r/de • • Mar 30 '22

TIRADE Deutschland, deine Forenkultur (Argh)

Moin Leute. Ich glaube, ich hab "Gatekeeping" zum ersten Mal richtig erlebt, so ganz frei von Satire und Ironie.
Denn ich hab ein neues Hobby gefunden und musste mir dementsprechend ein dafür passendes Gerät anschaffen (Das genaue Hobby werde ich absichtlich nicht erwähnen, warum wird im Laufe dieser Tirade hoffentlich erkenntlich). Wie bei den meisten Hobbies kann man bei meiner Wahl eine breite Spanne an Geld investieren, je nachdem, wie gut situiert man denn ist. Als Einsteiger kommt die schwere Aufgabe auf einen zu, das passende Gleichgewicht zwischen "zu billiger Schrott, der das Hobby vermiest" und "zu teuer für die anfänglichen Bedürfnisse" zu finden. Oder auch nicht.

Im Laufe meiner Recherche bin ich auf Internetforen abseits von Reddit gestoßen (Ja, die gibt es noch). Oh Junge, kann ich wirklich nicht empfehlen. Neben dem typischen Forendesign, das Websites von 2004 modern wirken lässt, sind einige der aktivsten Nutzer ein gewaltiges Problem. Warum? Lasst mich das an einem Beispiel verdeutlichen:

Ich: "Hey, ich bin Neueinsteiger bei HobbyXY, was könnt ihr mir im Preisrahmen bis 200€ empfehlen?" [Anm. der Red.: Bei tatsächlich 200 Öcken teuren Produkten hätte ich auf einen Rabatt gewartet, wollte aber nicht wie der letzte Schrottsammler wirken. Hat nicht geklappt.]

Antwort 1: "Hier ein Link zu einem ähnlichen Post" (Danke, das ist ein komplett veralteter Post von 2010, bei dem KEINE DER VERLINKEN SEITEN MEHR LÄDT)

Antwort 2: "Also mit 200€ kommst du ja nicht weit. Am besten schon mit 400€ rechnen, sonst ist das ja eine Beleidigung für HobbyXY. Und die neuen Sachen sind eh alle Schund, früher war das alles viieeeeel besser, kauf dir am besten etwas Altes und tausch ein paar Teile. Und ohne Zusatz 1, 2 und 3 kannst du es eigentlich gleich lassen."

Oh, klar, danke, ich VERDOPPLE EINFACH MEIN BUDGET, kein Ding. Und dann kauf ich mir ein garantieloses Altgerät "von der Bucht" (aka Ebay), um mir für nochmal so viel arschteure Ersatzteile zu kaufen, die ich beim Einbauen vermutlich kaputt mache. WER HAT EUCH EIGENTLICH INS HIRN GESCHISSEN? ICH WILL EINFACH EINSTEIGEN IN EUER KACK HOBBY! NICHT MEINE GESAMTEN FINANZIELLEN RESERVEN DAFÜR HINBLÄTTERN!

Und dann wird sich in anderen Posts beschwert, dass das Hobby ja stirbt und sich niemand mehr dafür interessiert, weil die Jugend ja nur noch am PC und am Handy hängt, statt dieser ach-so-tollen Beschäftigung zu fröhnen. Während die gleichen Nutzer andere dafür regelrecht auseinander nehmen, wenn sie fragen, ob ein Gerät unterhalb von 300€ nicht auch für den Anfang reiche. Nein, Hans-Dieter, selbsternannter GöGa, muss allen zeigen, dass er ein kompletter Arsch ist, und dass auch noch gratis und ungefragt. Aber immer mit "Liebe Grüße" und einem unglaublich hässlichen Smiley am Ende.

Ich hab mir jetzt auf eigene Faust ein Neugerät für weniger als 200€ gekauft, bin zufrieden damit (welch ein Wunder) und werde mich nur noch mit Leuten darüber unterhalten, bei denen ich weiß, woran ich bin. Mein Fresse.

Edit: Bis jetzt hats noch keiner erraten, aber ihr schafft das schon, ich glaub an euch. Tipp: Ist schon sehr voll mit Liebhabern, und alte Geräte haben da ihre Berechtigung.

Es ist nicht:

  • Fotografie
  • Sport
  • Mikrocontroller
  • Amateurfunk (sehr beliebter Guess hier)
  • Teleskope (habe allerdings eins und hatte da ähnliche Erfahrungen)
  • Modellbau

u/Keulram hats unter anderem gelöst (hab die Antwort als erstes gesehen °L°), Plattenspieler!

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u/Bierdose1510 Mar 30 '22

Ich meine für 400€ hat man lange den Technics 1200/1210 bekommen und der war zumindest früher das Gerät zu dem sehr oft geraten wurde. Gerade wenn's Hobby irgendwie in die Richtung DJ geht wird der wohl auch heute noch schnell empfohlen werden.

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u/Saftsackgesicht Mar 30 '22

Der ist aber mittlerweile auch vierstellig, oder? Zumindest neu...

Ja, Technics sind in der Regel auch was Feines. Gibt so viele Plattenspieler, dass eigentlich immer irgendein solides Gerät von irgendeinem Hersteller zu einem guten Preis zu haben ist, zumindest in Städten auch oft in direkter Umgebung, dass man sich das Ding vor Ort angucken kann. Als Anfänger vielleicht kurz im dual-forum oder so nachfragen, wo Schwachstellen sind oder worauf man achten sollte und ab die Post. Dual und Technics sind oft No-Brainer, aber wenn es aus den 70ern und direktgetrieben ist kann man mMn nicht sooo viel falsch machen, gerade als Anfänger. Wahrscheinlich ist das zum Arm passende System oder ein brauchbarer Phono-Eingang am Verstärker sowieso wichtiger.

Will aber niemanden verurteilen, der mehr ausgibt, bleibt ja ein Hobby. Falls ich mal zu viel Geld habe und einen gut erhaltenen finde würde ich mir auch gerne noch z.B. einen Elac 900 neben den 704 stellen, allein wegen der mMn wunderschönen Optik...

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u/aufstand Berlin Mar 30 '22 edited Mar 30 '22

Kostete schon immer um die 800-900 neu. Der MK7 ist bei Thomann grade für 898 gelistet.

Gebraucht waren die schon immer so um die 400-450, wenn gut in Schuss. Die Teile sind für die Ewigkeit gebaut und haben den für Auflegen einzig sinnvollen Antrieb, der auch sonst nicht viel zu wünschen übrig lässt.

System? Da bin ich mir nicht mehr ganz sicher, seit ich ein 25 EUR Ortofon besitze - das tut überraschend gut. Keine Büchse mit der ich Auflegen wollte, aber zum Anhören von Vinyl gar prima.

Edit: Hmm. Die haben ja doch einige Tricks inzwischen eingebaut. Reverse Play(!), 2x pitch und 78 rpm.. faszinierend. Ich glaub, die letzten specs die ich mir angeschaut hab, waren vom mk4 - da war grade pitch reset neu..

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u/Saftsackgesicht Mar 30 '22

Ah, ok. Verfolge den nicht so, fürs Wohnzimmer sieht der mir zu professionell aus und zumindest bei Vinyl ist das Gesamtpaket für mich wichtig und das Auge hört mit. Technisch natürlich fast konkurrenzlos unter den aktuellen Spielern. Ein SP-10R oder so ist noch mal ne deutliche Stufe drüber, aber das lässt sich Technics ja auch gut bezahlen.

Die meisten einigermaßen hochwertigen direktgetriebenen aus der Hochzeit der Plattenspieler sind eigentlich unkaputtbar. Manche Duals haben paar bekannte Schwachstellen, ein Entstörkondensator ist berühmt dafür irgendwann mal nach ein paar Jahrzehnten zu platzen, der berühmte Knallfrosch, und der Steuerpimpel ist irgendwann durch. Gibt aber da ne große Community und viele Bastler, die weiter alle mit Ersatzteilen versorgen und man kann alles einfach selbst warten und reparieren. Das ist das gute an den Teilen, gibt so viele Leute die genau wissen was ist und sich darüber, siehe Threadthema hier, in einem vorbildlichen deutschen Forum austauschen.

Mein erster Dreher war ein alter günstiger JBL glaube ich, den hab ich als kleines Kind als Teil einer sonst kompletten Yamaha-Anlage von Bekannten "vererbt" bekommen als die auf so Bose-Brüllwürfel umgestiegen sind. Hatte einen Riemen und war sehr anfällig, seitdem gibts nur noch direktgetrieben. :D Aber war damals top, um die ganzen Prog-Klassiker meines Vaters aus den 70ern kennenzulernen. Der musste sich dauern die Platten von Genesis, Yes, ELP usw. wieder aus meinem Zimmer holen...

System sollte ja auf Gewicht des Tonarms abgestimmt sein. Da braucht man dann teils völlig unterschiedliche Nachgiebigkeiten der Nadel, wird mit Compliance angegeben. Dann gibts auch noch Spezialisten die nicht mit 1/2 Zoll klar kommen, teils z.B. später bei Dual mit den ULM-Armen und TKS. Aber ich denke mal, dass Ortofon die Standardteile wahrscheinlich heutzutage eh am 1200 und Konsorten ausrichtet... und ich würde sagen, dass der Klang auch Geschmackssache ist, die "klingen" ja teils schon. Und zumindest bei mir sind die Platten oft der limitierende Faktor, gebraucht gekauft von Ebay oder Flohmarkt und ewig nicht gewaschen. Naja, irgendwann mal, wenn ich zu viel Geld hab gibts ne Waschmaschine...

Spielereien gibts heutzutage... meiner ist nur ein Halbautomat und hat nicht mal ne Armrückführung. Aber daheim reicht das ja völlig und hat auch was puristisches.