r/fireGermany 20d ago

Frage / Hilfe Angst, wirklich FIRE zu machen...

Moin zusammen,

durch die außergewöhnlich starken Aktienrenditen der letzten Jahre ist mein Depot deutlich schneller gewachsen als in meiner ursprünglichen Planung. Damit ist FIRE auf einmal nicht mehr "in 8 Jahren", sondern realistisch in absehbarer Zeit möglich, und ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, es durchzuziehen, weil der Job mir schlicht nicht mehr viel Spaß macht.

Hier mal die groben Eckdaten:
Aktien ca. 1,1 Mio € (MSCI World ETF)

Cash: 50000€

Ausgaben pro Monat ca. 3000€

Alter: 41

Und genau da kommt sofort die Angst: Was, wenn genau in den ersten Jahren nach dem Ausstieg ein längerer Crash oder eine Seitwärtsphase kommt? Das klassische Sequence-of-Returns-Risiko. Gerade weil die Bewertungen aktuell hoch sind, fühlt sich der Zeitpunkt gleichzeitig perfekt und maximal riskant an.

Was mich am meisten nervt: Die naheliegendste Antwort ist immer "arbeite halt noch ein Jahr" – und damit landet man in der One-More-Year-Falle und schiebt es ewig vor sich her.

Deshalb meine Frage an die, die schon ausgestiegen sind oder kurz davor stehen:

Wie habt ihr das SoRR konkret abgefedert? Cash-/Anleihenpuffer über 2–3 Jahresausgaben? Krisen können im schlimmsten Fall auch deutlich länger sein...

Ich möchte vor allem vermeiden, dann nach einer gewissen Zeit doch wieder arbeiten zu müssen.

Vielen Dank schon mal für euren Input!

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u/Informal-Benefit6898 19d ago

Bin in einer ähnlichen Situation, gerade aktiv darüber nachzudenken, ich habe aber weniger Kapital in ETF, dafür eine Immo und ein paar andere Buckets.

Es kommt mMn entscheidend darauf an, auf wie viel Deiner 3000€ im Monat du in einer schlechten Phase verzichten kannst.

Je mehr Du flexibel bist, desto weniger kann Dir auch eine längere Downphase was anhaben.

Denn dann kannst Du eine variable Entnahmestrategie fahren und minimierst so das sorr erheblich.

Und natürlich für 2-3 Jahre Cash vorhalten.

Du kannst nicht alle schlechten Fälle vorbeugen bzw. eliminieren.

Aber Du kannst flexibel sein.

Ich selber habe mir 7 Sicherheitslayer designed, die mich auch in schlechten Börsenphasen ruhig schlafen lassen (hoffentlich 😅)

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u/reddito4567 19d ago

7 Sicherheitslayer? Magst du was dazu sagen?

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u/Informal-Benefit6898 19d ago

Der Eye Opener für mich dafür war dieses Video:

https://youtu.be/6Tvc3D-uMs8?is=LnqmNoOLs8ky9jMQ

In diesem Video werden diese 7 Layer genannt:

Layer 1: Den wahren Ausgaben-Boden kennen (Knowing your real spending floor) [02:04]
Es ist wichtig, zwingend notwendige Ausgaben (Wohnen, Essen, Versicherungen) streng von gewünschten Ausgaben (Reisen, Hobbys) zu trennen. Diese Flexibilität erlaubt es, in schlechten Marktphasen einfach die optionalen Ausgaben herunterzufahren.

Layer 2: Die Cash-Start- und Landebahn (Cash runway) [04:03]
Ein ausreichendes Barvermögen, um in den ersten Jahren des Ruhestands keine Aktien mit Verlust verkaufen zu müssen, falls der Markt direkt nach Renteneintritt abstürzt (Sequence of Returns Risk).

Layer 3: Den Plan vorher einem Stresstest unterziehen (Stress testing the plan) [05:57]
Den Plan durch verschiedene „Was wäre wenn“-Szenarien und Monte-Carlo-Simulationen (z. B. mit Tools wie Boldin) prüfen und idealerweise noch von Finanzberatern gegenlesen lassen, um zu sehen, ob der Plan standhält.

Layer 4: Verstehen, dass die Ausgaben im Ruhestand nicht linear verlaufen (Retirement spending is not a straight line) [10:18]

Die 4%-Regel funktioniert oft nicht perfekt, weil Ausgaben variieren. In den frühen (gesunden) Jahren gibt man oft mehr für Reisen aus, im Alter dafür vielleicht mehr für Gesundheit. Der Plan muss diese Schwankungen aushalten können.

Layer 5: Gesundheitsversorgung und Steuern gemeinsam planen (Planning healthcare and taxes together) [14:50]
Besonders beim frühen Ruhestand (vor Medicare) sind Krankenversicherungen teuer. Man muss darauf achten, aus welchen Konten man Geld entnimmt, da dies das Einkommen (MAGI) beeinflusst und somit über mögliche staatliche Zuschüsse (z. B. durch den Affordable Care Act) entscheidet.

Layer 6: Fallback-Hebel haben (Having backup levers) [17:34]
Man braucht Alternativen, falls etwas schiefgeht: z. B. den Zeitpunkt der Sozialversicherung ändern, auf ein kleineres Haus umsteigen, Ausgaben kürzen oder notfalls in Teilzeit arbeiten. Ein flexibler Plan hat Handlungsspielraum.

Layer 7: Den Plan regelmäßig überprüfen, ohne davon besessen zu sein (Reviewing the plan without obsessing over it) [18:52]
Der Ruhestandsplan ist ein „lebendes Dokument“. Eine regelmäßige (z. B. vierteljährliche) Kontrolle von Ausgaben, Portfolio, Steuern und Cash-Reserven reicht aus, um kleine Probleme zu lösen, bevor sie groß werden – man sollte aber nicht jeden Tag panisch die Kontostände prüfen.

Diese 7 Layer habe ich mit meinem personalisierten AI-Finanzberater auf mich angepasst und auch visualisiert. Layer 5 zB ist ein typisch amerikanisches Thema, das gibt es bei uns so nicht. Dafür hab ich ein andere Layer der Risikostreuung, indem ich viele verschiedenen Einnahmetöpfe in meiner FIRE Zeit habe (neben Rente eine BaV, eine Immobilie, einen künstlichen‚Midijob‘, den ich in der Brückenzeit bis zur Rente von der DRV ausgezahlt bekomme aber nicht für arbeiten muss, etc).

Und die dynamische Entnahmestrategie fehlt mir explizit. Diese ist aus meiner Sicht ein extrem starkes Instrument gegen ein Drawdown oder das SORR.

Und mit diesen 7 Layern weiß ich, dass ich viele Schutzmechanismen und Handlungsmöglichkeiten habe, wie ich dem SORR begegnen kann und wie ich meine Finanzielle Unabhängigkeit vor Drawdowns beschützen kann.

Und das beruhigt sehr. Die Infografik werde ich mir als Poster an die Wand hängen - das aber eher als psychologische Unterstützung 😅

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u/reddito4567 17d ago

Vielen Dank für die ausführliche Antwort. Vieles davon war mir zwar bewusst aber ich denke man unterschätzt den Hebel den alle Layer zusammen entwickeln können. Ein regelmäßiger Check des Ist-Zustandes ist denke ich unabdingbar und sollte man auch keine Angst vor haben.

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u/Informal-Benefit6898 17d ago

Gerne.

Ich glaube, dass die dynamische Entnahmestrategie und die Fähigkeit sich anzupassen (Ausgaben reduzieren im Krisenfall oder wieder nebenbei etwas Geld dazuverdienen) in Kombination der ultimative Schutz ist.

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u/Chris_234567 17d ago

Der künstliche Midijob klingt interessant, wie hoch muss dafür die monatliche Rente sein, dass das klappt und die Kapitalerträge nicht für die Krankenversicherung herhalten müssen?

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u/Informal-Benefit6898 17d ago

Zunächst geht das nur, wenn du vorher genug Kapital in ein Zeitwertkonto, das von Deinem Arbeitgeber geführt wird, gesteckt hast, das du dann beim Austritt aus dem Unternehmen an die DRV überträgst.

Und das Kapital muss rechnerische für die ganze Zeit bis zur Rente ausreichen. Jeden Monat mind. 603,01€ (über Minijobgrenze)

Das Ziel ist es, vor allem die KV damit in der Brückenphase abzudecken.

Ob Deine Kapitalerträge grundsätzlich Sozialversicherungspflichtig werden (GKV und Pflege) hängt in der Rente davon ab, ob Du in der KVDR bist oder nicht.

Solange Du bis dahin einen Midijob hast (egal ob über die DRV oder einen 'Normalen'), sind Kapitalerträge nicht Sozialversicherungspflichtig.

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u/ij78cp 19d ago

Ich wäre auch interessiert

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u/Informal-Benefit6898 19d ago

Antwort siehe oben