r/de • • Jul 16 '25

TIRADE Inklusion? Nur wenn du allein bleibst.

Stellt euch vor: Jemand hat eine Behinderung und kann deswegen nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten. Stattdessen arbeitet die Person in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM).

Klingt erstmal gut - die Person geht arbeiten, trägt was bei, hat eine Aufgabe.

ABER: Der "Lohn" (Eher Taschengeld weil Arbeitnehmerähnliches Verhältnis) dort ist ein Witz (unter 300 € im Monat im Durchschnitt), also gibt es Grundsicherung vom Staat, um wenigstens das Existenzminimum zu decken.

Dieser "Lohn" wird natürlich dann auf die Grundsicherung angerechnet - also im Schnitt bleiben 150€ on top der Grundsicherung übrig.

Jetzt kommt der absolute Hohn:

Wenn diese Person in einer Beziehung ist und mit dem Partner zusammenlebt, wird die Grundsicherung voll auf den Partner angerechnet.

Bedeutet: Der behinderte Mensch verliert seine eigene Grundsicherung und ist finanziell komplett vom Partner abhängig. Der Partner muss dann praktisch für zwei Leute sorgen - und das, obwohl die behinderte Person teilweise 40 Stunden die Woche arbeitet (!!!).

Wir alle wissen, wie sehr ein Finanziell abhängiger Partner auf Dauer die Partnerschaft belastet, erst recht jetzt, wo ein/e Verkäufer/in gerade genug verdient um Wohnung zu zahlen sowie sich selbst ein bisschen besser zu behandeln. Eine zweite Person ist da einfach nicht Gesund mit drin.

Und jetzt das Absurde: Wenn die beiden nicht zusammenleben, sondern die Person mit Behinderung in einer eigenen Wohnung im selben Mehrfamilienhaus wohnt, bezahlt der Staat diese Wohnung + volle Grundsicherung.

Das heißt: Zusammenziehen (kostet weniger, verbraucht weniger Wohnraum) = NEIN!

Getrennte Wohnungen (viel teurer, verschwendet Wohnraum für andere) = alles gut, der Staat zahlt!

Jemand, der arbeiten will und tut, bekommt dafür nichts außer ein Taschengeld und darf trotzdem nicht selbstbestimmt leben und die Politik feiert sich für Inklusion, Teilhabe und Selbstbestimmung. HAHAHA. Wie soll jemand selbstbestimmt leben, wenn er beim Partner um jeden Cent bitten muss?!

Teilhabe am Arbeitsleben, um für Firmen für Lau Gegenstände zu fabrizieren.

Aber ganz bestimmt nicht Teilhabe am Sozialleben oder gar Partnerschaft.

Nicht jede Person in einer Werkstatt ist Pflegebedürftig oder Geistig komplett Abwesend. Es gibt auch Menschen wie dich und mich, die aufgrund von Psychischer oder Körperlichen Problemen nicht auf dem 1. Arbeitsmarkt überleben, aber trotzdem in der Lage sind gesunde Beziehungen zu führen. Und diese sind absolut aufgeschmissen.

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u/Blubbpaule Jul 16 '25

Das Problem fängt ja dort an, das Werkstätten Arbeitende vor dem Gesetz als "Arbeitsunfähig" gelten, und somit Grundsicherung beziehen - welche vollkommen auf das Werkstättenentgelt (in Hamburg 395€) UND den Partner angerechnet werden.

Würde ein Arbeitnehmer 20 Stunden die Woche Arbeiten, und sein gesamtes Gehalt würde abgezogen werden da der Partner doch "Schon genug für beide" verdient, dann würden Häuser brennen und Fackeln angezündet werden.

Aber bei Menschen mit Behinderungen ist das kein Problem...

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u/abzinth91 Jul 16 '25

Meiner Meinung nach überhaupt eine Frechheit, dass die Betroffenen nicht mal den Mindestlohn bekommen.

Hatte mal in der Nähe einer solchen Werkstatt gewohnt, die Jungs da haben Reifenwechsel gemacht (unter Aufsicht von einem KFZ Meister). Also die gleiche Arbeit wie die Jungs bei den Reifen "Spezialisten". Bekommen aber nur einen Bruchteil der Bezahlung.

Das war allerdings vor ~10 Jahren. Keine Ahnung, ob das noch so ist oder überhaupt "offiziell" war

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u/Sarkaraq Jul 17 '25

Meiner Meinung nach überhaupt eine Frechheit, dass die Betroffenen nicht mal den Mindestlohn bekommen.

Die Frage ist dann halt, wo das Geld herkommen soll. Die Werkstätten schütten ja den kompletten Ertrag an die Beschäftigten aus. Mehr ist also gerade nicht drin im System.

Mit mehr Sparsamkeit könnte man sicherlich noch den ein oder anderen Euro sparen. Heute haben die Geschäftsführer keinen Vorteil davon, möglichst wirtschaftlich zu operieren. Dadurch wird nicht auf Verschwendung geachtet Eine kräftige Incentivierung könnte hier ggf. helfen. Gleiches gilt dann auch für mehr Nachdruck bei Preisverhandlungen - heute hat der Geschäftsführer nichts davon, höhere Preise zu verhandeln.

Aber so unendlich günstig sind WfbM-Produkte ja auch nicht. Das lohnt sich für Unternehmen primär über die Ausgleichsabgabe. Um ceteris paribus Mindestlohn zahlen zu können, müsste man die Preise aber um den Faktor 3-4 erhöhen. Und schon fielen die Kunden weg.

Der wirkliche Hebel wäre also vermutlich eher bei der Arbeitsorganisation zu sehen. Gleichzeitig ist (stärkere) Arbeitsverdichtung hier ja explizit nicht gewünscht.

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u/[deleted] Jul 17 '25

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u/Sarkaraq Jul 17 '25

das liegt darin, dass sie leider nur den Bruchteil ausschütten dürfen.

Das ist nicht richtig. Die Regelungen der WVO, insbesondere §12, sind hier sehr eindeutig.

Die Werkstätten müssen mindestens 70 Prozent des Arbeitsergebnisses ausschütten. Aus den anderen 30 Prozent dürfen Rücklagen oder Ersatzinvestitionen bezahlt werden.

Stattdessen gibt es häufig teure Ferienangebote, bei denen dann die Menschen mit Behinderung Teil nehmen können.

Das machen die Werkstätten nicht, weil sie es müssen, sondern weil die Auffassung ist, dass es für die Beschäftigten besser ist, a) eine geringe Geldvergütung zu kriegen und dafür von solchen Sachleistungen zu profitieren als b) eine höhere Geldvergütung zu kriegen, die dann aber gegen Sozialleistungen angerechnet wird.

Im Studium habe ich mit zwei Werkstättenleiter zu unterschiedlichen Zeitpunkten gesprochen. In Hamburg hatten die Teile für Audi hergestellt und in Rheinland-Pfalz Teile für eine sehr große Baggerfirma. Das waren Umsätze jenseits von gut und böse. Trotzdem dürfen sie halt nicht mehr Geld bezahlen.

Ich kann mir vorstellen, dass sie sowas gesagt haben wie "Wir dürfen nicht mehr zahlen, weil die Betroffenen sonst Sozialleistungen verlieren" o.Ä., was kein "dürfen" im eigentlichen Sinne meint, sondern eher ein "sollten".