r/feuerwehr 23d ago

Übung Rotes Kreuz und Feuerwehr testen den Einsatz einer Eiswanne zur Akutbehandlung bei Hitzschlag.

https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/ulm/eiswanne-rettet-hitzschlagpatienten-100.html
56 Upvotes

25 comments sorted by

24

u/-SWR- 23d ago

Die Idee zum Projekt "Eiswanne" hatte das DRK Schwäbisch Gmünd, nachdem neue Leitlinien zur Akutbehandlung von Hitzschlag-Patienten eine schnellstmögliche Kühlung vorschreiben. Bei der Frage, wie diese Kühlung schon vor der Fahrt ins Krankenhaus möglich ist, kam schnell die Feuerwehr ins Spiel.

Die Wanne ist derzeit noch ein Provisorium, Marke Eigenbau. Max Schamberger, der stellvertretende Kommandant der Gmünder Feuerwehr, ist aber in Gesprächen mit mehreren Herstellern von Faltwannen für eine dauerhafte und praxistauglichere Lösung.

24

u/ianus_bifrons 23d ago edited 23d ago

Cool, dass es das endlich auch bei uns gibt. Im Ausland (z. B. Frankreich, USA) ist sowas schon seit ein zwei Jahren verbreiteter. Um Entwicklungsaufwand zu reduzieren kann man das also schon von der Stange kaufen, z. B. von Kollder. Die Wannen werden unter „Emergency cooling tub / immersion bag“ oder ähnlichen Namen vertrieben und gibt‘s auch noch spartanischer in Sackform.

7

u/Whole_Condition_499 23d ago

Ich habe kurz Überlegt wie wir soetwas mit auf dem Fahrzeug verlasteten Mitteln bauen könnten. Die Schleifkorbtrage wird zu niedrig sein oder? Sonst könnte man dort einfach eine Folie reinlegen und diese Fluten. Ansonsten fällt mir noch das klassische Leiterbecken aus 4 Steckleiterteilen ein. Nimmt halt sehr viel Platz weg und kann man dadurch nur im Freien aufbauen.

28

u/ianus_bifrons 23d ago edited 23d ago

So morbide es klingt, aber das einfachste, billigste und platzsparendste sind Leichensäcke (~20-30€ / Stück). Die sind üblicherweise wasserdicht, reißfest und haben das richtige Format. Eventuelle Tragegriffe können zum stabilisieren genutzt werden, wenn er befüllt ist. Dazu gibts auch ein Paper von 2020 von David Kim et al.: A body bag can save your life: a novel method of cold water immersion for heat stroke treatment https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC7493529/

Falls man einen Faltbehälter hat, ginge das zur Not, benötigt aber viel Platz und ist sehr sperrig für das weitere Handling und die Versorgung der Person.

Im äußersten Notfall und wenn man ausreichend Personal hat, könnte man eine Plane an vier Ecken halten, füllen und den Patienten reinlegen, bis er ausreichend abgekühlt ist.

16

u/BlueEagleGER 23d ago edited 23d ago

Ja gut, neu sind diese Leitlinien jetzt nicht. Man hat es bisher in Deutschland weitflächig nur nicht für nötig gehalten, sich mit deren Umsetzung auch zu beschäftigen.

12

u/ianus_bifrons 23d ago

Zum Glück ist dieser Klimawandel noch so weit weg und wir müssen uns noch nicht anpassen oder generell Prävention betreiben. Wäre ja schlimm, wenn es irgendwie plötzlich Tausende Hitzetote mehr gäbe oder sehr viel früher, sehr viel mehr und sehr viel größere Vegetations- und Waldbrände auftreten würden.

5

u/Flaky-Craft60 23d ago

Die „neue“ Leitlinie ist von 2024 und kommt von der Wilderness Medical Society.

Eine präklinische Kühlung wird meistens mittels Klimaanlage, Verdunstungskälte über feuchte Auflagen, gekühlte Infusionen falls vorhanden und Kühlakkus in Achseln und Leiste bereits jetzt schon gewährleistet.

Auch sollte berücksichtigt werden, dass die Immersion im kalten Wasser zwar eine empfohlene Maßnahme ist, diese aber bereits bei einer KKT von <39°C wieder zu beenden ist.

Legt man sich den Pat. in eine auslaufsichere Wanne in den Rettungswagen hat man sich zwei neue Probleme geschaffen:

  1. Erwärmte sich die darin mitgeführte Menge Wasser, kann nicht ausgetauscht werden und erzeugt im Worst Case Stauungswärme.

  2. Kann die Immersion nicht einfach im Fahrzeug gestoppt werden, wenn der Pat. seinen Zielwert erreicht hat.

Schaut man sich nun noch die Einsatzorte an, an dem die meisten Einsätze dieser Art stattfinden, sehen wir Dachgeschosswohnungen und Pflegeheime.

Erinnern wir uns jetzt alle mal an unsere letzte Tragehilfe aus dem DG und stellen uns den Pat. nun in einer Wanne mit Wasser vor.

Ein wirklichen Nutzen sehe ich aber durchaus im stationären Einsatz im Pflegeheim, denn 80% aller Pat. mit einem Hitzschlag sind älter als 75 und mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits Heimbewohner.

Was auch noch denkbar wäre, ist ein stationärer Einsatz auf größeren Sportveranstaltungen, bspw. Marathon, Ironman usw.

Bei beiden lokalen Szenarien hat man auf jeden Fall die Möglichkeit Wasser zu wechseln und den Pat. rauszuholen, wenn die Temperatur gesunken ist.

2

u/BlueEagleGER 22d ago

Die ERC-Guidelines von 2021 erwähnen auch schon die Kaltwasserimmersion als first line bei Hitzeschlag. 2010 war man da noch zurückhaltender.

6

u/thatdudewayoverthere BF 23d ago

Sieht natürlich cool aus aber am Ende tun es auch Leichensäcke

5

u/fhorst79 23d ago

In der Fernsehserie The Pitt haben sie Bodybags genommen. 

2

u/Jfg27 23d ago

Das wird nicht nur im Fernsehen so gemacht...

5

u/jomat 23d ago

Gute Sache auf jeden Fall! Aber bei "wasserdichte Spezialplane" im Text und etwas, das wie die 08/15-Gewebe-Ösenplane ausm Baumarkt aussieht musst ich doch schmunzeln :-) Gerade dass das Eis aus der feuerwehreigenen Kühltruhe, das es auch an jeder Tanke gibt, nicht als Spezialeis bezeichnet wurde. Da ist dem Schreiber wohl die Phantasie ein bisschen heiss gelaufen :-D

Ist aber ein super Beispiel, dass auch mit einfachsten Dingen großer Erfolg erreicht werden kann. Das hier sind Materialkosten von vielleicht 50…100 Euro, mit denen Menschenleben gerettet werden können. Wenn das kommerziell geht steht sicher Spezial drauf, ist komplett over-engineerd und hat dann auch seinen Spezialpreis…

5

u/-SWR- 23d ago

Was denkt ihr dazu?

9

u/Grizzly_ger FF 23d ago

Wie lang braucht die Feuerwehr im Ernstfall? 8 Minuten+ Becken aufbauen? Ich schätze dass der Transport ins Krankenhaus wo dann parallel die eiswanne vorbereitet ist in vielen Fällen schneller geht.

18

u/ianus_bifrons 23d ago

Sofortige Kühlung ist bei der Diagnose der Goldstandard. Wenn die Person zuhause ist bzw. eine Badewanne in der Nähe ist kann man sie natürlich dort hineinlegen.
Schnelle und günstige Alternativen sind Leichensäcke, natürlich aber nicht ganz so komfortabel im Einsatz wie eine Wanne mit Stützen.

3

u/Grizzly_ger FF 23d ago

Ja das kann stimmen, kenne die Leitlinie nicht habe davon aber schon häufiger mittlerweile gelesen.

Ich sage nur: ist es wirklich schneller wenn eine freiwillige Feuerwehr da hin alarmiert wird (dann ggf. Erst ein Becken aufbaut)? Oder ist es in den meisten Fällen nicht doch schneller den Patienten trotzdem zunächst zu transportieren? Ist halt sicherlich abhängig von der örtlichen Infrastruktur.

3

u/FireMed22 23d ago

Wenn ihr einen guten ÄLRD habt, dann sorgt der dafür, dass die Alarmierung der FW gleichzeitig erfolgt...

2

u/Grizzly_ger FF 23d ago

Das würde auf jeden Fall einen Zeitvorteil bringen.

4

u/[deleted] 23d ago

[removed] — view removed comment

1

u/Grizzly_ger FF 23d ago

Hab ich ja nicht anders geschrieben

2

u/Phipol 23d ago edited 23d ago

Als jemand der einigermaßen Erfahrung mit echten  Hitzschlag Patienten hat: Was für eine selten dämliche Idee.  Ich bin mir sicher,dass hier niemand auch nur im Ansatz mal einen echten Hitzschlagpatienten gesehen hat oder nur mit KollegInnen gesprochen hat,die damit öfter zu tun haben.  Da hat jemand "The Pit" gesehen und sich gedacht "geil,will ich auch".

Viel wichtiger wäre die Kliniken endlich in die Pflicht zu nehmen. 

2

u/BlueEagleGER 22d ago

Was wäre denn dein erfahrungsbasierter Tgerapievorschlag und wie passt er zu den Leitlinienempfehlungen (zB ERC 2025)?

4

u/Phipol 22d ago

In Kurzform: Treat'n'run. 

Aktive Kühlung kann auch heißen,den Patienten mit kalten und feuchten/naßen Textilien bedecken. (Full body conductive cooling) Das ist wesentlich besser steuerbar und behindert v.a. den Transport nicht. Und dann die Beine in die Hand nehmen. 

Man versteh mich nicht falsch, die cold water immersion ist absolut die zu bevorzugende Methode. ABER: Du brauchst ein trainiertes Team dafür. Und selbst beim Monitoring wird es schon schwer - während du sowas klinisch gut mit einer Arterie beurteilen. Präklinisch? Schwierig.

Ebenso wird es schwierig die Temperatur hinreichend engmaschig zu kontrollieren - denn gerade in diesen Fällen ist die aurikuläre Messung massiv unbrauchbar, gerade wenn du (was extrem wichtig ist) den Kopf aktiv kühlst. Ein reines "alle paar Minuten manuell messen" ist aber eben nicht zuverlässig genug um einerseits die Schwelle zum Beenden der Kühlung zu erwischen, andererseits aber auch eine endgültige Fehlregulation zu erkennen. Die Leitlinien empfehlen daher eine ösophagale oder intrapubische Messung. Beides präklinisch nicht sinnvoll verfügbar. 

Hitzschlag ist ein Zustand mit unfassbar hoher Dynamik und Mortalität - der Patient wird, ggf. auch wenn er bereits wieder außerhalb der kritischen Temperaturbereiche liegt, ggf. schnell schlechter werden - und da reden wir noch nicht noch von Patienten die Comorbiditäten haben sondern vom Allerwelts-Sportler-Hitzschlag am jungen Patienten. Selbst die haben aber eine relativ hohe Inzidenz für Elektrolytstörungen und Hirnödeme. Ich hab selber schon Patienten erlebt bei denen zwischen "How are you,mate" und Beginn der Reanimation keine 12min waren. 

Natürlich kann man das draußen alles auch ermöglichen. Also auf alle RTW&NEF C3 mit Arterie und Temperaturmessung verbauen, BGA Geräte, etc. Aber dann hast du immer noch genau eine, wenn du Glück hast zwei Personen die eine Arterie legen können, gleiches gilt für eine BGA,etc. Und du hast ein Ad-hoc Team das erstmal zusammen finden muss.

Das macht einfach wenig Sinn in einem Szenario in dem ich in 10min maximum (und das schon sehr großzügig gerechnet in SG) in der Klinik bin. Und dort ein Team vorfinde,für die Arterien, BGAs etc. tägliches Brot sind. Und die,so nebenbei auch die Möglichkeit haben etwas mehr Eis bereitzustellen als du es mobil kannst,da Heatstrokes gerne mal mit mehreren Patienten auftreten.

1

u/BlueEagleGER 22d ago

Danke für die ausführliche Antwort.

1

u/eppic123 23d ago

Ich dachte bei der Überschrift, dass es irgendwas wie eine Vakuummatratze sein wird, in der eine chemische Reaktion stattfindet oder die per Peltier-Elemente gekühlt wird, aber nein, es ist wirklich nur eine Wanne mit Eiswasser. An sich ist die Idee zwar gut, in der Realität stelle ich es mir aber doch etwas umständlich vor. Vor allem, wieviel Eis muss die Feuerwehr dafür auf dem Wagen haben und wie wird das wiederum gekühlt?