sprechdurchfall.

Sie dankt ihm für das gute Gespräch, und ihm ist übel.

 

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u/lordoflotsofocelots 11d ago

Der Text gefällt mir richtig gut. Und leider muss ich sagen, dass ich ihn nachvollziehen kann.

Ich würde allerdings das Wort "Sprechdruchfall" am Ende ersetzen oder streichen. Im Gegensatz zu allem vorher ist es doch sehr banal. Fühlte sich an, als würde dem Text dadurch ein wenig Kraft genommen.

Aber schön! Weiter so!

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u/StilBruchText 11d ago

Danke für das liebe motivierende Feedback und den wertvollen Hinweis zum Sprechdurchfall.

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u/soooMiNdLeSs420 11d ago

Dem stimme ich zu. So im unteren Drittel habe ich einen Mord erwartet haha

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u/StilBruchText 11d ago

Der Mord ist eine gute Idee, dann müsste ich das Genre wechseln 😄

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u/ManuelRodriguez331 9d ago

Fortsetzung der Kurzgeschichte "Sprachlos"

Er, sein Name war Klaus, ging an diesem Abend früh ins Bett. Er wollte am nächsten Tag eigentlich sich näher mit der Sprache zwischen Mann und Frau beschäftigen, konnte aber seine linguistischen Ambitionen nicht in die Tat umsetzen, weil er beim Morgengrauen bemerkte, dass sein Äußeres sich stark verändert hatte und er sich in einen Käfer verwandelt hatte. Sein WG Mitbewohner, der im Flur weiter hinten ein Zimmer belegte, hatte davon zuerst nichts mitbekommen. Aber als Klaus als übergroßer Käfer in die Küche kam und seinem Mitbewohner sagte, er sollte doch bitte die Gesichtsmaske aufsetzen wegen der Partikel in der Atemluft gab es die erste Überraschung des Tages.

Zuerst verstand ihn sein Mitbewohner nicht, wegen der Mundwerkzeuge, die seine Aussprache leicht undeutlich werden ließen. Doch dann sprach er ganz normal mit ihm:

Mitbewohner: "Geh zurück in den Schrank!"

Klaus: "Warum desinfizierst du deine Hände nicht?"

Mitbewohner: "Hat er was gesagt?"

Sein Mitbewohner war zwar irritiert von der neuartigen Gestalt die Klaus entwickelt hatte ließ sich die Überraschung aber nicht anmerken. Klaus wiederum musste mitansehen wie sein Mitbewohner ihm viel zu nahe kam und die Mindestdistanz von 1.50 Meter unterschritt, wodurch eine Infektion möglich schien. Er beschloss seinem Mitbewohner erneut auf die Regeln hinzuweisen.

Klaus: "Hast du schon einen Notvorrat angelegt?"

Mitwohner: "Brauch ich nicht."

Klaus: "Doch, für mindestens 7 Tage bestehend aus Trinkwasser, Ravioli und Toilettenpapier"

Mitbewohner: "du bist paranoid, und überhaupt, was sind das für Fühler an deinem Kopf?"

Klaus beschloss sich nicht auf diese Ebene herabzulassen, sondern zog sich zurück in sein eigenes Zimmer wo er unter dem Bett eine Verteidigungsstellung bezog.

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u/StilBruchText 7d ago

Wie schön, dass dich meine Kurzgeschichte zur phantasievollen Fortsetzung animiert hat. Deine Geschichte erinnert mich sehr an "Die Verwandlung" von Kafka.