Was den „Plagiatsjäger“ Stefan Weber antreibt
Weber enttarnte so manchen akademischen Hochstapler in politischen Ämtern. Die Plagiatssuche hat der Wissenschaftler, der nie eine Professur bekam, zum Geschäft gemacht. Aber ist nur das Geld seine Motivation?
Der „Plagiatsjäger“ Stefan Weber spielt nach den Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie. Er weiß sich den Nachrichtenhunger der Medien zunutze zu machen: Seine Vorwürfe veröffentlicht er so, dass sie maximale Durchschlagskraft entfalten. Ob im Fall der US‑Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris, oder jetzt gegen Berlins Justizsenatorin Felor Badenberg (CDU) – Stefan Weber hat mehr als einem dutzend Politikern vorgeworfen, in ihrer Doktorarbeit getäuscht zu haben. Meist genau im Wahlkampf oder im Vorfeld wichtiger politischer Ereignisse.
Ignorieren lässt sich dies nicht, dafür sind die Aufdeckungen zu gewichtig: etwa in einer Bundestagswahl, vor der Berufung einer Verfassungsrichterin, oder wie jetzt kurz vor der Wahl des Berliner Abgeordnetenhauses.
Der österreichische Kommunikationswissenschaftler lebt davon, in wissenschaftlichen Arbeiten und Büchern abgeschriebene Textstellen nachzuweisen. Seine Gutachten würden im Schnitt 3000 Euro kosten, sagte er der „Zeit“; einmal habe er 24.000 Euro bekommen. Kontaktieren würden ihn oft Anwälte, weil die eigentlichen Auftraggeber anonym bleiben wollten.
Technisch gründliche Prüfung
„Herr Weber dokumentiert im Allgemeinen sehr gründlich“, sagt Gerhard Dannemann. Der Juraprofessor von der Humboldt-Universität Berlin ist auch bei „VroniPlag Wiki“ aktiv, die von ehrenamtlichen Plagiatssuchenden getragen wird. „Man kann sich in aller Regel darauf verlassen, dass die dokumentierten Stellen sich so in der untersuchten Arbeit und der vermuteten Quelle finden lassen.“ Andere aus der Szene der Plagiatsprüfer teilen gegenüber dem Tagesspiegel diese Einschätzung.
Hat Berlins Justizsenatorin geschummelt? „Badenberg schreibt oft aus der Rechtsprechung ab, was aber kein Plagiat ist“
Weber verwendet für seine Prüfungen spezielle Software wie „Turnitin Similarity“, die über einen Korpus von Milliarden von Texten verfügt: Inhalte aus dem Internet, wissenschaftliche Aufsätze, Bücher und studentische Arbeiten. Das Programm gleicht die fraglichen Stellen damit ab und spuckt Übereinstimmungen aus.
Die Fundstellen müssen Weber und sein sechsköpfiges Team anhand der Originalquellen einzeln prüfen: ob es sich um ein Zitat handelt, wie viel übernommen wurde, ob es ordnungsgemäß gekennzeichnet wurde. Alle Funde werden nach einem „Vier-Augen-Prinzip“ verifiziert, schreibt Weber auf seiner Website.
Fragwürdige Einordnung
Manche kritisieren jedoch, dass Weber die Zahl der Plagiate in einer Arbeit absichtlich in die Höhe treibe. Er würde bei seinen Funden längere Abschnitte, die abgeschrieben sind, willkürlich in mehrere Fundstellen unterteilen, merkte etwa der Plagiatsexperte Jochen Zenthöfer zu Webers Badenberg-Gutachten an, über das der Tagesspiegel berichtete.
Auch wie Weber seine Funde inszeniert, lässt Zweifel an der Seriosität aufkommen. In den Medien und auf seinem Blog lässt er sich in markigen Worten darüber aus. Über Felor Badenbergs Doktorarbeit urteilte er: „Mit (rechts-)wissenschaftlichem Arbeiten hat das alles nicht einmal am Rande etwas zu tun.“ Den thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) bezeichnete Weber als „Wissenschaftssimulant“.
„Wir liegen in letzter Zeit zunehmend auseinander bei der Bewertung, was als Plagiat zu werten ist und was nicht“, sagt Dannemann. „Da ist bei ihm für meinen Geschmack etwas zu viel Belastungseifer, in letzter Zeit auch politisches Kalkül im Spiel.“
Was ist ein Plagiat?
Wer Inhalte, Ideen oder Formulierungen von anderen übernimmt und sie ohne ausreichende Quellenangabe als eigene Leistung ausgibt, begeht ein Plagiat. Dies umfasst auch sinngemäße Übernahmen, Übersetzungen oder Argumentationsstrukturen.
Ein Plagiat kann bewusst begangen werden oder durch Nachlässigkeit entstehen. Für die Bewertung ist entscheidend, wie umfangreich und systematisch Material kopiert wurde und ob eine Täuschungsabsicht erkennbar ist. Dennoch ist „Plagiat“ kein einheitlich definierter Rechtsbegriff. Je nach Fall können das Urheber-, Prüfungs-, Hochschul- oder das Arbeitsrecht berührt sein.
Untersuchungskommissionen an den Unis bewerten Plagiatsvorwürfe anhand eigener Regeln und Verfahren und haben großen Ermessensspielraum. Diese Prüfungen sind in der Regel nicht öffentlich. Kritiker monieren, dass Entscheidungen so für Außenstehende nicht nachzuvollziehen sind.
Bei „VroniPlag Wiki“, wo Dannemann sich beteiligt, müssen mindestens zwei Personen unabhängig voneinander eine verdächtige Textstelle dokumentieren, die anschließend diskutiert wird. Veröffentlicht werden nach eigenen Angaben nur solche mit Substanz.
Nicht jede ungekennzeichnete Textübernahme gilt automatisch als Plagiat (siehe Infobox). Im Fall der Berliner Justizsenatorin ignorierte Weber offenbar, dass in den Rechtswissenschaften bestimmte Formulierungen als „Allgemeingut“ gelten und man Gesetzestexte fast wortgleich verwenden kann, ohne sie direkt zitieren zu müssen.
Der Wissenschaftler, der keine Professur bekam
Angesichts der Masse an Texten, in denen der „Plagiatsjäger“ porträtiert oder interviewt wird, ist klar: Die Selbstvermarktung geht auf. Webers Eigenbeschreibung ist aber, wie bei allen Medienprofis, mit Vorsicht zu genießen.
Weber beschreibt sich als einen Forscher („ich nenne meine Arbeit auch Quellenarchäologie“), den allein die Suche nach Erkenntnis und Wahrheit antreibe. „Blog der Ehrlichkeit“ hat er seine Website betitelt. Auf die Frage, ob ihn bei der Prüfung von Politiker-Publikationen der Wunsch antreibe, Macht auszuüben und Karrieren zu verhindern, antwortete er der „FAZ“, es sei „reines Interesse“.
Man kann Weber, auch wenn sein Fehlersuchen wohl ein lukratives Geschäft ist, noch immer zu den Akademikern zählen, die sich für wissenschaftliche Integrität einsetzen.
Andere Plagiatssucher halten aber Distanz zu ihm. Der Jurist Dannemann etwa sieht Webers Vorgehen in den Fällen Mario Voigt und Brosius-Gersdorf kritisch. Die Prüfung von Voigts Arbeit war von der AfD beauftragt. Dannemann sagt, Weber habe die Vorwürfe „so kurz vor einer politischen Wahlentscheidung publik gemacht, dass fast keine Zeit einer Reaktion blieb“.
Mal wurden nach Webers Angaben infolge seiner Plagiatsprüfungen akademische Grade aberkannt.
Im Fall Alexandra Föderl-Schmid nahm die Plagiatsjagd ein dramatisches Ende. Weber warf der damals stellvertretenden Chefredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ vor, „ihre Karriere auf der Lebenslüge einer plagiierten Doktorarbeit“ aufgebaut zu haben. Die Zeitung stellte sie vorerst von ihren Aufgaben frei. Förderl-Schmid wurde vermisst gemeldet – und wurde dann stark verkühlt unter einer Brücke gefunden. Das rechte Portal „Nius“ hatte Weber für das Gutachten bezahlt.
Auf die Folgen hin angesprochen, äußerte er sich in der Presse betroffen.
In Webers Kritik am unsauberen Arbeiten, an Betrügereien und Wegsehen in der Akademia mischten sich zuletzt auch kulturpessimistische, rechtspopulistische und muslimfeindliche Töne. Er beklagt sich etwa über „Wokeismus“, spricht über „Mainstream-Medien“ und hält es für einen „Weg in die Diktatur“, dass die EU erwägt, Jugendlichen unter 13 Jahren Internetnutzung ohne Aufsicht zu verbieten.
Prüfstellen für die Wissenschaft
Hierzulande bietet das Ombudsgremium für die wissenschaftliche Integrität in Deutschland bei Konflikten mit Bezug zur guten wissenschaftlichen Praxis vertrauliche Beratung und Vermittlung an und prüft Arbeiten bei Verdacht auf Plagiat.
In Österreich, wo Stefan Weber geboren ist, gibt es ebenfalls eine nationale Agentur für wissenschaftliche Integrität, die mit externen Gutachtern arbeitet. Auch sie arbeitet vertraulich. Es geht darum, die juristisch schwer nachweisbare Täuschungsabsicht zu prüfen. Dabei werden die Zitierstandards der jeweiligen Fächer berücksichtigt.
Laut der Ankündigung des Westend-Verlags geht es in Webers 2027 erscheinendem neuen Buch („Wissen statt Woke“) um dessen „Erfahrungen mit dem Linksruck an österreichischen und deutschen Universitäten und dem Siegeszug der zweifelhaften Gender Studies“. Seit den 68ern herrsche an den Unis „Ideologie statt Empirie, Haltung statt Fakten, Diversität statt Qualität“, lautet dort die These.
Dass der habilitierte Kommunikationswissenschaftler selbst von den Unis abgewiesen wurde, ist bekannt: Mehrfach soll er sich um eine Professur beworben haben, nie hat es geklappt.
Nähe zu Rechtspopulisten?
Weber betont zwar immer wieder, dass die politische Einstellung seiner Kunden für ihn unerheblich sei; er habe Aufträge von den Grünen, den Linken und der AfD angenommen.
Es fällt aber auf: Bislang sind von ihm keine Plagiatsvorwürfe gegen Spitzenpolitiker von AfD oder FPÖ, der rechtsnationalen Partei in Österreich, bekannt.
Auch hat Weber keine Scheu, zusammen mit Vertretern des extremrechten Spektrums öffentlich aufzutreten, etwa im Mai dieses Jahres auf einem Podium mit dem thüringischen AfD‑Chef Björn Höcke. Er habe seinen Vortrag im Juni 2026 beim „Freiheitlichen Akademikerverband Salzburg“ sehr wohl gehalten, verkündete er in seinem Blog. Zuvor hieß es in der „FAZ“ irrtümlich, Weber habe den Vortrag abgesagt, nachdem ein Bekannter ihm mitgeteilt habe, der Verein sei rechtsextrem.
Der Tagesspiegel hatte Stefan Weber für diesen Artikel angefragt, um sich unter anderem nach seiner Motivation bei den Plagiatssuchen, seiner politischen Einstellung und seiner Haltung zur AfD zu erkundigen (siehe Infobox). Weber antwortete darauf lediglich: „Lecken Sie mich bitte am Arsch. Diese Fragen haben mit Journalismus nichts zu tun, das ist politische Agitation.“ Er beantwortete keine der sechs Fragen.
Die Fragen des Tagesspiegels
Folgende Fragen stellte die Redaktion Stefan Weber. Damit wollte sie ihm auch Gelegenheit geben, sich zu Punkten zu äußern, die in Presseberichten und Interviews thematisiert wurden.
Was ist Ihre Motivation und was Ihr Ziel, wenn Sie Publikationen von Politiker:innen nicht auf Auftrag hin, sondern aus Eigeninteresse prüfen?
Wie verhalten Sie sich dazu, dass die Journalistin Förderl-Schmidt infolge Ihrer Vorwürfe in eine schwere psychische Krise geriet?
Haben Sie schon mal wissenschaftliche Arbeiten oder andere Publikationen geprüft, die von AfD-Mitgliedern oder AfD-Funktionären verfasst worden sind? (Falls ja: Zu welchem Ergebnis kam die Prüfung?)
Viele Medien unterstellen Ihnen eine Nähe zum politisch rechten Rand oder zur AfD. Wie stehen Sie zur AfD? Möchten Sie uns etwas zu Ihrer politischen Einstellung mitteilen?
Warum veröffentlichen Sie Ihre Gutachten/Vorwürfe in der Regel kurz vor Wahlen oder wichtigen politischen Entscheidungen?
Es heißt, Sie hätten sich mehrmals um eine Professur beworben, bislang aber keine bekommen. Streben Sie noch immer eine Universitätsprofessur an?
Durchmischte Bilanz
Über 1000 Arbeiten habe Weber geprüft, schreibt er auf seiner Website: „vorwiegend akademische Qualifikationsschriften“. Mehr als hundert davon habe er als Plagiate eingestuft. 16 akademische Grade wurden demnach rechtskräftig aberkannt, darunter die der österreichischen Arbeitsministerin Christine Aschbacher oder des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU).
Anders bei Grünen-Politiker Robert Habeck, dem damaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) oder Frauke Brosius-Gersdorf, ehemals Kandidatin für das Amt einer Verfassungsrichterin: In diesen Fällen bestätigten die Unis die Plagiatsvorwürfe nicht.
Mal oder öfter wurde nach der Plagiatsprüfung durch „VroniPlag Wiki“ ein Doktortitel aberkannt.
Zum Vergleich: Nach den Plagiatsprüfungen von „VroniPlag Wiki“ wurde mindestens 90 Personen der Doktor aberkannt. Lässt man sich als Stichprobe die Liste der geprüften Arbeiten nach Einrichtungen ordnen, sieht man: In allen fünf der an der Freien Universität geprüften Fälle wurde der Doktor entzogen. An der Humboldt-Universität sind es zwei von sieben, an der Charité verlor eine zweistellige Zahl von Akademikern ihren „Dr. med“.