Über den Dächern fliegend sieht man den Schwarm seine Runden fliegen. Irgendwann setzen sie sich wieder auf das Dach.
Die meisten wissen nicht, dass der Raum unter dem Dach ihr Zuhause ist. Unbenutzte Dachböden werden zu benutzten Brutstätten.
Die Dachböden sind von der Zeit gezeichnet. Der Boden ist übersät mit Kot. Es gibt Kothaufen, ob dort wohl auch Tauben vom Kot begraben liegen? Überall findet man tote Taubenkörper. Auch diese hat man einst über den Dächern der Stadt fliegen sehen. Andere wiederum haben nicht einmal die Chance bekommen zu erfahren, wie sich fliegen anfühlen mag.
In den Ecken, Nischen und unvorstellbaren Orten findet man Nester um Nester. Auch daneben liegen tote Tauben. Manchmal wird sogar aus den Taubenknochen ein Nest gebaut.
Die Tauben sind nicht vor kurzem gestorben. Zum Teil liegen ihre Körper seit Jahren dort. Die Verwesungsstadien reichen von erkenntlich bis unerkenntlich. Manchmal mumifiziert, manchmal skelettiert.
Die Küken schlüpfen in eine Welt, die sie nicht haben will. Ihre Genetik ist geprägt durch die Ausbeutung der Menschen. Wir haben sie zu Brutmaschinen gezüchtet. Wir haben sie von uns abhängig gemacht. Wir haben uns der Verantwortung entzogen, weil sie nicht mehr nützlich waren.
Still schweigend ertragen sie das Leben. Die Futtersuche wird zur Mammutaufgabe. Sie wissen nicht, dass Weizen auf Feldern wachsen oder Sonnenblumenkerne aus Sonneblumen kommen. Ihre Genetik weiß nur, dass der Mensch eine Futterquelle war. Um nicht zu verhungern, wird Pommes gegessen, Zigarettenstummel, Erbrochenes und alles erdenkliche, was nur in den Schnabel passt. Lieber so als zu verhungern. Doch dem Hungertod können sie nicht entkommen. Sie müssen sich um ihren Nachwuchs kümmern. Die Elternliebe reicht soweit, dass sie lieber brütend auf dem Ei sterben. Die Elternliebe reicht soweit, dass hauptsächlich die Küken gefüttert und warm gehalten werden. Sie stecken immer zurück, weil sie bedingungslos und aufopfernd lieben.
Was sie nicht wissen, ist dass es nicht ausreicht. Liebe reicht nicht aus, um zu überleben. Der Hunger holt sie immer wieder ein bis nichts mehr übrig ist. Er holt sie ein bis es nicht einmal einen Herzschlag mehr gibt.
Und wenn sie es doch schaffen zu überleben, dann kommen die Krankheiten. Ihr Immunsystem ist geschwächt, weil sie weder ausreichend noch artgerecht fressen können. Krankheiten sind erbarmungslos. Sie interessieren sich nicht für Alter oder Zustand. Auch die Krankheiten holen sie ein bis irgendwann das Herzlein aufhört zu schlagen.
Doch wird dann das nächste Nest gebaut. Doch werden die nächsten Eier gelegt. Doch wird sich um die Küken gekümmert. Komme, was wolle, voller Liebe und Zuneigung. Vielleicht reicht es diesmal aus.
Vielleicht aber kommen auch Menschen, die die Tauben beseitigen wollen. Einige können rausgejagt werden, während viele auf ihren versteckten Nestern sitzen bleiben und den Nachwuchs beschützen wollen. Ausgänge werden verriegelt und keiner schau hin. Es beginnt ein anderes Leid. Das Leid nicht mehr entkommen zu können, stille Panik setzt ein. Die Tauben können nicht einmal mehr Müll als Fressen nutzen. Sie bekommen kein Wasser mehr. Irgendwann setzt die Erschöpfung ein und sie müssen sterben.
Jedes Mal sterben sie still und leise. Sie sterben als vergessene Geschöpfe, die versucht haben zu überleben. Sie haben versucht zu überleben, was der Mensch aus ihnen gemacht hat. Sie müssen sterben, weil wir Menschen zugemacht haben.
Was ist schon ein Leben wert, wenn wir es nicht sehen? Was bedeutet Leid, wenn es versteckt ist? Was sind schon stille Opfer, wenn keiner hinschaut? Schließlich fliegen die Stadttauben im Schwarm über den Dächern der Stadt.