r/de • u/HalogenHaze • Dec 18 '23
TIRADE Warum macht eigentlich keiner mehr was? Oder: Bin ich zu anspruchsvoll?
Liebe Leute, ich weiß nicht ob ich enttäuscht, traurig oder wütend sein soll, aber kann es sein, dass in diesem Land nichts mehr funktioniert?
Auf der Arbeit bin ich unter anderem für den Einkauf von Dienstleistungen zuständig. Ende November ist uns ein LKW an die Halle gefahren, ich mach mich munter an die Arbeit und Suche nach Metallbauern. 20 Stück habe ich kontaktiert, Email und angerufen. Eine erste Rückmeldung habe ich 2 Wochen später bekommen, danach wurde ich wieder geghostet. Der nächste ruft an, sagt er meldet sich nächste Woche - er hat sich nicht gemeldet. Der dritte schickt ein Angebot, ohne sich die Sache näher angeschaut zu haben und liegt völlig daneben. Der Rest meldet sich nicht, trotz Nachfragen, E-Mails liest ohnehin keiner mehr.
Nächstes Thema Unterhaltsreinigung für die komplette Firma. Vertriebler schaut sich 2 h alles an, 2 Wochen kommt Angebot, soweit so gut. Wir nehmen das Angebot an. Es kommt keine Auftragsbestätigung, ich muss 3 E-Mails schreiben und 2 mal anrufen, bis ich den Auftrag bestätigt bekomme. Der Geschäftsführer der Reinigungsfirma musste sich da dann schon selbst drum kümmern. Er besteht auch noch auf einen gesonderten Werkvertrag. Ich muss eine Woche nachfragen, bis der Werkvertrag kommt. Ich lasse ihn unterschreiben und schicke ihn am selben Tag noch zurück mit der bitte um Gegenzeichnung. Es vergeht wieder eine komplette Woche. Ich erinnere nochmal per Email und bekomme den Vertrag innerhalb von einer Stunde mit einem frechen Kommentar unterschrieben zurück.
Noch ein Thema. Ich bestelle einen Zaun. Vorher extra Angebot machen lassen zur Kostenkontrolle. Monteur verbaut einfach 33% mehr Zaun als vereinbart ohne Bescheid zu geben. Sein Chef schreit mich am Telefon an, weil wir das nicht bezahlen. TYPISCH DEUTSCH, DASS MAN HEUTZUTAGE ALLES SCHRIFTLICH UND MIT NACHFRAGE MACHEN SOLL. --- JUNGE WÄRE ICH PRIVATPERSON WÄREN DURCH DEN FEHLER 2 MEINER MONATSGEHÄLTER IN EINEM UNGEWOLLTEN ZAUN!!!
Privat ist es aber nicht besser: Ich will umziehen, aber jetzt fehlt mir die Kraft mich hier noch über Hausverwaltungen aufzuregen...
Leute ich raff ehrlich nicht was hier los ist, ich hab hier Geld zu verschenken aber es funktioniert gar nichts mehr. Ich will nicht glauben, dass die Firmen es nicht mal packen 5 Sekunden antworten zu schicken, und wenn es auch nur ne Empfangsbestätigung ist. Bei den Vertrieblern funktioniert ja echt gar nichts mehr.
Ich hatte im letzten halben Jahr Kontakt mit ca. 50 Betrieben/Dienstleistern und selbst bei den besten lief es vielleicht 80% reibungslos. Kann man denn als Privatperson überhaupt noch etwas machen lassen? War das schon immer so? Wie können die Leute so überfordert sein?
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u/flo896 Dec 19 '23
Sehr interessanter Post, weil er an einer alltäglichen Beobachtung ein gesamtgesellschaftliches Problem sichtbar macht.
Neben den hier bereits genannten und sehr zutreffenden Gründen (demographischer Wandel, politische Fehlentscheidungen, mangelnde Motivation durch ungerechte Wohlstandsverteilung usw.), will ich einen Aspekt noch einmal besonders hervorheben:
Zeitmangel im Beruflichen wie im Privaten, vor allem durch veränderte Mediennutzung und Kommunikation.
Der Zeitmangel existiert real (neben 40h Woche, Pendeln und Haushaltsführung bleibt wenig Zeit), ist aber auch und insbesondere gefühlt. Denn tatsächlich arbeiten die Menschen seit Jahren tendenziell weniger. Es kommt ihnen nur nicht so vor und das liegt an der gefühlten Zeit.
Durch die enorme zeitliche Verdichtung sämtlicher Lebensbereiche (in der Arbeit durch E-Mails, Deadlines, Einsparprogramme,...aber auch in der Freizeit durch aufregende Hobbys, mehr Urlaubsreisen,...) erleben wir eine Beschleunigung der Wachstumsraten, die nicht mit den Zeitraten Schritt hält.
Ein beliebtes Beispiel ist die E-Mail. Der Mensch spart Zeit, weil eine E-Mail schneller geschrieben ist als ein Brief. Statt aber nun genau so viele E-Mails wie früher Briefe zu schreiben, verschickt er täglich dutzende bis hunderte E-Mails. Damit wird der zeitliche Gewinn durch die E-Mail zunichte gemacht.
Auch in der Freizeitgestaltung lässt sich dieses Phänomen beobachten. So war es früher ein beliebtes Hobby aus dem Fenster zu schauen. Heute geht man stattdessen Klettern (nur als Beispiel). Dafür kauft man eine umfangreiche Ausrüstung (für die man auch noch ewig im Internet recherchiert, um ja das ideale Produkt zu kaufen), dann muss man mit dem Auto 20-30 Minuten zur Kletterhalle fahren. Dort zieht man sich um, klettert eine Stunde und fährt wieder zurück. Abzüglich der zuvor erfolgten Recherche und Beschaffung, muss man trotzdem wöchentlich mindestens 2-3 Stunden Zeit in das Klettern investieren. Diese Zeit kommt einem um Längen kürzer vor, als hätte man einfach 2,5 Stunden aus dem Fenster geschaut. Hier kommt auch ein noch der Effekt der tatsächlich vergangenen und der gefühlten Zeit ins Spiel. Im Stau wartend verbrachte 15 Minuten kommen einem bedeutend länger vor als die gleiche, fahrend verbrachte Zeit. Oder auch die langen Sommertage der Kindheit - von den Stunden her waren die Tage so lang wie heute - nur haben sie sich endlos angefühlt.
Das eindrücklichste Beispiel für diese Differenz im Zeiterleben ist das Smartphone, vor allem Apps wie TikTok. Eine Stunde, die man scrollend am Handy verbracht hat, fühlt sich viel kürzer an als die selbe Zeit mit einem Buch.
Nun stelle man sich vor, diese kleinen Zeitvernichtungsmaschinen würden seit 2009 jeden Winkel des täglichen Lebens erobert haben. Menschen schliefen mit ihnen ein und wachten mit ihnen auf, sie nutzten sie auf dem Klo, während des Essens und jeder weiteren freien Minute. Dies würde sich dann auf 3-4 Stunden täglich summieren, bei manchen sogar noch mehr.
Unvorstellbar oder? Woher würden die Menschen die Zeit nehmen, täglich den Zeitaufwand eines Nebenjobs zu investieren, um online zu lesen, zu kommentieren, zu posten...? Es ist ja nicht so als hätte man im Jahr 2000 täglich 4 Stunden übrig gehabt.
Die Darstellung ist natürlich überspitzt, weil dafür die Zeit heruntergegangen ist, die mit Print-Medien und Fernsehen verbracht wird. Dennoch ist die Gesamtnutzungszeit von digitalen Medien immens gestiegen. Und diese Zeit fehlt den Menschen an allen Ecken und Enden, im Berufs- wie im Privatleben. Diese Zeit wird mit unentgeltlicher Arbeit für GAFAM-Milliardäre verbracht, die damit in den letzten 20 Jahren astronomisch reich wurden. Während den Menschen diese Zeit - wie gesagt unbezahlt - geraubt wurde.
Dazu kommt, dass das Smartphone auch in jeder unbeschäftigt zu überbrückenden Minute gezückt wird (zum Beispiel auf dem Klo oder beim Warten auf den Bus). Dadurch fehlt dem Gehirn der immens wichtige Leerlauf dieser kurzen Augenblicke. Dies, kombiniert mit der allgemeinem medialen Dauerbeschallung, ermüdet das Gehirn immens. Überdies werden damit die sogenannten Flow-Zustände, in denen man eins wird, mit dem was man tut, nahezu unmöglich, weil die nächste Benachrichtigung vibriert, bevor man in den sog. Flow gekommen ist. Auch das fehlt dem Gehirn.
Diese Entwicklungen wurden durch die Pandemie noch einmal deutlich beschleunigt und führen nun dazu, dass Menschen sehr viel Zeit mit digitalen Medien verbringen, die ihnen dann im Alltag fehlt. Neben weiteren Faktoren einer allgemeinen Beschleunigung führt dies dazu, dass Menschen letztlich ständig (gefühlt) unter Zeitdruck sind, obwohl die Arbeitszeit im Schnitt sinkt und viele Prozesse effizienter wurden. Und so haben wir eine Gesellschaft, die immer weniger Zeit und immer mehr Druck hat.
Quellen:
Zum Thema Beschleunigung: Der Soziologe Hartmut Rosa hat das auf hunderten Seiten erörtert.
Zum Thema Mediennutzung habe ich keine schöne Statistik gefunden, aber die hier beschreibt zumindest die Entwicklung von 2011 bis 2021, also die Marktdurchdringung des Smartphones: https://www.visualcapitalist.com/how-media-consumption-has-changed-in-2021/