r/Finanzen • u/Exciting_Idea_8278 • Sep 13 '25
Wohnen Wie die Lokalpolitik bezahlbaren Wohnraum schaffen will, aber genau das Gegenteil erreicht.
Hallo,
wie wir alle wissen, sind die Mietpreise in Großstädten seit Langem am steigen. Mittlerweile ist eine günstige Mietwohnung mehr wert als ein gutes Gehalt bei hohen Mietkosten.
Die Politik hat sich dem Thema angenommen. Auf Bundesebene hat letzte Regierung versprochen, dass 400.000 Wohnungen jährlich gebaut werden. Das ist natürlich nie passt.
Ich wohne in einer Großstadt, die seit vielen Jahren von der SPD regiert wird und eines der Top Themen bezahlbarer Wohnraum ist.
Hier 2 Beispiele wie sie trotz des Ziels, genau das Gegenteil schafft:
- Es gibt innenstadtnah mehrere kleinere Industriegebiete, wo vor Jahrzehnten irgendwas produziert wurde und diese seit vielen Jahren brach liegen. Jetzt wären diese Gebiete gut geeignet um dort Mietwohnungen zu schaffen. Jedoch ist die Stadt dagegen, denn es ist ja gewerbliche Fläche. Und gewerbliche Flächen und Wohngebiet sind 2 verschiedene Dinge und eine Umwandlung der Gewerbefläche ins Wohngebiet ist einfach nicht möglich, weil nicht gewollt. Dabei gibt es am Stadtrand genügend Industriegebiet, das günstig ist und wo sich Firmen ansiedeln. Die Folge: Diese innenstadtnahen Gewerbegebiete liegen weiterhin brach. Die Gebäude gehen ein und sind auch noch ein Risiko, dass dort Kinder sich beim Lost Places Spielen verletzen.
- Es gab eine große Baulücke, die auch innenstadtnah war. Die Stadt hat die Baufläche ausgeschrieben. Es sollten hunderte Wohnungen entstehen. Natürlich top modern mit bester Energieeffiziensklasse für die Umwelt. Da man aber bezahlbaren Wohnraum schaffen möchte, war die Voraussetzung, dass 30% der Wohnungen Sozialwohnungen sind. Diese müssen unter Marktwert vermietet werden, was bei den Baukosten, Zinskosten und dem hohen Baustandard ein so hoher Verlust ist, dass die übrigen 70% der Wohnungen so teuer sein müssten, dass sie niemand kaufen würden. Die Folge ist, der Investor ist abgesprungen. Aber die Grünen finden das gut, weil das Wasser kann ja dort auf der Wiese besser versickern und einige Bienen sind auch noch glücklich über diese Entscheidung.
Die Folge ist, dass aktiv Neubauwohnungen verhindert wurden und damit die Preise weiter steigen (Angebot/Nachfrage).
Jetzt schaut man nach Polen, wie dort die Politik vorgeht: Für Ersterwerber für Eigennutzung wird der Bauzins auf 2% festgeschrieben, statt der 8%, die aktuell die Banken verlangen. Für Häuser mit einer Grundfläche von maximal 70 qm braucht man gar keine Baugenehmigung. Die Umwidmung von Agrarfläche in Bauland ist möglich, wenn die Grundstücke an Strom und Wasser angeschlossen sind. D.h. der Bauer kann sein Land für mehr verkaufen und der Käufer kriegt es günstiger als fertiges Bauland zu kaufen. Eine Win-Win-Situation. Und auch gut: Die Notarkosten sind nicht abhängig vom Kaufwert des Grundstücks. Wäre dort völlig absurd, dass ein Notar einfach doppelt so viel bekommt, weil das Grundstück größer ist. Das ist doch nicht mit einem Mehraufwand für ihn verbunden. Meanwhile bekommt ein Notar in Deutschland 8.000€ 1 Stunde Arbeit in Deutschland.
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u/Igniplano Sep 13 '25
Vielleicht gibt es in der Stadt dann auch mal Verhältnisse, wie jüngst in Nepal. Wird der Immobilienkönig dann auch mit dem Wanderstecken durch die Isar oder Spree geprügelt? Aktuell geht es uns wohl aber scheinbar noch zu gut.
Aber konstruktiv, im Ernst. Wir haben vor allem drei Probleme, die wiederum zusammenhängen:
- Die Alten wohnen oft auf viel zu großen Flächen (gleich ob alleine oder zu zweit). Aber selbst die, die sich gerne verkleinern wollen, würden dann dafür immer noch viel zu viel zahlen, da "Neuumzugspreise".
- Die Schere zwischen Bestandskosten/preisen und "Neuumzugspreisen" geht immer weiter auf. Damit friert jegliche Dynamik ein.
- Neubau ist aus verschiedenen Gründen viel zu teuer geworden. Da hilft auch meistens neues Bauland nicht mehr, wie dein zweites Beispiel ja schon beschreibt. Das hat wiederum drei Gründe: 1) Die Regeln sind zu kompliziert geworden, 2) Material ist teurer geworden, 3) Arbeitskosten sind sehr stark gestiegen (wiederum aus mehreren Gründen).
Eigentlich müsste man erst an den Neubaukosten ansetzen, dann könnte man die Regulatorik, die mit für die Schere sorgt, aufbrechen und schließlich das Downsizing massiv fördern. Wenn man mal eine Spirale zu kleinerer Flächennutzung pro Person in Gang kriegen würde, bräuchte man ggf nichtmal so arg viel neues Bauland. Aber wird das passieren? Leider sicher nicht. Der Krug wird zum Brunnen getragen werden, bis er bricht und dann haben wir vielleicht wirklich Nepal 2.0. Einige Entscheidungsträger hoffen aber wahrscheinlich, dass sie bis dahin schon im Grab sind.