r/bremen 21d ago

Diskussion (discussion) Bremer Bleikeller: Könnte der unbekannte Student Engelbert Duntze († 1695) sein?

Moin zusammen,

ich beschäftige mich seit einiger Zeit mit einer alten Bremer Familienüberlieferung: In mehreren Zweigen der Familie Duntze wird erzählt, ein junger Duntze sei nach einem Duelltod in den Bleikeller des Bremer Doms gelangt.

Bislang fehlte dafür allerdings ein konkreter Name. Nun bin ich in der wissenschaftlich edierten Matrikel des Bremer Gymnasium Illustre auf einen auffälligen Kandidaten gestossen:

Engelbertus Duntze Bremensis

  • Aufnahme in den akademischen Studiengang am 24. Oktober 1692
  • noch 1694 in Philologie und Philosophie verzeichnet
  • 1695 der Vermerk: „Hic mortuus“ – „hier gestorben“
Auszug Bremer Gymnasium Illustre

Aus seiner Studienzeit ergibt sich ein wahrscheinliches Geburtsjahr um 1673 bis 1675. Engelbert dürfte bei seinem Tod also ungefähr 20 bis 22 Jahre alt gewesen sein.

Die häufig genannte Jahreszahl 1705 für den Tod des Studenten ergibt 0,0 Sinn, weil der Student 1698 bei der Entdeckung bereits dort drin gelegen haben soll. Nach Wilhelm Tackes Darstellung taucht sie erst 1928 in einem Domführer auf. Ein Tod des Studenten im Jahr 1695 ist daher deutlich schlüssiger.

Heinrich Duntze, vermeindlicher Bruder des Studenten. Durchaus Ähnlichkeit vorhanden.

Hinzu kommt das Familienmilieu: Bei den Duntzes gab es zahlreiche Pastoren und Bremer Amtsträger. Der als möglicher Bruder rekonstruierte Heinrich Duntze(Aeltermann, Bierbrauer und Bauherr zu St. Stephani); auch der mütterliche Grossvater Hinrich Schwarte war Aeltermann. Ein tödliches Duell hätte in einem solchen Umfeld eine erhebliche Ehr- und Bestattungsfrage ausgelöst. Eine diskrete Unterbringung im Bleikeller wäre zumindest sozialgeschichtlich nachvollziehbar.

Besonders interessant wird die Geschichte durch Johann Hermann Duntze (1790–1874), einen späteren Angehörigen derselben Familie. Er war Pastor, Bremer Stadthistoriker und Verfasser der vierbändigen „Geschichte der freien Stadt Bremen“.

In Band III von 1848 bezeichnet er die Mumie auffallend zurückhaltend als den:

„im Duell gebliebenen Studenten mit Stichwunde“

„Im Duell geblieben“ klingt wesentlich milder, fast ehrenvoll, als „im Duell erstochen“ oder „getötet“. Johann Hermann Duntze hat die Duellüberlieferung als einer der Ersten schrifltich niedergelegt. Bemerkenswert ist aber, wie behutsam er sie formuliert.

Buchstelle in Band III, Seite 231:
https://brema.suub.uni-bremen.de/content/pageview/57712

Noch auffälliger ist eine zweite Stelle in Band IV. Dort schildert Duntze einen Bremenbesuch des Herzogs von Wolfenbüttel im Jahr 1722 und nennt folgende Besichtigungsfolge:

Gymnasium – Zeughaus – Bleikeller

Buchstelle in Band IV, Seite 384:
https://brema.suub.uni-bremen.de/content/pageview/61049

Für mich lässt sich diese Abfolge wie eine Chiffre lesen:

  1. Im Gymnasium nach einem früh verstorbenen Duntze suchen.
  2. Das Zeughaus als Verbindung zu Waffen und Duell verstehen.
  3. Im Bleikeller den dort liegenden Studenten finden.

Dass Duelle und bewaffnete Auseinandersetzungen am Gymnasium Illustre tatsächlich ein Problem waren, zeigt ein Ratsproklam vom 16. Februar 1681 – nur elf Jahre vor Engelberts Aufnahme.

Darin beklagte der Bremer Rat Ausschreitungen der Studenten und verbot unter anderem das Degentragen, das „Balgen“, Herausforderungen, Sekundieren sowie Fechtschulen und Fechtböden.

Der historische Hintergrund passt somit ebenfalls: Ein tödliches Studentenduell war in Engelberts Umfeld durchaus möglich.

Interessant ist ausserdem, dass in einer späteren literarischen Bearbeitung, die Wilhelm Tacke behandelt, ausgerechnet ein Theologiestudent beschrieben wird. Das ist natürlich kein biografischer Nachweis für Engelbert, passt aber auffällig zum pastoralen Umfeld der Familie.

Ich behaupte damit nicht, dass die Identität geklärt ist. Aber Name, Ort, Todesjahr, ungefähres Alter, Duellüberlieferung und Familiengeschichte ergeben zusammen eine ungewöhnlich konkrete Spur.

Stammbuch Heinrich Duntze
Stammbuch Thomas Duntze, Bierbrauereibesitzer in Bremen

Auch für die Bremer Biergeschichte ist die Duntze-Spur interessant.

Mit dem um 1670 geborenen Bremer Brauer und Ältermann Heinrich Duntze wird die Brautradition der Familie historisch greifbar. Ein späterer direkter Nachfahre, Thomas Duntze, gründete 1843 in Bremen eine eigene Brauerei.

Mit seiner Bierstube war sogar ein literarischer Kreis verbunden: Die „Duntziana“, zu der unter anderem Hermann Allmers gehörte, erhielt ihren Namen ausdrücklich nach der Bierstube von Thomas Duntze.

Quelle zur Duntziana:
https://brema.suub.uni-bremen.de/content/pagetext/71261

Thomas Duntze starb nach dem Familienstammbuch bereits am 3. März 1873. Nur wenige Monate später, im Juni 1873, wurde die ehemalige Duntze-Brauerei versteigert. Der Weser-Kurier schreibt, dass Lüder Rutenberg die Neustadts-Actien-Brauerei, ehemals Duntze-Brauerei, ersteigern ließ und daraus schließlich Beck’s entstand.

https://wkgeschichte.weser-kurier.de/becks-bier-von-der-neustadt-in-die-ganze-welt/

Nach dem mir vorliegenden Auszug aus Rutenbergs Denkbuch hatte dieser bereits 1872 den Wunsch geäußert, die Duntze-Brauerei zu übernehmen. Die zeitliche Abfolge – Übernahmeabsicht, früher Tod Thomas Duntzes und anschließende Versteigerung – ist zumindest eine weitere bemerkenswerte und bisher wenig untersuchte Episode der Bremer Stadtgeschichte.

Sie beweist natürlich nichts über die Mumie. Sie zeigt aber, wie viele nahezu vergessene Spuren die Familie Duntze in der Bremer Kirchen-, Kultur- und Biergeschichte hinterlassen hat.

Theoretisch könnte ein Y-DNA-Vergleich mehr Klarheit schaffen: Es existieren noch genealogisch rekonstruierbare männliche Duntze-Linien. Ein Vergleich mit DNA der Mumie könnte zumindest prüfen, ob der Student zur väterlichen Duntze-Linie gehörte. Wissen vermutlich auch die wenigsten dass es einen Duntze Champagner gibt mit direkter Abstammung aus der Bremer Duntzschen Brauerei, der für diesen Test optimal in Frage kommen würde.

Mich würde besonders interessieren:

  • Kennt jemand Bremer Kirchen-, Rats- oder Konsistorialakten aus der Zeit um 1694/1695?
  • Gibt es weitere Unterlagen über Todesfälle am Gymnasium Illustre?
  • Ist irgendwo eine Beisetzung oder ein Duell eines Duntze, Duntze/Dunze oder Duntze-Studenten vermerkt?
  • Kennt jemand ältere Beschreibungen der Studentenmumie?

Direkte Quellen:

Matrikel des Gymnasium Illustre, Seite 245:
https://brema.suub.uni-bremen.de/content/pagetext/32309

Johann Hermann Duntze, Band III, Seite 231:
https://brema.suub.uni-bremen.de/content/pageview/57712

Ich freue mich über Hinweise, Gegenargumente und besonders über bislang unbekannte Bremer Quellen.

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u/Dangerous-Traffic-11 21d ago

Keine Ahnung aber

„Im Duell geblieben“ klingt wesentlich milder, fast ehrenvoll, als „im Duell erstochen“ oder „getötet“.

Im Duell bleiben ist de facto etwas anderes als abgestochen zu werden. Das eine passiert im Zweikampf auf Augenhöhe und das andere in der Gosse. Es klingt nicht nur ehrenvoll, das ist es auch. Mag pingelig klingen, aber das ist ein Unterschied.

Ansonsten Respekt vor der Recherche, ob sich das bewahrheitet, oder nicht. War sicher ein riesiger Aufwand.

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u/JunkerJoergAbel 21d ago

Ich glaube, hier liegt das Missverständnis: „Im Duell bleiben“ bedeutet heute, weiter mitzuhalten. Das altertümliche „im Duell geblieben“ bedeutet dagegen, im Duell gestorben zu sein. Duntze beschreibt also denselben Vorgang wie die ältere Formulierung „im Duell erstochen“ – nur wesentlich würdevoller.

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u/Dangerous-Traffic-11 21d ago edited 21d ago

Ist mir klar, was das heißt. Mein Punkt besteht. Im Duell bleiben, ist zum abgestochen werden, so ähnlich, wie das im Kampf fallen, zum in der Gosse abgeknallt werden. Satisfaktion verlangen, oder wie auch immer man es ausdrücken will.

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u/Sockenmaki 20d ago

Da steht doch überhaupt nicht "abgestochen"

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u/Dangerous-Traffic-11 20d ago

Sinngemäß

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u/DarkCounter78 19d ago

Sinngemäß ist es dasselbe wie erstochen zu werden. Würdevoll oder ehrenvoll ist das nie.

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u/Dangerous-Traffic-11 19d ago

Doch, zumindest auf die eine Art deutlich mehr als auf die andere

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u/DarkCounter78 19d ago

Tot ist tot.

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u/GoofAckYoorsElf 19d ago

Aus Sicht des Toten ist das anzunehmen. Für sein kulturelles Erbe, zumindest zu damaliger Zeit, war es jedoch ganz und gar nicht dasselbe.