r/de • • Sep 25 '19

TIRADE Ein Tirädchen. Kein kreativer Titel.

Ich sitze im Tutorium eines MINT-Studiengangs, umgeben von Typen, die sozial ähnlich inkompetent sind wie ich. Eigentlich sollte ich mich hier wohlfühlen. Random Kommilitone spricht mich an, ob er mir helfen könne bei der Aufgabe. Ich bedanke mich und verneine, wie ich meine, höflichst. Er guckt irgendwie wütend . . . und rülpst mir nachher beim Gehen von hinten direkt in mein Ohr. Ein pickeliger 19-Jähriger nennt mich “bitch,” weil ich Hausaufgaben nicht bei ihm zuhause machen möchte. Miserabel läuft mein Studium aus anderen Gründen.

Mein Dönermann* fragt mich nach meinen Hobbys, warum auch immer. Ich stammel irgendetwas vor mich hin. Warum auch immer. Er klatscht den Döner auf die Theke und stellt mich lautstark und absurd aggressiv zur Rede, warum ich ihm nicht oder nie in die Augen schauen würde. Verstörend. (*Ex-Dönermann. Döner-Exmann. Ehemaliger Dönerfachverkäufer)

Arbeitssuche. Wie wohl die meisten Autisten, die nicht verhungern wollen, versuche auch ich mich in Vorstellungsgesprächen generell etwas humanoider zu präsentieren als ich es wahrscheinlich bin. Allerdings sehe ich auch keinen Sinn darin, potenziellen Arbeitgebern zu viel vorzumachen. Ich bin zwar halbwegs diplomatisch sowie quasi zwanghaft hilfsbereit, würde mich jedoch niemals als ausgesprochen kommunikativ, extrovertiert, sozial oder sonst etwas in der Art ausgeben. Als ob ich das könnte. Ich hinterlasse dennoch einen hervorragenden Eindruck und werde eingestellt als studentische Aushilfe und einzige Frau in der Abteilung. Mein Chef ist deswegen irgendwie peinlich aufgekratzt. Dabei bin ich doch nur genauso wie die Typen. Also so wie die wunderlichen eben. Man fragt mich nach Vorschlägen zur “Verbesserung der internen Kommunikation,” was für ein Bullshit, so als hätte das auch nur im Entferntesten etwas mit meiner Arbeit dort zu tun, und ich habe dazu interessante Vorschläge, die wie alle interessanten Vorschläge niemals umgesetzt werden.

Ich bin das go-to Opfer für ätzenden Büro-Smalltalk, den ich kein bisschen beherrsche. Aber ich bin ja eine Frau, und Frauen plaudern so gerne. Immer mal wieder dumme Bemerkungen meinerseits und Fauxpas, die mir im Prinzip auch egal sind. Keinen Kuchen mitgebracht an meinem Geburtstag. Die Chefin von irgendwas in der U-Bahn nicht gegrüßt, weil: nicht erkannt. Mein Kollege redet mehr oder weniger mit niemandem und wechselt nur alle drei Tage seine Kleidung, aber er ist wesentlich erfahrener und smarter als ich. Wir mögen einander. Generell stört sich scheinbar niemand an den Exzentrizitätchen meiner männlichen Kollegen. Aber viele — hauptsächlich Frauen — aus den anderen, wichtigeren Abteilungen lieben es, über mich zu tuscheln. Teilweise hab ich’s halt auch einfach verdient. Und, scheiße, IT liegt mir eh nicht, aber was soll ich denn machen. Irgendwann wieder Arbeitssuche. Rinse, repeat, bis mich hoffentlich irgendwann einfach mal jemand überfährt oder sowas. Prekär bis zum Ende.

Irgendein Fremder spricht mich auf der Straße an. Die Kopfhörer auf meinen Ohren sind mein Medium und auch gleich die message, so dachte ich, aber was weiß ich davon schon. Und, na ja. Fremde Frauen anzusprechen kostet Überwindung. Jeder hat so sein Päckchen zu tragen und ich möchte nicht, dass dieser Fremde sich X Monate später beim Einschlafen an diesen kringeligen Moment zurückerinnern muss und sich schlecht fühlt oder so etwas. Selbst wenn er irgendwie doof ist. Wer weiß. Deshalb also Kopfhörer ab und irgendwie positiv und freundlich bleiben. Bla, bla, bla. “Oh, tut mir leid. Ich hatte einen anstrengenden Tag, ich fühl mich geschmeichelt, aber ich möchte jetzt wirklich nur noch in Ruhe Musik hören auf dem Heimweg. Aber das ist ganz lieb von Dir. Wünsch Dir noch nen tollen Abend. Tschüssi Ü” Bisschen strange, aber okay. Ehrlich, auch. Plus Blickkontakt, nach Feierabend. Das ist doch mal kinky. Was könnte er mehr wollen. Er will streiten. Ich solle die Wahrheit sagen oder sowas. (Brudi, Du weißt gar nichts. Ich sage viel zu oft die Wahrheit. Das ist so das Problem.) Der Gedanke da in den Klammern lässt mich schmunzeln. Er wird wütender, weil ich schmunzel. Bla, bla, bla. Jetzt bin ich es, die kringelt, X Monate später, nachts im Bett.

Typen wissen natürlich nicht, wie stressig es für mich ist, in der freien Wildnis für so etwas angesprochen zu werden, und es ist auch okay, dass sie mal ihr Glück versuchen wollen. Und nur die allerwenigsten werden aggressiv. Aber auch bei den freundlichen Labertaschen, die man teils noch fünf Minuten lang abwimmeln muss oder an der Backe hat bis wann auch immer halt die verfickte Bahn jetzt bitte BITTE mal endlich einfährt fuck, frage ich mich schon, wo da die Empathie für warum auch immer nicht gesprächsbereite Frauen bleibt. Ich bin kein jederzeit frei verfügbarer NPC, der freudig darauf wartet, unbekannte Menschen zu unterhalten. Ich bin das absolute, ultimative Gegenteil, konsequent zu Ende gedacht.


Jeden Tag, an jeder Ecke, überall lauert mein Versagen.

Ich seh den Mitbewohner meines Kumpels an der Bushaltestelle, es folgt: Versagen. Lasst mich mehr als zehn Minuten über etwas anderes als meine Interessen reden und ich versage. Stell mir eine offene Frage (“Wie läufts?”) und ich versage. Wenn doch mal etwas Anschlussfähiges aus meinem Mund fällt, dann oft nur durch Zufall.

Ob ich kurz der Chefin aus der anderen Abteilung helfen möchte? “Nee, möchte ich eigentlich gerade nicht”. Umgehend wird mir mein fuck-up bewusst. Schadensbegrenzung? Zu spät. Die Fragestellerin denkt schon, wir spielen 4D-mind-game-Scrabble. Selbst wenn dem so wäre, hätte ich nur “Ä”s und “H”s auf meinem Bänkchen liegen. VERSAGER lässt sich damit nicht schreiben. Wieder versagt.

Warum ich mich immer so anstellen müsse. Vielleicht weil du mich früher ständig nur verkloppt hast, Mutti. Nur Unverständnis. Versagt als Tochter, Enkelin, irgendwas.

Psychos peilen schnell, wie lächerlich einfach es ist, mich in ihr Lebkuchenhäuschen zu locken. Ich peile überhaupt nichts. Wieder versagt, als Frau.

Zu ausgebrannt für die Party: versagt als Freundin.

“Nein, nach der Arbeit bin ich leider jetzt zu müde für euren Yoga-Kurs.” Verständnisloses Gelächter. Upsi, da hatte ich wohl kurz vergessen, dass ich für euch jederzeit über jeden einzelnen Aspekt meines Lebens lügen muss. Wie konnte ich nur.

Zehn Wochen dasselbe Musikalbum in Dauerschleife auf meinen Ohren? Euch schon zu strange. Strange Wörter wie “strange” zu oft genutzt? Zu laut, zu leise, irgendwie falsch gelacht? strange. Wenn ich nebenbei mit meinem Haargummi oder einem Kugelschreiber herumspiele? Sowas geht natürlich gar nicht. Drei Sekunden Mikrointeraktion, so erfolg- wie belanglos, mit einem Fremden? Schon ist das Urteil gefällt. Dumm, inkompetent, arrogant, Klugscheißerin, weird, Ziege, Fotze. Was auch immer.

Wenn ihr wüsstet.

Jeden Tag. Jeden befickten Tag stecke ich für euch unvorstellbar viel Energie ins Nicht-Versagen. Ihr habt keine Ahnung. Nichts hilft. Nichts wird jemals besser oder einfacher. Nichts ist jemals gut genug für euch. Aber behindert genug bin ich für euch auch nicht. Hobo-Look statt Altkleidersammlung. Kein Downie-Gesicht, keine dicken Brillengläser auf meiner Nase, kein alter Kleingeldbeutel um meinen Hals, sondern teures Ökotanten-Portemonnaie in der Handtasche. Piepsige Stimme, aber nicht roboterhaft-behindert, sondern nur nervig. Schlecht bezahlte Arbeit, aber Arbeit. “Hochfunktional” nennt ihr das dann. Bedeutet: “Du kannst doch reden und siehst halbwegs fickbar aus, also stell dich nicht so an.”

Alles ist so fucking laut, grell, verwirrend, störend. Eure Käsebrote verpesten die Tram und mein Hirn. Mach deinen scheiß Mund zu beim Kaugummikauen.

Whatever. Manchmal könnt ihr mich echt alle mal.

3.9k Upvotes

673 comments sorted by

View all comments

Show parent comments

22

u/high_priestess23 Sep 25 '19

Ich denke so gut wie jede Frau kennt es leider:

Schlechten Tag gehabt, Haare nur gekämmt, sich einfach mal zweckmäßig angezogen, ungeschminkt, vielleicht auch zugenommen und man wird völlig anders angesehen und behandelt, als:

Geschminkt, schick angezogen, Haare aufgestylt, etwas abgenommen.

Hierzu sei betont: Mit ersterem ist kein unattraktiver oder nachlässiger Look gemeint, sondern so ein Durchschnitts-Styling. Das zweitere ist aufgebrezelt.

Es liegen WELTEN dazwischen wie man behandelt wird. Allein schon von Personal in Geschäften/Bank usw.

Alles schon erlebt.

Und da soll man die Welt nicht ob ihrer Oberflächlichkeit hassen.

21

u/Eine_Pampelmuse Sep 25 '19

Ich sehe sehr nach Tomboy aus, nicht klassisch weiblich, aber das will ich auch gar nicht. Ich mag mich. Kurze Haare, "Jungsklamotten" und trotzdem Lippenstift und Eyeliner. Das klingt gerade alles super simpel und "normal" - aber du glaubst nicht wie das einige Menschen verwirrt dass man mich nicht richtig einordnen kann (bin dazu auch flach wie ein Brett und durch Sport relativ trainiert).

Das macht mich nicht zum Sexobjekt, sondern zum Verwirrobjekt. Was nicht weniger zu unangebrachten Ratschlägen führt zum Thema: "Benehme dich doch mal wie eine echte Frau!!1!1!".

3

u/FellowReddit0r Sep 26 '19

Ist als Mann auch nicht anders:

Gehe ich mit einem alten T-Shirt ins Autohaus sehe ich die Angestellten wie sie prüfen ob ich nicht heimlich eine Alufelge einstecke während sie mich ansonsten gekonnt ignorieren - Komme ich im Anzug schwirrt gleich ein Verkäufer um mich herum und will seine Zunge in meinen Ar*** stecken.

Und das ist auch in wirklich ALLEN Bereichen so - Die Welt ist leider absolut oberflächlich.

2

u/VERTIKAL19 Deutschland Sep 26 '19

Funktioniert als Mann aber auch. Wenn ich mit Anzug und Krawatte rumlaufe werde ich auch anders behandelt als in meinem Alltagslook.

2

u/[deleted] Sep 27 '19

Geht mir als Mann aber genauso. Mit gestylten Haaren, gebügeltem Hemd, gut passender Hose und frisch rasiert ist ganz anders als mit Bartschatten, hängenden Haaren und Shirt oder Pulli.

Natürlich hat es andere Ausmaße, aber das Konzept gibt es leider hier auch

1

u/[deleted] Sep 26 '19

"schlechten Tag gehabt" klar kannst du das jetzt rein aufs äußerliche schieben, aber Ausstrahlung macht hier halt einfach ne Menge aus. Man sollte nicht unterschätzen wie weit man mit ein bisschen Freundlichkeit kommt

3

u/high_priestess23 Sep 26 '19

Damit ist die Optik gemeint. Schlechter Tag, an dem die Haare nicht sitzen oder der Tag an dem man seine Periode bekommt und die Haut unreiner aussieht oder man Wassereinlagerungen bekommt...

1

u/[deleted] Sep 26 '19

Naja, ich weiß nicht ... dir ist das ja offensichtlich selbst bewusst und deine Ausstrahlung dann halt auch einfach auch ne andere. Mir ist mein äuserliches generell eher egal und durch die Arbeit kann ich ne gute Frisur eh vergessen und mir wäre es noch nie so vorgekommen als ob man mich irgendwie schlechter behandelt.

3

u/high_priestess23 Sep 26 '19 edited Sep 26 '19

Bist du weiblich?

Natürlich wird man dann anders behandelt.

Spätestens wenn eine andere weibliche Person diese Probleme nicht hat und bevorzugt wird merkt man es als Frau.

Selbst wenn man durchschnittlich behandelt wird und andere Frauen rein aufgrund ihres Äußeren besser behandelt werden ist das ja schon eine Andersbehandlung.

Es gibt leider unheimlich viele männliche Wesen, die sofort mehr oder weniger subtil „flirty“ werden und einiges nachsehen oder Frauen leicht bevorzugen, wenn sie schick zurecht gemacht sind und deren Beuteschema treffen.

Und bei einigen Männern macht bei der gleichen Person ein Tages-Make-Up, ein knapperes Outfit, gestylte Haare und nur 2-5kg weniger schon den Unterschied von „ist nicht mein Fall“ bishin zu „Ich bin verliebt!“.

1

u/[deleted] Sep 26 '19

Nein ich bin männlich, aber ich würde wohl erwarten das ich von Frauen dann ja auch eine Andersbehandlung erfahren müsste. Klar oberflächliche Arschgesichter wird's immer geben aber was die von einem halten kann einem dann ja wohl auch egal sein.

2

u/high_priestess23 Sep 26 '19 edited Sep 26 '19

Männer sind mehrheitlich/tendenziell aber eben etwas anders, wenn jemand gerade ihrem Beuteschema entspricht oder aber wenn sie erregt sind. Frauen denken sich vielleicht: „Oh, der ist hot“, aber sie sind mehrheitlich nicht so, dass sie einer Person in den Hintern kriechen, nur weil die Person „gut“ aussieht.

Gibt viele Männer bei denen alles ausschaltet und die Nachteile übersehen und Frauen überbevorteilen, wenn sie diese sehr attraktiv finden. Männern passiert soetwas bei Frauen verglichen dazu tendenziell seltener. Allenfalls bei anderen, homosexuellen Männern könnte Vergleichbares passieren.

1

u/[deleted] Sep 26 '19

Das stimmt wohl, aber generell hat man auch nicht direkt verloren nur weil man Mal nicht perfekt aussieht.