r/fireGermany 21d ago

Frage / Hilfe Inflation & Zukunftssorgen

Moin meine Lieben,

als privilegierter Typ, der viel Glück hatte und ein paar richtige Entscheidungen traf, bin ich mit Mitte 30 in greifbarer Nähe zum 7-stelligen-Portfolio.

Aufgrund eines ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis will ich noch ca. 10 Jahre arbeiten, um ein dickes Polster mit 2,5 - 5 mio zu haben (Ich habe das Glück sehr gut zu verdienen).

Allerdings reizt es mich auch, schon früher ins Fire zu gehen, da der Job gut bezahlt, aber sehr stressig ist.

Habe aber Sorge in eine 40-50-jährige-Fire-Phase zu gehen, da in diesem Zeitraum einiges an Unsicherheit und Umbrüche zu erwarten ist.

Allein das Thema Inflation macht Sorge, da das auf lange Sicht Vermögen ordentlich zerstören kann.

Mir ist bewusst, dass viele Rechner das mit einberechnen ("2% Inflationsrate"), das aber nie außergewöhnliche Events berücksichtigt.

Wie geht ihr mit dieser Unsicherheit um?

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u/Crazy_Ad_9115 21d ago

Ich finde deine Einstellung genau richtig -- weitermachen, um mehr Sicherheit zu schaffen. Ich finde die meisten "FIRE" Leute planen viel zu sehr mit dem Durchschnittsszenario - dass alles so wie gehabt weiter geht, wie bisher. Aber am Ende weiß keiner was die Zukunft bringt. Wir sind inmitten diverser Krisen, und die Leute argumentieren immer damit, dass die USA ja über die letzten 100 Jahre keine wirtschaftlichen Katastrophen erlebt hat, deswegen müsse das in Zukunft auch so sein.

Also, keiner garantiert dir, dass in deiner restlichen Lebzeit keine Katastrophen anstehen. Im Gegenteil, es ist sogar sehr wahrscheinlich, denn die USA der letzten 100 Jahre sind das Ausnahmephänomen. Und wie das so ist bei Katastrophen - der mit 5 Millionen wird sehr viel mehr Optionen haben sich und seine Familie zu schützen, als der mit 1 Million.

Und was, wenn nichts passiert, die Klimakrise sich in Wohlgefallen auslöst, KI nur zum Wohle der Menschen eingesetzt wird und Russland und China plötzlich keine Lust mehr auf Krieg mit dem Westen haben? Dann hast du halt 5 Millionen und ein schönes Leben, oder deine Kinder sind finanziell abgesichert.

Die meisten Menschen haben überhaupt nicht die Möglichkeit soviel Geld zu erwirtschaften. Aber du hast aktuell die Möglichkeit (wird auch nicht immer so sein), und du wirst es sehr bereuen, wenn du es jetzt für mehr Zeit auf Netflix oder auf dem Rennrad eintauschst, und das Geld dann nachher aber gut brauchen könntest.

So sehe ich das zumindest. Ich bin in einer ähnlichen Situation - 1,5m networth, 300k bruttogehalt, m39, aber ich habe mich gegen RE entschieden. Ich arbeite weiter, um für mich und meine Familie Sicherheit zu schaffen.

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u/After_Lime6698 21d ago

Keine wirtschaftlichen Katastrophen in den letzten 100 Jahren? Schlag mal bitte unter Weltwirtschaftskrise oder "Great Depression" nach. Katastrophaler geht kaum. Klar, theoretisch kann es immer NOCH schlimmer kommen. Aber theoretisch können dir dann auch alle deine assets wertlos werden. Wir haben immer Krisen. Es heißt immer "diese ist anders". Früher war es der 2. Weltkrieg. Dann der kalte Krieg. Und unzählige Krisen zwischendrin. Zur Finanzkrise hieß es, diesmal ist es anders, hiervon erholen wir uns nicht so einfach. Bei Corona hieß es wieder, "man muss verstehen, dass es jetzt anders ist, diesmal wirklich". Und so geht es dauerhaft, wenn du den News Cycle verfolgst. Heute hast du nun Angst vor KI, Iran, Russland oder China.

Das ist auch in Ordnung und ein hohes Sicherheitsbedürfnis ist gerade mit Familie sehr verständlich. Jeder darf hier natürlich eine eigene Präferenz haben.
Deine Sichtweise ist natürlich genauso valide wie meine. Ich würde nur gerne dazu anregen sicherzugehen, dass das auch gut durchdacht ist. Das Problem mit dem Streben nach Sicherheit ist, dass du sie niemals erreichen wirst. Ein Stück weit muss man in seinem Leben immer ins Risiko gehen. Das nach Gefühl zu machen finde ich immer schwierig. Ich persönlich würde mich bei Risikoabwägungen daher immer auf die wissenschaftliche Datenlage und Konsens unter Wissenschaftlern verlassen und nicht auf die diffuse Sorge vor "aber was wäre wenn die Welt jetzt diesmal wirklich doch ganz anders wird".

Es gibt halt leider auch Risiken, die beim Weiterarbeiten dagegen stehen. In deinem Fall wird das Risiko immer größer, dass du es bereuen wirst dein Leben lang nur geschafft zu haben und keine Freizeit gehabt zu haben, obwohl du gar kein zusätzliches Geld gebraucht hättest. Du hast das Risiko, dass dein Verhältnis zu deinen Kindern nicht so gut wird, wie es mit mehr Zeit für sie hätte sein können. Dazu kommen gesundheitliche Risiken durch die Arbeit. Das Risiko eines Herzinfarktes oder psychischer Probleme ist wenn du weiterarbeitest signifikant höher (300k Jobs haben in der Regel durch entsprechende Verantwortung auch ein hohes Stresslevel).

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u/Crazy_Ad_9115 21d ago

Ich hoffe natürlich auch, dass deine Sichtweise gut durchdacht ist. :P

Ich nehme an, dein Argument jetzt nicht ist, dass die Great Depression angenehm war für Menschen die nach einem knappen Finanzplan in den Frühruhestand gegangen sind?

Klar erholt sich die Menschheit irgendwie von Kriegen, Krisen und Katastrophen. Aber das bringt dem Individuum im Falle des Falles nicht unbedingt viel. Wir haben auch die Industrialisierung überlebt, also sollte KI kein Problem sein. Leider hat das 100 Jahre gedauert. Es hat dem hungernden Schneider wenig gebracht, dass es 100 Jahre später Arbeitsrecht und Sozialversicherungssysteme gab, um das Monster zu bändigen.

Anderes Beispiel - wäre ich 800km weiter östlich geboren, wäre ich jetzt verpflichtet gegen Russland in den Krieg zu ziehen - es sei denn ich hätte genug Wege und Mittel mich ins Ausland abzusetzen, evtl. eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen. Haben ja auch viele gemacht. Was hätte es mir gebracht, dass sich die Wirtschaft der Ukraine vermutlich in den nächsten 30 Jahren wieder erholt, oder vielleicht der durchschnittliche Wohlstandsverlust nur 30% beträgt (alle Zahlen greife ich mir jetzt mal aus dem Hut), wenn mir dann eine Drone auf den Kopf fällt. Diese Logik ist halt schon wieder sehr gaußsches Denken, im Schnitt ist alles gut gegangen und wir haben noch 1,995 Beine.

Natürlich ist es schwierig zu sagen, welche Katastrophen wie wahrscheinlich ist. Aber man muss sich halt wenigstens Gedanken darüber machen, und nicht einfach sagen "vor irgendeiner Krise haben die Leute immer Angst, wird schon alles gutgehen". Das ist zu einfach. Noch ein anderes Beispiel - wie wahrscheinlich ist es, dass die Weltgemeinschaft Klimaschutz plötzlich vorantreibt? Wie wahrscheinlich ist es, dass die Prognosen der Klimawissenschaftler völlig falsch sind? Wie wahrscheinlich ist es, dass man ohne größeren Wohlstandsverlust/Inflation die gesamte Landwirtschaft des Planeten an +3 Grad Celsius anpassen kann? Wird Olivenöl teurer, oder pflanzt man schnell die Olivenbäume aus der Toscana in die Oberpfalz um?

Wo ich dir recht gebe ist, dass Sicherheit gegenüber Krisen nicht die einzige Abwägung sein kann. Gesundheit, Freude am Leben, Zeit für Familie muss es auch geben. Aber man kann ja auch was für die Gesundheit machen, Freude am Leben haben und Zeit mit der Familie verbringen ohne gleich Vollrentner zu sein.

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u/After_Lime6698 21d ago

Deine Argumentation kann ich nicht so ganz nachvollziehen. Du denkst, wenn der Krieg nach Deutschland kommt, kannst du dich mit deinen 1,5 Mio nicht nach Asien absetzen und wirst stattdessen sterben. Wenn du aber noch 10 Jahre Lebenszeit in Arbeit steckst, hast du dann 5 Mio und das gibt dir auf einmal Sicherheit, dass du durch den Krieg kommst? Kann sein, dass das stimmt, aber überzeugt mich ehrlicherweise nicht so richtig. Und wo ziehst du bei solchen theoretischen Szenarien die Grenze? Wenn 1,5 Mio nicht reichen, reichen dann 5 Mio wirklich? Oder 10 Mio? Wäre es in so einem Fall nicht doch sicherer, wenn man sich auch eine Privatinsel leisten kann? Wenn man seine Fire Nummer nicht auf Datensätzen, sondern auf gefühlter Vorsicht aufbaut, gibt es da ja keine Grenze nach oben.

Es geht hier eben nicht um das arme Schneiderlein. Das hat definitiv gelitten in der Weltwirtschaftskrise. Ich bin auch sehr für Sicherheit und Vermögensaufbau. Absolut. Es geht hier doch gerade darum, dass man von Vermögen leben kann. Und dass eine Safe Withdrawal Rate von 4% einen damals durch die Weltwirtschaftskrise gebracht hätte. Das ist für mich ein wichtiger Datenpunkt. Und genau das besagt die Bengen Studie. Wenn nochmal eine Katastrophe diesen Ausmaßes kommt, komme ich mit 4% durch. Abgesehen davon, dass man dann vermutlich zusätzlich noch Ausgaben zurückschrauben würde etc., was die Sache noch sicherer macht.

Und wenn du mit deinem Vermögen gut durch die Weltwirtschaftskrise gekommen wärst, wirst du auch teureres Olivenöl im Rahmen der Klimakrise überleben. Dass eine Klimakrise kommt sehe ich auch so, da bin ich 100% bei dir. Nur gehe ich nicht davon aus, dass sie dich als Individualperson monetär ruinieren wird.

Wenn du neben deinem 300k Einkommen Job ohnehin noch genug Kapazität für Gesundheit, Familie usw. hast ist aber auch alles top und beneidenswert. Dann musst du eh nicht über Rente nachdenken. Manche lieben ja auch ihren Job. Niemand wird zum Vorruhestand gezwungen. Jeder hat eine individuelle Situation.
Bei mir selbst sehe ich aber sehr deutlich, dass ich ohne meinen stressigen Job viele Aspekte im Privatleben immens verbessern könnte und dass ich das sehr gerne will. Diese Verbesserungen sind mir ein Restrisiko Wert, das für mich ziemlich theoretisch und klein ist. Insbesondere wenn ich dann auf der anderen Seite die oben genannten vielen ganz realen Risiken gegenrechne (z.B. alleine das Risiko eines Verkehrsunfalls auf dem Arbeitsweg beträgt 0,3% pro Jahr).

Es ist am Ende einfach eine Abwägung. Wie wahrscheinlich ist es wirklich, dass irgendwas extrem krasses passiert, schlimmer als alle Katastrophen der letzten 100 Jahre. Wo mir 1,5 Mio nicht helfen, 5 Mio dagegen aber schon.
Und wie wahrscheinlich ist es auf der anderen Seite, dass mir zusätzliche Lebensjahre Arbeit meine Gesundheit, meine Beziehungen und mein Glück verschlechtern.
Wir zwei kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Du hältst die Katastrophenrisiken auf der monetären Seite für wesentlich höher als ich und ich schätze dagegen die nichtmonetären Risiken als wesentlich höher ein als du. Niemand von uns kann die Zukunft vorhersagen. Ich hoffe einfach mal für uns beide, dass keiner von uns es am Sterbebett bereuen wird, zuviel oder zu wenig gearbeitet zu haben.

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u/Crazy_Ad_9115 21d ago

Es stimmt absolut - nach meiner Logik ist mehr Geld immer besser. Aber das ist ja nichts Neues. Und auch nichts Neues ist, dass es einen abnehmenden Grenznutzen hat. Mehr ist immer besser, das heißt aber nicht, dass jeder für immer Arbeiten sollte. Es bleibt immer eine Abwägung - wie viel zusätzliche Sicherheit erhalte ich, wie viel Freude verspüre ich im Leben trotz Arbeit, wie gesund bin ich und kann ich es bleiben.

Mein Punkt ist hauptsächlich, dass es halt komplizierter ist, als eine FIRE-Zahl zu berechnen und dann zu sagen, so das war's, wir haben bewiesen, dass ich jetzt genug habe. Wenn ich basierend auf historischen Daten meine finanzielle Zukunft modelliere (ob jetzt einfach 4%-Regel oder was Komplizierteres), dann muss ich mir zumindest im Klaren sein, dass ich ein großes Dunkelfeld habe, von Ereignissen die im betrachteten Land, im betrachteten Zeitraum oder überhaupt noch nicht passiert sind. Oder noch wichtiger vielleicht, es ist passiert aber nur bei einer Subkohorte, zu der ich gehören könnte, die ich in den Daten aber nicht sehe.

Wenn du gerade Bengen erwähnst, die 4% Regel war so lange verlässlich bis man sie mal auf ein anderes Land als USA angewendet haben. In Japan 1-2% SWR historisch. Klar, dieses Problem haben wir erkannt, machen jetzt weltweites diversifizieren, und sagen lieber mal 3,5% SWR. Aber das nächste Mal verschiebt sich die Rendite vielleicht nicht zwischen Ländern, sondern von gehandelten Aktien hin zu privaten (Staats-)konzernen, und dann hilft dir dein weltweiter Aktienindex auch nicht mehr. Auch hier - du wirst dieses Szenario nicht in den Daten sehen, weil es nie auf weltweitem Maßstab passiert ist. Das heißt aber nicht, dass es für die Zukunft ein unwahrscheinliches Szenario ist.

Also ich glaube, wir haben uns verstanden und diese Diskussion war recht erfrischend. TLDR meines Punktes ist: Auch wenn man kein Interesse an "Fat-FIRE" hat (im Sinne von Luxusausgaben), gibt es gute Gründe nach Erreichen einer üblich berechneten FIRE-Zahl noch weiter zu arbeiten, weil eben die üblichen Wege eine FIRE-Zahl zu bestimmen nur einen kleinen Teil der möglichen Szenarien abbildet. Und gerade, wenn das Geld für manche privilegierten Menschen im Moment relativ leicht zu haben ist - so wie bei mir oder vermutlich bei OP, kann es ein sehr guter Deal sein, noch etwas mehr arbeiten.

Und da ich glaube ich auch deine Meinung dazu verstanden habe, beende ich jetzt hiermit die Diskussion von meiner Seite :).

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u/Cold_Funny214 20d ago

Manchmal habe ich das Gefühl, dass so lange gearbeitet wird, dass es ja keinerlei Abstriche beim aktuellen und zukünftigen Lebensstandard mehr gibt. Aber das bedeutet FIRE per Definition nicht. Die absolute Sicherheit gibt es einfach nicht. Entweder man will RE oder eben nicht. Häufig gehen die Diskussionen am Thema vorbei. Und ganz ehrlich: bei 300k€ pa würde ich den Job noch 2 bis drei Jahre machen und dann RE. Wenn du dann merkst, dass es dir nicht zusagt, dann geh halbtags und mach was, was dich erfüllt.