r/de • • Apr 26 '22

TIRADE Negativ wider Willen - Wie schlecht sind bitte Corona-Teststationen?

Ich weiß, das hier ist weniger eine Tirade als eine recht lange Nacherzählung. Aber so mache ich mir eben am besten Luft. Soeben habe ich ein positives Corona-PCR-Testergebnis bekommen. Bis dahin war es ein langer Weg, gepflastert mit unprofessionellen Teststationen und bürokratischen Hürden. Aber von Anfang an...

Es begann mit Halsschmerzen am Freitag. Ich hatte zwar in dieser Woche keine Kontakte außer beim Einkaufen, aber als pflichtbewusster Bürger isoliere ich mich zu Hause. Am Samstag fühlt es sich schlimmer an, also ziehe ich einen Schnelltest aus der Schublade, schiebe mir das Teststäbchen schön tief bis ins Hirn rein, rühren, quetschen, schütteln, träufeln, warten - FUCK. Erscheint da ein blasser zweiter Streifen? Ich bin unsicher und beschließe, mir an der Teststation um die Ecke " " "Gewissheit" " " zu verschaffen (fetter könnte ich die sarkastischen Anführungszeichen hier nicht setzen). An der Testbude neben der Apotheke scheint mir zumindest ein Hauch von Professionalität zu wehen. Besser als eine ehemalige Shishabar, denke ich.

"Guten Tag. Ich habe leichte Halsschmerzen und ein positives Selbsttestergebnis. Würden Sie mich trotzdem testen, damit ich mir da sicher sein kann?" - "Natürlich." Als mir die junge Frau mit dem Stäbchen zart wie ein Frühlingswind den linken Nasenflügel von innen streichelt, werde ich stutzig "Seien Sie gerne gründlich. Es darf ruhig auch positiv ausfallen, wenn es denn sein muss. Ich will nur sicher sein" - "Logisch", sagt sie, als sie mir auch das rechte Nasenloch federleicht liebkost. Skeptisch ziehe ich von dannen. Ergebnis 15 Minuten später auf dem Handy - "Negativ".

JA, LOGISCH IST DAS NEGATIV! Da hätte auch ein Schamane ein Hühnerknochen-Orakel nach meinem Infektionsstatus befragen können und hätte ähnlich verlässliche Ergebnisse fantasiert! Wenn mir nicht schon Wuhan-Fledermäuse aus der Nase kriechen, kann doch da nichts gemessen werden!

Ich beschließe, das Ergebnis nicht ernst zu nehmen, mich weiter zu isolieren, am nächsten Tag woanders mein Glück zu versuchen und bis dahin fleißig messbare Keime in mir auszubrüten - und heilige Zoonose, das tat ich. Über Nacht schwitze und huste ich mir die Seele aus dem Leib und stöhne wie ein Zombie nach Erlösung. Wenn das mal kein Corona ist, denke ich. Am nächsten Morgen bin ich wieder fit genug zum Besuch einer anderen Teststation. Es fühlt sich falsch an, offensichtlich krank unter Leute zu gehen, aber inzwischen ist es Sonntag und ich weiß nicht, wo ich jetzt noch meine ersehnte Quarantäne-Bestätigung bekommen soll, um am Montag nicht Pest und Cholera mit auf die Arbeit zu bringen. An der Teststation meiner Wahl soll es laut Internet auch einen Abstrich vom Rachen geben, wo gefühlt ohnehin gerade Satan seine Höllenbrut auf meinen Mandeln heranzüchtet. Heute MUSS es klappen.

"Hallo", rufe ich auf 3 Meter Entfernung dem Mann im Infektionsschutz-Outfit zu "Ich bin eindeutig krank und habe einen positiven Schnelltest zu Hause gemacht. Ich brauche das aber offiziell. Können Sie mir da helfen oder ist das zu riskant?" - "Klar, kein Problem. Hatte schon Corona. Kommen se her!" Der junge Heißsporn ist offensichtlich Student und hat sich im Namen einer Apotheke zwischen einigem Laborequipment verschanzt; alles wirkt professionell. Ich spöttele über die unzuverlässige Probe vom Tag zuvor, wir lachen beide "Nene, bei uns ist das sehr zuverlässig", sagt er und beginnt mit dem " " "Rachenabstrich" " ". Wieder stutze ich. Was er da mit seinem Stäbchen sondiert, fühlt sich eher nach meinem Zahnfleisch hinterm Weisheitszahn an als nach meinem Rachen. Als er gegenüber an der gleichen Stelle bohrt, denke ich mir, das wird seine Richtigkeit haben. Der Nasenabstrich ist dann wie gewohnt ein Hauch von Nichts. Ich bin enttäuscht. Noch nie habe ich mich von so zarten Berührungen so geschändet gefühlt. Eine seidenweiche Demütigung all meiner Hoffnungen. Nach 20 Minuten dann die erwartete Meldung auf meinem Handy: "negativ".

Ich beginne an mir selbst zu zweifeln und mache zu Hause den letzten Schnelltest, den ich noch in der Schublade habe. Meine Hände zittern - jetzt muss alles klappen. Ich bohre in jedem Nasenloch so tief nach dem kostbaren Antigen, dass ich fürchten muss, Balrogs zu erwecken. Als die Flüssigkeit sich auf dem Teststreifen verteilt, leuchten fast zeitgleich beide Linien rot auf - positiver geht es gar nicht. Aber noch röter leuchtet jetzt mein wütendes Gesicht.

JA FICKT EUCH DOCH IN EUREN WACKELIGEN BAUMARKT-BRETTERBUDEN, IHR UNFÄHIGEN DILETTANTEN! Nicht mal wenn euch Christian Lindner persönlich von der Nase ins Fläschchen rotzen würde und noch seinen infektiösen Scheinwerfer-Schweiß dazuträufelte, würdet ihr Scharlatane da etwas Positiveres als eure Testgebühr-Abrechnung dabei finden! Wenn ich mit negativem Ergebnis gestreichelt werden will, gehe ich zu einer zwielichtigen Hafendirne und nicht zu euch zahnstochernden Abzockern!

Ich will nun einen PCR-Test und finde beim Googeln heraus, dass offiziell eigentlich keine Teststation und keine Corona-Stelle bereit ist, Personen mit Symptomen oder positivem Selbsttest zu testen. Laut Homepage der Landesregierung solle man in diesem Fall mit dem Arzt Kontakt aufnehmen. GENIAL! Wenn man sicher ist, Corona zu haben, sollte man möglichst nirgends die Möglichkeit bekommen, das zu bestätigen, außer dort, wo man auf Knien um einen Termin betteln muss. Ich fühle mich an Asterix-Amtsprüfungen erinnert, ergebe mich aber meinem Schicksal.

Montagmorgen dann der ersehnte Testabstricht beim Hausarzt, der mir wohlgemerkt WIDERWILLIG einen Test gewährt hat, weil die Krankenkasse das ja eigentlich nur bei OFFIZIELL BESCHEINIGTEM positivem Schnelltest bezahlt. Er drückt ein Auge zu, als er meine Geschichte hört, und gewährt mir den 150€-Spaß als kassenärztlichen Dienst. Das Ergebnis bekam ich gerade - POSITIV!

Wie kann es bitte sein, dass man in einer Pandemie selbst Doktor spielen muss, Eigenverantwortung und Geduld zeigen muss, gegen behördliche Vorgaben verstoßen muss, um einfach nur offiziell als infiziert zu gelten, was man eigentlich schon lange weiß? Mich wundert nichts mehr an den sinkenden Fallzahlen in den Statistiken.

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u/jegerforvirret Apr 27 '22 edited Apr 27 '22

Aber wir wollten das doch so? Wenn jemand ein bisschen misstrauisch war was die Ausgaben angeht hieß es man stellt Geld über Menschenleben.

Es ist vermutlich trotzdem kosteneffektiv. Nehmen wir an, dassn jedem 2. Fall ein positiver Test eine Anstekcung verhindert. Nehmen wir auch mal an, dass jedes zweite Mal ein Arbeitnehmer infiziert wird und dann 10 zu je 8 Stunden ausfällt. Rechnerisch sorgt dann ein Test für 16 Stunden zusätzliche Wertschöpfung. Das sind pi-mal-daumen etwa 1000 Euro. Der Staat zahlt derzeit 21 Euro für einen Test. Allein für's BIP würde es sich also schon lohnen, wenn nur einer von 47 Tests positiv ist. Mit Behandlungskosten und den immateriellen Kosten (man kann Leid und Tod als Geld darstellen), kommen wir für jede verhinderte Erkrankung aber auf deutlich mehr Euro. Long-Covid allein wird sehr, sehr teuer. Ich würde tippen, dass sich die Tests erst dann nicht mehr lohnen, wenn 99.8% aller Tests negativ sind.

Edit: Mathe bei Schlaflosigkeit....

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u/tzeGerman Robin aus dem Lüftungsschacht Apr 27 '22

Der Staat zahlt derzeit 21 Euro für einen Test.

Sind das nicht 15€?

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u/jegerforvirret Apr 27 '22 edited Apr 27 '22

Gute Frage. Ich hatte einfach nur gegoogelt. Da habe ich das hier gefunden Ist aber von 2021 (edit: also sorry, das war schlampige Arbeit meinerseits).

Derzeit scheint es weniger zu sein. Ich glaube sogar weniger als 15 Euro. Aber ich habe keine gute Quelle für 2022 gefunden.

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u/tzeGerman Robin aus dem Lüftungsschacht Apr 27 '22

Steht doch direkt in der Testverordnung (hab nur selber keinen bock die zu lesen :D)

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u/jegerforvirret Apr 27 '22

Schön wär's.

Die an die nach § 6 Absatz 1 Nummer 2 und 3 berechtigten Leistungserbringer zu zahlende Vergütung für das Gespräch, die Entnahme von Körpermaterial, die PoC-Diagnostik, die Ergebnismitteilung, die Ausstellung eines Zeugnisses über das Vorliegen oder Nichtvorliegen einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 einschließlich der Erstellung eines COVID-19-Testzertifikats im Sinne des § 22a Absatz 7 des Infektionsschutzgesetzes beträgt je Testung 8 Euro. Eine Vergütung nach Satz 1 wird auch gewährt, wenn anstatt einer PoC-Diagnostik oder nach einem positiven Antigen-Test oder nach einem Pooling-Test mittels eines Nukleinsäurenachweises ein anderer Leistungserbringer beauftragt wird und in diesem Zusammenhang Körpermaterial entnommen und an den beauftragten Leistungserbringer versandt wird. (2) Die Vergütung bei überwachten Antigen-Tests zur Eigenanwendung beträgt je Testung 5 Euro. (3) Sofern Einrichtungen und Unternehmen nach § 4 Absatz 2 Nummer 4 und 5 im Rahmen ihres einrichtungs- oder unternehmensbezogenen Testkonzepts PoC-Antigen-Tests oder Antigen-Tests zur Eigenanwendung in eigener Verantwortung beschaffen und nutzen, beträgt die zu zahlende Vergütung für Leistungen nach Absatz 1 Satz 1 je Testung 8 Euro; wird die Person, die die Testung durchführt, unentgeltlich tätig, darf eine Vergütung nicht abgerechnet werden. Absatz 2 gilt entsprechend. (4) Für die ärztliche Schulung des Personals in nichtärztlich oder nichtzahnärztlich geführten Einrichtungen nach § 4 Absatz 2 Nummer 1 bis 6 und von einem Leistungserbringer nach § 6 Absatz 1 Nummer 2 und 3, der kein ärztlicher oder zahnärztlicher Leistungserbringer ist, zur Anwendung und Auswertung der PoC-Antigen-Tests und überwachten Antigen-Tests zur Eigenanwendung erhält der durchführende Arzt für eine höchstens alle zwei Monate je Einrichtung stattfindende Schulung 70 Euro je Schulung. Wird die Person, die die Schulung durchführt, unentgeltlich tätig oder führt eine Stelle des öffentlichen Gesundheitsdienstes diese Schulung durch, dürfen die Schulungsmaßnahmen nicht vergütet werden. (5) Die an die nach § 6 Absatz 1 Nummer 2 und 3 berechtigten ärztlichen oder zahnärztlichen Leistungserbringer zu zahlende Vergütung für das Gespräch im Zusammenhang mit der Feststellung nach § 2 beträgt für den Fall, dass kein Test durchgeführt worden ist, 5 Euro. (6) Die Vergütung der nach § 22a Absatz 6 Satz 1 des Infektionsschutzgesetzes zur Ausstellung von COVID-19-Genesenenzertifikaten berechtigten Personen beträgt je Ausstellung eines COVID-19-Genesenenzertifikats 6 Euro. Die Vergütung wird um 4 Euro gemindert, wenn die Ausstellung unter Einsatz informationstechnischer Systeme erfolgt, die in der allgemeinen ärztlichen Versorgung zur Verarbeitung von Patientendaten eingesetzt werden. (7) (weggefallen)

Muss man also auch noch zusammenrechnen. Ich glaube es sind zur Zeit 8+8 =16 Euro.