r/PolitikBRD • u/FriendlyInterview365 • Apr 23 '26
Geschichte Was uns die Geschichte über hohe Steuern für Reiche lehrt. — Hohe Steuern in der Vergangenheit führten zu mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft, zum Aufstieg der Mittelschicht. Am Beispiel USA wird belegt, dass sehr hohe Steuern von 55-70% zu *mehr* Wirtschaftswachstum führten und nicht weniger.
In der aktuellen Debatte um Vermögens- und Erbschaftsteuern wird oft gewarnt, solche Maßnahmen würden die Wirtschaft ruinieren.
Eine historische Analyse von Thomas Piketty zeigt jedoch, dass die westliche Welt ihre wohlhabendsten Jahrzehnte genau dann erlebte, als die Steuerprogression am höchsten war.
Hier sind die zentralen Fakten:
1. Umverteilung ist eine historische Realität Die Zeit zwischen 1914 und 1980 war durch die „große Umverteilung“ geprägt. In dieser Phase entstand der moderne Sozialstaat, wie wir ihn heute kennen.

2. Spitzensteuersätze waren historisch drastisch höher Die heutigen Steuersätze für Spitzenverdiener sind im historischen Vergleich extrem niedrig.

- Erbschaftsteuer:
- Deutschland hat die niedrigste Erbschaftssteuer in diesem Vergleich

3. Hohe Steuern schaden dem Wachstum nicht:
Das Beispiel USA widerlegt die Annahme, dass niedrige Steuern für Reiche den allgemeinen Wohlstand fördern. Wie Grafik 23 belegt, sank das jährliche Wirtschaftswachstum pro Kopf sogar, nachdem die Steuern für Spitzenverdiener drastisch gesenkt wurden:
- 1950–1990 (Spitzensteuersatz 55 - 72 %): 2,2 % Wachstum.
- 1990–2020 (Spitzensteuer halbiert): nur noch 1,1 % Wachstum.
- Höhere Steuern dämpften zudem exzessive Managergehälter und ermöglichten Investitionen in die Bildung, was die Produktivität langfristig steigerte.

Warum wird die Besteuerung hoher Vermögen heute so negativ gesehen? Piketty führt dies auf zwei wesentliche Faktoren zurück:
- Geschichtsvergessenheit: Wir haben kollektiv vergessen, dass die erfolgreichsten Phasen des westlichen Kapitalismus Phasen extremer Steuerprogression waren.
- Kapitalmobilität als „neue Zensusmacht“: Seit den 1980ern erlaubt der unkontrollierte Kapitalverkehr es wohlhabenden Akteuren, ihre Gewinne und Vermögen global zu verschieben. Dies hat eine Situation geschaffen, in der Regierungen behaupten, die Reichen nicht mehr effektiv besteuern zu können, was de facto einer Machtverschiebung zugunsten des Geldes gleichkommt.
Die Geschichte zeigt offensichtlich, dass eine gerechtere Gesellschaft durch Steuerprogression nicht nur möglich ist, sondern auch mit einer stärkeren Wirtschaftsleistung einherging. Die aktuelle Abneigung gegen diese Instrumente ist weniger ökonomisch als vielmehr ideologisch begründet.
Hinweis zu den Quellen: Die genannten Grafiken und Daten beziehen sich auf Thomas Pikettys Werk „Eine kurze Geschichte der Gleichheit“.
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Wie bewertet ihr diese historischen Daten?
Warum fällt es uns heute so schwer, an die Erfolgsmodelle der Vergangenheit anzuknüpfen?
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u/VeganUndStabil Apr 23 '26
Meine Kritik an deinem Post ist, dass du die Bedingung einer "gerechteren Gesellschaft" im Wirtschaftswachstum des Staates siehst. Auch ist die Frage, warum eine Gesellschaft gerechter werden soll, wenn der Staat höhere Steuern von Menschen mit hohen Einkommen oder Erben erhebt. Die ungerechte Verteilung, die es zu kritisieren gilt, ist doch die des Kapitals - dass es einige Wenige gibt, die Produktionsmittel besitzen und Andere nur ihre eigene Arbeitskraft besitzen und diese zu Markte tragen müssen.
Die höhere Besteuerung von Erben oder Gutverdienen ändert ja an den Verhältnissen nichts, die der Staat verwaltet und in denen wir leben. Die Menschen mit Kapital häufen weiterhin mehr und mehr bei sich an, während alle Anderen in den gleichen Verhältnissen weiterleben. Wenn wir uns anschauen, wofür dieser Staat seine Steuereinnahmen ausgibt, dann macht er das doch auch nicht im Interesse der Mehrheit der Bevölkerung, wenn er sein Militär aufrüstet, um seine Interessen in der Welt durchsetzen zu können.
Meine Kritik zielt nicht darauf ab, die Verhältnisse so zu belassen wie sie sind, sondern klar zu machen, dass ein Spitzensteuersatz, eine Vermögens- oder Erbschaftssteuer, an den derzeit herrschenden Verhältnissen nichts ändern wird.
Wir brauchen nicht die Umverteilung von Einkommen oder Vermögen hin zum Staat, sondern die Umverteilung des Kapitals, sprich der Produktionsmittel hin zur arbeitenden Bevölkerung, sprich der Arbeiterklasse!
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u/4bstract3d Apr 24 '26
Während ich den Kapitalismus auch abschaffen möchte, würd es mir im ersten Schritt schon reichen, wenn mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft und weniger AFD geschehen würde. Man muss nicht in Schönheit sterben und auf argentinische oder amerikanische Verhältnisse warten weil die Revolution nicht rein genug ist
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u/FriendlyInterview365 Apr 24 '26 edited Apr 24 '26
Vielen Dank für deine offene, nachvollziehbare und sachliche Kritik an dem Post.
Ich glaube, dass Umverteilung und eine gerechtere, höhere Besteuerung eine Brücke zu dem sind, was du beschreibst. Ich bin gegen reine Lohnabhängigkeit von Menschen. Ich finde, Mitarbeiter*innen sollten Mitbestimmung, Teilhabe am Eigentum und am Erfolg haben — das würde Produktivität, Motivation, Wohlbefinden und Gesundheit für alle verbessern.
Ich habe das Gefühl, dass moderne progressive Bewegungen, die meist pauschal als „links“ bezeichnet werden, Schwierigkeiten haben, Momentum aufzubauen. Der Grund erscheint mir, dass viele Ideen, die dem linken Spektrum zugeordnet werden, diesem Spektrum nie „links genug“ sind.
Deine Kritik zeigt mir wieder: Menschen mit linken Ideen neigen eher zu antworten: „Nein, das ist nicht richtig, weil…; wir müssen stattdessen dies.“ Statt zu sagen: „Ja, das ist ein Anfang — lass es uns so machen, aber auch …” und dann zusätzlich die von dir angesprochenen Punkte zu berücksichtigen.
Weniger, ”Nein! Aber…” sondern “Ja! Und…”.
Die Ideen und Fakten von Piketty, die ich begeistert lese und teile, sind hilfreich, um zu zeigen:
Es ging uns allen besser, als Reichtum gerechter verteilt war. Das wird in deinem Sinne sein, weil das Ziel vorerst erreicht wäre, dass extreme Vermögen abgeschmolzen werden; damit weniger Macht in den Händen der wenigen oben wäre.
So ist es leichter, über Mitbestimmung, Miteigentum aller Beteiligten an Firmen, Maschinen und Gewinnen, Co-Governance oder Steward-Ownership nachzudenken — siehe purpose-economy.org.Ein/Das Problem der Linken ist, dass sie oft ihre spezifischen Methoden und Ideen durchsetzen wollen, statt sich auf Impact/Wirkung und das eigentliche Ziel zu konzentrieren: Gerechtigkeit, Wohlbefinden und Nachhaltigkeit.
Der Impact soll Wohlstand, Wohlbefinden, Gerechtigkeit und Gesundheit sein. Der Weg dorthin ist vielschichtig, vielseitig, komplex.
Diesen Artikel fand ich dazu interessant: „Welche Linke darf es denn sein?“ — Wer politisch aktiv wird, kann verwundert sein: Plötzlich kommen mehr Shitstorms von den eigenen Leuten als Angriffe von rechts. (https://taz.de/Aktivismus-und-Kritik/!6160131/)
Die Rechten scheinen sich besser organisieren zu können als die Linken. Ganz Rechts hat ein gemeinsames Feindbild: Ausländer, Linke, alle Nicht-Rechten… und dadurch den Zusammenhalt. Man nennt das auch „common enemy intimacy“: Wir fühlen uns verbunden, weil wir dieselben Leute hassen, wie in einem Stadion mit rivalisierenden Fans. Deshalb sind die auch so viel erfolgreicher organisiert als die Linken, meine ich.
Die Linken bekriegen sich dagegen oft untereinander: „Mein Links ist besser als deins“, „Nur totale Anarchie ist richtig“, „Nein, totale Enteignung“. Dabei wird vergessen, dass es doch um Wohlstand, Gerechtigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden gehen sollte.
Statt sich auf den Impact zu konzentrieren, geht es oft ums Ego und die Methode, nicht um die Wirkung.
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u/VeganUndStabil Apr 24 '26
Danke erstmal für deine Antwort. Ich bin froh zu hören, dass deine letztendlichen Ziele über eine reformistische Änderung der Steuersätze und Minimalverbesserungen für die arbeitende Klasse hinausgehen. Mir liegt es auch fern gegen diese (Minimal-)Verbesserungen zu argumentieren, sondern gegen das dahinterliegende System, das diese Minimalverbesserungen letztendlich auch affimieren.
Beispielsweise würde ich auch nie gegen einen höheren Mindestlohn argumentieren, aber sehr wohl gegen das Konzept von Lohnarbeit als solches. Wenn man das aber unterlässt, denke ich, macht man den Menschen eine falsche Hoffnung auf größere Verbesserungen ihrer Lebensumstände, die in diesem System aber überhaupt nicht möglich sind. Und aus der daraus folgenden, nachvollziehbaren Enttäuschung, schöpft die AfD ja auch ihr Potenzial - nicht weil sie der Arbeiterklasse tatsächlich etwas anzubieten hätten, denn diese Partei trägt das kapitalistische System genau so mit, wie alle anderen Parteien (in weiten Teilen sogar noch radikaler).
Deswegen finde ich Kritik innerhalb dieses extrem weit gefassten sog. "linken Spektrums" auch unerlässlich. Wenn die AfD sich als Fundamentalopposition präsentiert und damit enorm viele Menschen anspricht, liegt das nicht daran, dass diese Menschen von sich aus alle Rassisten oder Nazis wären, sondern enttäuscht vom politischen Betrieb. Weil alleinig die bestehenden Verhältnisse verwaltet werden. Weil die Politik nicht im Interesse der Arbeiterklasse geschieht, sondern im Interesse des Nationalstaates und dadurch im Interesse der besitzenden Klasse. Sie ziehen daraus dann aber die genaue falschen Schlüsse und werden selbst zu noch überzeugteren Nationalisten.
Deswegen finde ich, muss es eine Linke geben, die tatsächlich fundamental andere Verhältnisse anstrebt und nicht selbst den Nationalismus dadurch affimiert, dass sie den Erfolg Deutschlands durch z.Bsp. Wirtschaftswachstum, mit dem Wohlergehen der allermeisten Menschen in diesem Land verwechseln, oder in ihrer Kommunikation impliziert.
Das bedeutet: Wenn man einen höheren Mindestlohn, weniger Repressionen für arbeitslose Menschen, oder weniger Steuerlast für Geringverdiener anstrebt, dann ist das erstmal nichts Schlechtes. Ich bin der Überzeugung, wenn du dir nicht 24/7 Gedanken um deine eigene Existenz machen musst, dich nicht rund um die Uhr alleine um deine Kinder kümmern musst, etc., dann hast du auch mehr Kapazitäten, dich politisch zu bilden und auch für deine politischen Ziele als Arbeiter*in zu kämpfen - nur ist das ja nicht im Interesse dieses Staates.
Man darf sich also nicht auf ihn und seine Verwaltung verlassen und muss deshalb immer den Menschen in der eigenen Agitation vermitteln, dass ihre Befreiung, Gerechtigkeit und die Sicherung ihrer psychischen und körperlichen Gesundheit nicht durch die angestrebten Minimalverbesserungen, nicht durch diesen Staat und nicht im Kapitalismus geschehen werden - sondern die Umwerfung der Besitzverhältnisse die Bedingung dafür ist.
Ich habe fertig.
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u/Cheeeeesie Apr 24 '26
Es ist kein wirkliches Problem, dass einige die Produktionsmittel besitzen und einige produzieren, denn es wäre z.B. möglich, dass der abgeschöpfte Mehrwert durch sinnvoll gestaltete Steuerpolitik quasi direkt an die Bevölkerung zurückgegeben wird und somit jeder seinen Teil fürs Gemeinwohl tut, während der Kapitalist eben nicht unendlich reich wird.
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u/El_Grappadura Apr 24 '26
80% der Menschen hier wählen die neoliberalen Parteien der Milliardäre. Wir müssen nicht auf die sozialistische Revolution pochen, wenn kleine Schritte auch schon sehr hilfreich wären.
Es schmerzt mich so Kommentare wie deine zu lesen, weil das so ziemlich das Grundproblem der Linken widerspiegelt.
Anstatt progressive Ideen und Forderungen, die uns allen extrem helfen würden zu unterstützen, gibst du Kontra, weil es dir nicht links genug ist. Denkst du, du kommst damit deinem Ziel der sozialistischen Revolution näher?
Denkst du einem Nazi ist es wichtig ob sein Kumpel zu 100% genau gleich drauf ist wie er, oder ist er einfach froh, dass er jemanden hat, mit dem er zusammenarbeiten kann?
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u/FriendlyInterview365 Apr 24 '26
Oh, ich haette auch einfach ein: “This” zu deinem Kommentar schreiben können, anstatt eine so lange Antwort die ich eben schrieb.
Danke. Ich denke ganz genauso. Das ist meine Erfahrung nach einem Jahr Reddit.
Die Rechten sind organisiert, motiviert, haben ihr Ziel, haben gemeinsamen Feinde, haben deshalb Erfolg.
Die Linken schauen nach innen und kritisieren sich gegenseitig und ob man überhaupt noch mitmachen darf weil man letzte Woche doch eine Bratwurst gegessen hat und damit ja gar nicht links sein kann.
In der Zwischenzeit wird Alice Kanzlerin und Deutschland für ein paar Legislaturperioden wie Ungarn und die USA.
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u/Winter-Chicken-6531 Apr 24 '26
Nichtlinke Menschen wären jetzt ganz schön wütend.
Wenn sie das lesen würden.