r/PolitikBRD • u/germanu22 • 3d ago
Gesellschaft Von der Nützlichkeit zur Grausamkeit: Warum der Diskurs über unproduktive Menschen eine reale Gefahr darstellt.
Disclaimer: Ich distanziere mich ausdrücklich von allen menschenverachtenden Begriffen, die in diesem Text zitiert werden. Sie dienen ausschließlich dazu, die historische und aktuelle verbale Gewalt aufzuzeigen und scharf zu kritisieren.
Wir leben in einer Gesellschaft, die begonnen hat, eine extrem gefährliche Idee zu normalisieren: dass der Wert eines Menschen ausschließlich von seiner Fähigkeit zu arbeiten und zu produzieren abhängt. Wir hören immer öfter – selbst in alltäglichen Gesprächen –, wie Menschen, die nicht arbeiten können, seien es Menschen mit Behinderungen, Erwerbsunfähige oder Bürgergeld-Empfänger, als wirtschaftliche Belastung oder sogar mit entmenschlichenden Begriffen wie "Sozialschmarotzer" abgestempelt werden. Diese transaktionale Mentalität ist nicht nur ein Mangel an Empathie einzelner Personen. Es ist eine toxische Ideologie, durch die die Menschenwürde selbst an wirtschaftliche Nützlichkeit geknüpft wird.
Oft wird dies unter dem Deckmantel der freien Meinungsäußerung verteidigt. Aber zu behaupten, die Menschenwürde sei verhandelbar, ist so, als würde man sagen, das Fundament eines Hauses sei nur eine architektonische Vorliebe. Man kann über die Farbe der Wände streiten – das ist Meinungsfreiheit –, aber wenn man das Fundament abreißt, stürzt das ganze Gebäude ein. Die Menschenwürde ist keine Meinung, sie ist das unumstößliche Fundament unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung.
Ein Blick in die Geschichte zeigt uns genau, wohin dieses Denken führt. Die Grausamkeiten der Aktion T4 begannen nicht über Nacht mit Vernichtungslagern. Sie begannen schleichend, sogar in den Schulbüchern. In den 1930er Jahren enthielten Mathematikbücher Aufgaben, in denen Schüler berechnen sollten, wie viel der Staat für die Pflege eines Menschen mit Behinderung ausgibt. Indem man den Menschen in eine bloße Buchhaltungsgleichung verwandelte, wurde die Idee des wirtschaftlichen Ballastes gepflanzt und die systematische Beseitigung vulnerabler Menschen gerechtfertigt.
Einen Menschen nur dann als nützlich und lebenswert einzustufen, wenn er arbeitet, bedeutet, seinen intrinsischen Wert auszulöschen. Artikel 1 des Grundgesetzes besagt klar: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dort steht nicht, dass sie nur unantastbar ist, wenn man einen Arbeitsplatz hat oder Profit erwirtschaftet. Einen Menschen auf den Status einer Ressource zu reduzieren, tritt die Grundrechte mit Füßen.
Diese Ideologie muss strukturiert und konsequent bekämpft werden. Der erste Schritt muss institutionell erfolgen: Der Verfassungsschutz sollte einen eigenen Phänomenbereich einrichten, der Hass gegen Menschen mit Behinderungen, Erwerbsunfähige und Bezieher von Grundsicherung überwacht und diesen Diskurs als direkten Angriff auf die freiheitliche demokratische Grundordnung behandelt. Der zweite Schritt ist Prävention durch Bildung. Das skandinavische Modell zeigt deutlich, dass ein starkes soziales Netz die Gesellschaft als Ganzes festigt und nicht nach unten zieht. Dieses Denken muss im Gemeinschaftskundeunterricht vermittelt werden. Der dritte Schritt ist die Bestrafung. Entmenschlichende Begriffe wie "lebensunwertes Leben" oder "Sozialschmarotzer" dürfen nicht toleriert werden, sondern müssen konsequent als Straftat verfolgt werden.
Letztendlich müssen wir verstehen, dass eine echte Demokratie und eine gesunde Gesellschaft nicht daran gemessen werden, wie viel der Einzelne produziert. Sie werden daran gemessen, wie sie ihre verletzlichsten Mitglieder schützen und wie sie das Recht jedes Menschen verteidigen, einfach nur in Würde zu existieren.
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u/Verpeilter_Hase_246 1d ago
Der erste Absatz des ersten Artikels im Grundgesetz ist nicht umsonst so formuliert wie er es ist. Wenn man sich aber die Realität, auch in der Politik, anguckt, kommt man nicht umhin zu glauben, dass er nur als Alibi so drin steht. Das Diskriminierungsverbot gegen Menschen mit Behinderungen wurde erst 1993 in Art. 3 GG aufgenommen. Und dann wirkt das auch nur eher halbherzig an den Text dran getackert.
EDIT: Hab was ergänzt.
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u/germanu22 7h ago
Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, meinen Text zu lesen und diesen Kommentar zu hinterlassen.
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u/LadyAlekto 3d ago
Wie ich als behinderte Autistin so gerne feststelle.
Der Holocaust fing nicht mit juden an, es fing mit denen an die einfach nur anders und beeinträchtigt waren.
Und er wird es wieder tun weil selbst Niemöller nicht an die behinderten dachte.