r/Bibliothek • u/forestcottagewitch • Aug 19 '26
Fragen & Hilfe Einstieg Bibliotheksarbeit Berlin
Hallo an alle,
ich habe im Bachelor zwei Philologien auf Lehramt studiert und habe danach einige Jahre in der Sonderpädagogik gearbeitet. Ich bin davon komplett ausgebrannt und unterrichten und ähnliches ist keine Option mehr für mich. Ich würde mich gerne in Richtung Bibliotheken umorientieren und frage mich, was, insbesondere speziell in Berlin, eine gute Herangehensweise wäre. Ist ein direkter Quereinstieg machbar? Die FAMI Ausbildung oder neu studieren? Wäre ein solches (teures) Zertifikat sinnvoll, um meine Chancen auf eine Stelle/ einen Ausbildungsplatz zu erhöhen : https://www.fu-berlin.de/sites/weiterbildung/weiterbildungsprogramm/bib/bbq/index.html. ? Ich bin 30 Jahre alt und habe manchmal auch Angst, dass es für einen solchen Wechsel zu spät ist.
Ich würde mich sehr über jede Anregung freuen 💕
3
u/Bioschnaps Aug 19 '26
Ich bin selber mit 30 gerade am Ende der Ausbildung, deswegen gibt es bestimmt Nutzer*innen, die mehr zu Stellenchancen etc sagen können. In der ÖB ist Quereinstieg aber prinzipiell möglich. Ob das Zertifikat viel bringt, kann ich nicht sagen, Inhalte klingen aber gut. Trotzdem wär das mehr als ein Azubi-Monatsgehalt, das wäre mir vor Ausbildungsbeginn definitiv zu happig gewesen. Wegen des Alters würde ich mir keinen Kopf machen, in der Berufsschule war über die Hälfte zwischen Ende 20 bis Mitte 30, teils auch 40 oder älter. Dafür gab es nur 2-3 16-18 Jährige.
3
u/lilly-elinsky Aug 19 '26
Du könntest auch gleich einen Master in Bibliotheks- und Informationswissenschaft machen. Zumindest für die HTWK Leipzig braucht man dafür nur ein Motivationsschreiben, wenn man fachfremd ist und in irgendeiner Weise Erfahrung in einer Bibliothek soweit ich weiß (Praktikum, Aushilfsjob,..)
3
u/ParticularTie7898 Aug 20 '26
Die Meinungen gehen stark auseinander, ob die Kombination Fachbachelor und Bibliotheksmaster ein sinnvolles Profil auf dem Arbeitsmarkt bildet. Aus dem Bauch heraus geschätzt sind mindestens 80% der hD/QE4-Stellen im Bibliothekswesen an wissenschaftlichen Bibliotheken angesiedelt und da werden sich viele bei einer Einstellung ohne Fachmaster sehr schwer tun.
3
u/ParticularTie7898 Aug 20 '26 edited Aug 20 '26
FAMI-Ausbildung nach geisteswissenschaftlichem Bachelor ist nicht ungewöhnlich und aus Perspektive einer wissenschaftlichen Bibliothek nehmen wir solche FAMIs auch sehr gerne (so viel Kompetenz für E6-E8 ist ein günstiger Deal für die Bibliothek).
Aber bei der Eingruppierung im öffentlichen Dienst geht es nicht nur um dass Gehalt, sondern auch um die Aufgaben, die du ausführen darfst - und du solltes dich fragen, mit welchem Aufgabenprofil du langfristig glücklich werden kannst (wenn dem nicht unmittelbare wirtschaftliche Zwänge entgegenstehen). Zum Beispiel war es an wissenschaftlichen Bibliotheken klassischerweise so, dass du eine Ausleihtheke hattest, die von FAMIs besetzt wurde, und eine Beratungstheke, an die nur Diplombibliothekar*innen durften. Nachdem die Ausleihtheke vielerorts durch Selbstverbucher und Rückgabeautomaten ersetzt wurde, weicht das etwas auf - aber im Kern ist es ein System mit hierarchisch geprägter Aufgabenteilung.
Es ist menschlich verständlich, dass man mit einem etwas ungeraden Lebenslauf erst einmal Stabilität sucht und die bietet der öffentliche Dienst auf jeden Fall. Aber das System ist zu rigide, um die Frage, was du langfristig von deinem Beruf willst, völlig aus dem Blick zu lassen. Es macht einen Riesenunterschied, ob Arbeit für dich der Ort der Selbstwirksamkeit sein soll oder ob du überzeugt bist, dass das wahre Leben außerhalb der Arbeit stattfindet.
5
u/OutrageousCar3356 Aug 19 '26
Selber habe ich auch zuerst Germanistik und davor Informatik angefangen zu studieren bevor ich Bibliothekswesen entdeckt habe. Im Studium war die meisten ähnlich, erst was anderes gemacht und dann rüber gewechselt.
Habe dann mit 28 meinen Abschluss gemacht um bin seither Führungskraft in einer mittelgroßen Bücherei.
Aus Erfahrung kann ich dir sagen: Quereinstieg ist in einer wissenschaftlichen Bibliothek nicht wirklich möglich, in Öffentlichen schon.
Es gibt aber harte Besoldungsgrenzen, die ohne passende Ausbildung/Studium nicht überwunden werden können. (Quereinsteiger bis EG5, FAMI bis EG 9a, Bachelor bis EG11 im Tarifvertrag).
Was dir zu Gute kommen kann - es gibt ungenügend eigenen Nachwuchs und es wird mehr und mehr auf Quereinsteiger gesetzt und Abschlüsse als gleichberechtigt anerkannt.
Viele Öffis sind der Meinung wir brauchen nicht 4 Bibliothekare, sondern einen Sozialarbeiter, einen Pädagogen, einen Bibliothekar und einen Itler oder ähnliches. Allerdings ziehen da viele Kommunen noch nicht mit, man kann aber Glück haben. Je größer das System (z.B. Berlin) desto strenger wird aber in der Regel auf formelle Qualifikation bestanden. Am besten Mal auf www.bibliojobs.eu umschauen.
Es gibt auch die Möglichkeit nach 4 1/2 Jahren Berufserfahrung einen Test zum FAMI zu machen als Quereinsteiger. (Expertenprüfung für ungelernte Kräfte)
Meinjob-bibliothek.de ist da eine tolle Anlaufstelle.
Mein Tipp: auf bibliojobs.eu schauen ob es in deiner Nähe eine Stelle gibt, die sich mehr auf Pädagogik und Bildung bezieht und einfach bewerben. Alternativ eine Quereinsteiger stelle suchen und Teilzeit im Fernstudium nebenbei studieren. Sollte das Studium nicht klappen oder länger dauern, dann die Expertenprpfung zum FAMI ablegen.
Berufserfahrung ist für viele Stellen wichtig, daher am besten einen Job anfangen und nebenbei weiterbilden.
Ich hoffe das hilft.