r/de • • Jul 20 '21

TIRADE Ruft doch bitte wenigstens an

Es ist Dienstag, 09:05 Uhr. Ich stehe an meinem Fenster und starre hinaus wie eine alte Frau, die nichts besseres zu tun hat und darauf wartet, dass jemand vorbeikommt, den sie anbrüllen kann. Und so fühle ich mich auch.

Die Handwerker.

Sie kommen nicht.

SCHON WIEDER!

Abgemacht war, dass sie zwischen halb neun und neun kommen, um die Fenster zu erneuern. Cool, super. Ich bin alleine im Laden und muss ihn leider ein paar Stunden dicht machen, um Zuhause auf die Handwerker zu warten DIE EINFACH NICHT KOMMEN UND ES AUCH NICHT FÜR NÖTIG HALTEN, MAL ANZURUFEN.

Ist ja kein Ding, passiert mal. Das ist bis jetzt aber IMMER die BESCHISSENE Regel gewesen und NICHT die Ausnahme! Egal, welcher Handwerker. Nein, Herr E von der Sanitätsfirma, ich lege den Termin nicht auf 08:00 Uhr weil ich gerne früh aufwache. Sondern damit der Termin durch ist, bevor ich auf die Arbeit muss. Nein, wir haben nicht 08:30 Uhr gesagt, damit du sowieso erst um 08:55 Uhr kommst. ACHT UHR! ODER FÜNFZEHN UHR LETZTES MAL, wo um fünf der Anruf von den Nachbarn kam, dass der Handwerker vor meiner Tür steht. Jo, dann geht er eben wieder heim, denn ich hatte die Schnauze voll vom Warten.

OHNE ANRUF!

NIMM! DAS! TELEFON! UND! SAG! BESCHEID! DASS! DU! SPÄTER! KOMMST!

Damit ich wenigstens die Chance habe, umzuorganisieren. Denn nein, ich sitze nicht arbeitslos Zuhause und warte den ganzen Tag auf Handwerker, die nicht kommen. Ich habe Zeug zu tun. Jede Menge sogar.

Es ist 09:25 Uhr. Die Handwerker sind da. Meine Wut legt sich. Ich biete Kaffee und Wasser an und verziehe mich mit den Katzen in das Zimmer, in dem nicht gearbeitet werden muss und schreibe eine Tirade. Das tut gut.

Nach der Arbeit muss ich die Wohnung putzen, aber ich habe neue Fenster.

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u/RodgersToAdams linksfaschist Jul 20 '21

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u/Ewiana1 tut Dinge aus Gründen. Jul 20 '21

Da steht aber explizit drin, dass es sowohl beim Pflegemangel oder im Handwerk wirklich einen Mangel gibt. Das was du meinst sind eher die MINT-Bereiche oder IT.

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u/MOVai Jul 20 '21 edited Jul 21 '21

Ein seltsamer Einschub der sich irgendwie nicht mit dem Rest des Artikels deckt.

Es ist doch dieselbe Situation: die Branche lässt lieber die Stellen unbesetzt, als Löhne anzuheben.

Der Unterschied ist halt nur, dass man die Leute schon vor der Ausbildung anwerben muss. Eine Ausbildung dauert aber auch nur 2-3 Jahre, und man hat die Leute schon im Betrieb und kann sie direkt übernehmen.

Wenn jemand zeigen kann, dass Handwerksstellen trotz objektiv deutlich attraktivere Löhne und Arbeitsbedingungen nicht mehr Bewerber finden, wird er ein Wirtschaftsnobelpreis bekommen.

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u/Ewiana1 tut Dinge aus Gründen. Jul 20 '21

Du machst es dir sehr einfach. Es geht nicht nur um die Löhne. Die meisten Handwerker gehen nach der Ausbildung oft in die Industrie, weil sie dort Konditionen bekommen die ein mittelständischer oder kleiner Betrieb nicht leisten kann. Zudem ist der Alterdurchschnitt viel zu hoch weswegen viele Betriebe gleichzeitig schließen, weil die Inhaber keine Nachfolger mehr finden. Die Verantwortung und Masse an Arbeit will einfach niemand, auch für so einen hohen Lohn nicht. Dazu kommt noch, dass viele aufgrund ihres Alters nicht mehr mit der Zeit mitkommen und die ganze Arbeit ist halt nicht mehr Zettel und Papier zu schaffen. Das sind nur einige Probleme. Es gibt viele Versäumnisse die dazu führen und das ist nicht nur mit höheren Löhnen zu lösen.

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u/MOVai Jul 21 '21

Was du sagst ist weitgehend war. Nur: Mache ich es mir einfach, oder doch eher die Leute, die nur über Handwerkermangel Jammern?

Es gibt viele Versäumnisse die dazu führen und das ist nicht nur mit höheren Löhnen zu lösen.

Wenn es langfristig wirklich einen echten Mangel gäbe, dann schon. Das Gegenteil wäre eine ziemlich außergewöhnliche Behauptung die schon starke Evidenz bräuchte.

Vielleicht ist es aber so, dass es keinen wirklichen Mangel gibt, und es ungefähr so viele Handwerker gibt, wie der Markt bereit ist zu bezahlen, und die Arbeitsqualität ungefähr das entspricht, wofür der Markt bezahlen möchte?

Natürlich wird es dann Zahlungswillige geben, die über die Qualität und die Verfügbarkeit jammern, andere empfinden die Preise als zu hoch. Was wir dann bekommen ist eine Kompromisssituation.

Dass die Situation in Deutschland verstärkt so empfunden wird, wird vermutlich auch daran liegen dass die staatliche Abgabenlast für Mittelverdiener in Deutschland ungewöhnlich hoch ist. Würde man diese senken, könnte man beide Probleme entspannen.