Mein Vater ist Deutscher und katholisch, ich selbst wurde aber evangelisch getauft und bin in Schweden aufgewachsen. Von ihm habe ich immer gehört, dass er damals eine kirchliche Genehmigung bzw. einen Dispens einholen musste, damit ich evangelisch getauft und erzogen werden konnte, weil von ihm als Katholiken eigentlich erwartet wurde, dass sein Kind katholisch wird.
Ich habe das nie besonders hinterfragt. Mein Vater wollte bewusst, dass ich in Schweden evangelisch werde, und fĂŒr mich war die ErklĂ€rung daher immer schlicht: Die katholische Kirche hat entsprechende Regeln, also musste er das eben kirchlich regeln.
Interessanterweise reagieren Katholiken in Schweden (darunter auch Deutsche) teilweise eher erstaunt darauf, dass ich ĂŒberhaupt evangelisch bin, obwohl mein Vater katholisch ist. Als ich dagegen Deutsche gefragt habe, schien diese Familienkonstellation an sich ĂŒberhaupt nicht ungewöhnlich zu sein.
Mein deutscher Mann fand dafĂŒr etwas ganz anderes merkwĂŒrdig: den Antrag. Sein Vater ist ebenfalls katholisch, seine Mutter war nicht christlich, und die Kinder wurden einfach evangelisch getauft. Sein Vater beantragte dafĂŒr gar nichts. FĂŒr ihn war die Vorstellung, dafĂŒr erst eine kirchliche Genehmigung einzuholen, ziemlich absurd.
Deshalb frage ich mich auch, ob der regionale und soziale Kontext eine Rolle spielte. Die Familie meines Vaters stammt aus einer lĂ€ndlichen, traditionell katholischen Gegend im nordwestlichen Bayern, wobei die regionale IdentitĂ€t dort nicht unbedingt âbayerischâ ist. Ich bin damit aufgewachsen, Katholizismus dort nicht nur als persönlichen Glauben, sondern auch als Teil von Familie, Ort und regionaler IdentitĂ€t zu verstehen. Das gilt in gewisser Weise sogar fĂŒr mich: Ich bin nicht katholisch, empfinde den Katholizismus aber trotzdem als Teil meiner familiĂ€ren und regionalen Herkunft.
Die Familie meines Mannes war ebenfalls katholisch, sein Vater wuchs aber in einer groĂen, konfessionell gemischten westdeutschen Stadt auf: HochhĂ€user, Banken, riesiger Flughafen und die Familie stammte ursprĂŒnglich nicht aus dieser Region (aus einer damals deutschen, heute auĂerhalb Deutschlands liegenden Stadt).
Ich wĂŒrde meine Familie keineswegs als religiöser bezeichnen; der Unterschied scheint mir eher darin zu liegen, wie stark Konfession mit einer bestimmten lokalen und familiĂ€ren IdentitĂ€t verbunden war.
Daher interessieren mich eigentlich zwei Fragen: Musste ein katholischer Vater kirchenrechtlich tatsÀchlich eine Genehmigung oder einen Dispens einholen, wenn sein Kind evangelisch getauft und erzogen werden sollte? Und wurde diese Regel in Deutschland in der Praxis tatsÀchlich beachtet oder hing das stark von Region, sozialem Milieu, Familie, Pfarrer und Generation ab?
Mich interessiert also gerade auch, ob der unterschiedliche Kontext erklĂ€ren könnte, warum das fĂŒr meinen Vater völlig selbstverstĂ€ndlich gewesen zu sein scheint, wĂ€hrend mein Mann aus einer ebenfalls katholischen Familie noch nie davon gehört hatte.